(2005)
Ende der neunziger Jahre
herrschte in Afghanistan eine bedrohliche Nahrungsmittelnot. Trotz
mehrjähriger
großer Dürre blieb internationale Hilfe aus. Vertreter des UN-World
Food Program
schätzten, dass im Winter 2001 fünf bis sieben Millionen Menschen in
Afghanistan dem Hunger ausgeliefert sein würden (Porter 2001). Nach
Angaben der
Deutschen Welthungerhilfe fehlten in Afghanistan 2,1 Millionen Tonnen
Getreide
(Frankfurter Rundschau, 20.6.2001), während dem UNHCR zufolge allein in
Pakistan 40.000 Tonnen Nahrungsmittel lagerten und weitere 165.000
Tonnen auf
See oder in internationalen Häfen auf die Verladung warteten.
UNO-Generalsekretär Annan appellierte an die Weltöffentlichkeit, neben
einer
militärischen Koalition gegen den Terrorismus auch eine Hilfskoalition
für die
Leidtragenden zu bilden (Neue Zürcher Zeitung, 29.1.2001).
Dies war das Startsignal für
die internationale
»humanitäre« Intervention. Wenige Monate zuvor, im Sommer 2001, waren
einige
wichtige Wirtschaftsverhandlungen der USA und Westeuropas mit den
Taliban – es
ging vor allem um den Bau von Erdölpipelines – gescheitert. Damit und nicht erst nach den
Anschlägen vom 11. September 2001 begann
der militärische
Konfrontationskurs der USA und ihrer Verbündeten gegen Afghanistan.
Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich
daher auch nicht mit dem
offiziellen Begründungszusammenhang für den globalen »Krieg gegen den
Terrorismus«, sondern mit strukturellen Herrschaftsfragen im Kontext
des
Krieges. Flüchtlingspolitik, so eine zentrale Grundannahme des
Beitrages, wird
Teil des Krieges, wenn die ökonomische Selbständigkeit von Flüchtlingen
systematisch zerstört wird. Daher soll im Folgenden der Frage
nachgegangen
werden, welche sozialpolitische Rolle die Errichtung neuer Lager und
die
massenhafte Rückführung von Flüchtlingen spielten. Hier
wird es in einer ersten Annäherung darum gehen, grundlegende Daten und
Fakten
zum Thema zusammenzutragen.
Seit der sowjetischen Besetzung
des Landes führt
Afghanistan die Statistik über die wichtigsten Herkunftsländer der
weltweit
erfassten Flüchtlinge an.[1]
Zwischen
vier und sieben Millionen afghanische Menschen sind allein seit Beginn
der
achtziger Jahre in die beiden Nachbarländer Pakistan und Iran geflohen.
Selbst
2003 lebten dort noch 2,1 Millionen Afghanen (UNHCR 2005). Zum
Vergleich: Die
Mitgliedstaaten der EU haben zusammen nur 1,6 Millionen aller
weltweiten
Flüchtlinge aufgenommen (Stand: 2001). 2001 wurde Afghanistan erstmals
auch das
wichtigste Herkunftsland von Asylantragsstellern in den
Industriestaaten.
Zwischen 2000 und 2001 nahm hier die Anzahl der Anträge von
afghanischen
Kriegsflüchtlingen von 19.800 auf 54.600 Anträge zu (UNHCR 2002b).
Noch bis Ende der neunziger Jahre
galten die afghanischen Flüchtlingsbewegungen als eine regionale
Angelegenheit,
auch wenn die afghanischen Mudjahedin weit
über den Kalten Krieg hinaus für die USA, Westeuropa und Australien
eine entscheidende
strategische Bedeutung hatten. Danach wurden afghanische Flüchtlinge zu
einem
globalen »Problem« erklärt und ab 1999 in fast allen Ländern zu Opfern
von
Internierung und Abschiebungen.[2]
Die umfangreichsten
Repatriierungsprogramme unter der Regie internationaler Organisationen
betrafen
vor allem die in Pakistan und im Iran lebenden Flüchtlinge. Ihre
Rückführung
war »die größte Aktion ihrer Art seit drei Jahrzehnten«, schrieb
das Hohe Flüchtlingskommissariat der
Vereinten Nationen (UNHCR
2002a: 19).
Der Iran beherbergte seit Beginn der
achtziger Jahre ungefähr 2,5
Millionen afghanische Flüchtlinge, von denen etwa fünf bis zehn Prozent
in
Lagern lebten (USCR 2002). Die iranische Regierung wirkte über ihre
Unterstützung der schiitischen Hazara-Flüchtlinge und ihrer
Widerstandsbewegungen nach Afghanistan hinein.
Vor allem in den neunziger Jahren stiegen die
iranisch-afghanischen
Spannungen an. Als die iranische Regierung im August 1998 200.000
Soldaten an
der Grenze zu Afghanistan zusammenzog und umgekehrt die Taliban den
Iran mit
Raketenbeschuss drohten, wurden die afghanischen Flüchtlinge, welche
erheblich
zum iranischen Wirtschaftsboom beigetragen hatten, zum Sündenbock. Der
ohnehin
latent vorhandene Rassismus gegenüber Afghanen erwachte zu neuem Leben.
Übergriffe häuften sich. Als um die Jahreswende 1998/1999 die
bilateralen
Konflikte ihren Höhepunkt erreichten, schob der Iran über 50.000
afghanische
Flüchtlinge nach Afghanistan ab (EU-HLWG 1999: 12).
Schon seit langem führt
der Iran
an seiner Grenze zu Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan einen
regelrechten
Krieg gegen Schmuggler und heimliche Grenzgänger. Mit 42.000 Soldaten,
Polizisten und Milizionären hat die Islamische Republik rund ein
Zehntel ihrer
Ordnungs- und Streitkräfte an der 1.950 Kilometer langen Ostgrenze
postiert.
Vom äußersten Norden bis zum Indischen Ozean stehen über 200
Beobachtungstürme.
Dutzende von Betonmauern versperren zahlreiche Pässe; Gräben und
Stacheldraht
ziehen sich über Hunderte von Kilometern hin. Die Sicherungsmaßnahmen
verursachten Investitionskosten in Höhe von einer Milliarde US-Dollar.
Hinzu
kommen die Kosten für den Unterhalt. Für das Jahr 2000 bewilligte das
iranische
Parlament 25 Millionen US-Dollar, um die Grenze weiter zu befestigen.
Zwischen
1979 und 2000 starben bei Zusammenstößen mit »Schmugglern« über 3.000
Mitglieder der Sicherheitskräfte (Islamic Republic of Iran Drug Control
Headquarters 2000).
In Pakistan leben seit zwei Jahrzehnten vier
bis fünf Millionen
afghanische Flüchtlinge. Sie gelten als Faustpfand pakistanischer
Interessen
und dienten anfangs als Basis der antisowjetischen
Widerstandsbewegungen. Die
pakistanische Regierung von General Zia ul-Haq schmiedete die
Mudjahedin zu
einer Koalition von sieben sunnitischen Parteien zusammen und gab ihnen
einen
festen Sitz in Peshawar. Pakistan finanzierte mit US-amerikanischen und
saudischen Geldern die Mudjahedin als »freedom fighters« und rüstete
sie mit
Waffen der USA aus, so dass diese Flüchtlingsregion zum »frontline
state« in
der Blockkonfrontation der achtziger Jahre wurde.[3]
Die
Hälfte der afghanischen Flüchtlinge in Pakistan lebt dauerhaft in
Lagern. Die
Afghanen in Pakistan wurden bisher nicht eingebürgert. Dennoch fällt es
schwer,
sie pauschal als Flüchtlingspopulation von der lokalen Bevölkerung zu
unterscheiden. Ihre Situation ist seit jeher von Hunger und Mangel,
aber auch
von großer sozialer Selbständigkeit und Eigeninitiative gekennzeichnet.
Es ist
eine informelle Wirtschaft der Flüchtlinge entstanden, die eng mit der
»versunkenen« Ökonomie des Landes verflochten ist. »In Karatschi leben
etwa
eine Million Afghanen; sie sind inzwischen Teil der kosmopolitischen
Atmosphäre
der Stadt. Viele von ihnen betreiben ganz legal ihre Geschäfte und
arbeiten
ohne Spannung oder Animosität als Kollegen der Pakistanis. An der
Grenze leben
die ethnischen Verwandten der Paschtunen, aus denen ein großer Teil der
afghanischen Bevölkerung besteht, und das Gefühl der Solidarität ist
auf beiden
Seiten der Grenze sehr stark« (Shamsie 2002). Doch in den letzten
Jahren wurden
die Afghanen in Pakistan wie auch im Iran wieder zu Fremden und
Flüchtlingen
gemacht, bedroht von Razzien, Internierungen und Abschiebungen.
Außerdem
drängte man die afghanischen Neuankömmlinge, die vor dem Krieg der USA
und
ihrer Verbündeten geflohen waren, gänzlich in die Hungerarmut.
Das Gros der 150 bis 200
afghanischen Flüchtlingslager
Pakistans befindet sich in der Nordwestprovinz (North-West Frontier
Province/NWFP), die zwanzig Millionen Einwohner zählt. Die
Millionenstadt
Peshawar ist mittlerweile eine der wichtigsten afghanischen Exilstädte.
Dieses
Grenzgebiet bildete seit 1849 die vorgeschobene Front des britischen
Empire.
Nach dem zweiten britisch-afghanischen Krieg (1878/1880) teilten
sich die Kriegsgegner die zwischen ihnen liegende Pufferzone auf. Die
Grenze,
die seitdem dieses Gebiet durchschneidet, wurde nach dem britischen
Unterhändler Durand-Linie benannt. 1901 entstand die NWFP in ihren heutigen Umrissen als ein Teil von
Britisch-Indien.
Über Jahrzehnte zeichnete sie sich durch kriegerische Unruhen aus.
In den grenznahen Gebieten der NWFP, die als
»Federally Administered
Tribal Areas« (FATA) gelten, verfügen die Lokalherren wie zu britischen
Kolonialzeiten über eine weitgehende
Autonomie. Es
gilt wie vor hundert Jahren das kollektive Strafrecht (»Frontier
Crimes
Regulation«), mit dem traditionelle
Machthaber ganze
Dörfer unter Druck setzen können.[4]
Gewaltenteilung
und individuelle Rechtsgarantien gibt es dort nicht. Zudem sind die
FATA mit
Landminen pakistanischer und US-amerikanischer Provenienz übersät – ein
Erbe,
das die »freedom fighters«, die Mudjahedin, dort hinterlassen haben
(Land Mine
2002).
Diese »erratic boundary line«
durch den Hindukusch weist
außer dem Khyber-Pass kaum weitere offizielle Grenzübergänge auf.
Zahlreich
sind aber die nicht registrierten grenzüberschreitenden Pfade durch das
unübersichtliche Gebirge, das unter der Bezeichnung »Tora Bora« als
Kriegsgelände der US-Attacken international bekannt geworden ist. Die
übrigen
Teile der NWFP unterscheiden sich gesellschaftspolitisch beträchtlich
von den
anderen Grenzregionen. In den
tiefer gelegenen, dichter besiedelten Gebieten haben sich die
meisten afghanischen Flüchtlinge dauerhaft niedergelassen, zum Teil in
Lagern,
zum Teil aber auch in der urbanen Großregion von Peshawar.
Eine afghanische Aktivistin der
Revolutionären Frauenorganisation
Afghanistans (RAWA), Saha Saba, die einen Großteil ihres Lebens in den
Lagern
und Großstädten Pakistans verbracht hat, erzählt von ihren Erfahrungen:
»Nachdem wir [1980] ein paar Monate in
Pakistan waren,
haben wir von den Vereinten Nationen Zelte bekommen. Damit ging unser
Leben als
Flüchtlinge wieder weiter. Das war ganz nah an der Grenze, eine halbe
Stunde
Autofahrt bis nach Afghanistan. In der ›tribal area‹ befanden sich
damals die
meisten Lager. Wir
lebten da
schließlich ein ganzes Jahr in Zelten. Danach versuchten die meisten
Leute,
dort ihre eigenen Häuser zu errichten. Wir machten dasselbe. Es war ein
schwieriges Leben, und die einzige Freude war, dass keine Bomben
fielen, dass
keine Panzer kamen und die Leute bedrängten und dass keine Soldaten
kamen, um
jemanden zu verhaften oder umzubringen.«[5]
Die Lager in der FATA
waren von
den größeren Siedlungen weit abgelegen. Viele der Bewohner bekamen die
brutale
Herrschaft afghanischer Warlords und rigider Verhaltensnormen zu
spüren: »Meine
Mutter und auch andere Frauen in der Familie hatten vorher auf dem Dorf
gewohnt, dort hatten sie mehr Freiheit. Sie konnten rausgehen, sie
konnten auch
auf dem Feld draußen mit den Männern arbeiten, und sie konnten
Verwandte
besuchen. Sie wurden nicht unter die Burka gezwungen. Aber mit der
Ankunft in
Pakistan hieß es, wir sind im Ausland, und die ausländischen Männer
würden
verächtlich auf uns herabblicken. Auch ältere Frauen mussten nun die
Burka tragen
und sollten nach Möglichkeit nicht mehr alleine in die Öffentlichkeit
gehen.
[...] Besonders für viele Frauen, die aus den Dörfern gekommen waren,
war es
so, als wären sie jetzt im Gefängnis. [...] Sie hatten das Leben dort
richtig
satt. Das war ganz anders als vor der Flucht.«
Einschneidend für die
allgemeine Lebenssituation in den
Lagern war die Veränderung, die auf die Auflösung der weltweiten
Blockkonfrontation folgte: Als die Regierung in Kabul 1992
zusammenbrach,
schaffte der UNHCR in Pakistan das Bezugskartensystem für Lebensmittel
ab. Von
wenigen Ausnahmen abgesehen, stellte das UN-World Food Program ab
Mitte der neunziger Jahre die Nahrungshilfe an afghanische Flüchtlinge
in
Pakistan ein (Kessler 2002). Damit war ein Großteil
der Männer zum Verlassen der Lager und zur Lohnarbeit in den Städten
gezwungen.
Der Bausektor in Karatschi, Quetta und Peshawar erlebte einen ungeahnten
Boom.
»In jener Zeit konnten
Flüchtlinge von einer Stadt zur
nächsten reisen, sie konnten sich dort aufhalten. Sie konnten zwar
nicht im
staatlich kontrollierten Sektor arbeiten, sondern nur auf dem Bau, aber
als
Flüchtlinge waren sie irgendwie akzeptiert. Heute bekommen sie in den
Städten
keine Wohnungen mehr, sie leben mitten in den urbanen Zentren erneut in
Zelten,
direkt neben den Rohbauten, meist für zehn bis zwölf Monate. Ich weiß
nicht, in
welchen Ländern es Sozialversicherung und Ähnliches gibt, in Pakistan
gab es
nichts davon für die Flüchtlinge. Wenn sie umgebracht werden oder
einfach
sterben, erfahren ihre Familien häufig monatelang nichts davon, weil
die
Kommunikation so schwierig ist, kein Telefon, nichts.«
Ausländer- und Flüchtlingspolitik im Iran und
in Pakistan seit
1998/1999
In den Jahren 1998 und 1999
wandelten sich die
internationalen Beziehungen in der Region. Die bilateralen Konflikte
zwischen
Afghanistan und seinen Nachbarländern wurden zu internationalen
Flüchtlingskrisen umdefiniert. Experten großer Organisationen und
mächtiger Regierungen
kamen als Berater und saßen bei Flüchtlingskonferenzen mit den
regionalen Regierungsvertretern
an einem Tisch. Gearbeitet wurde an einem länderübergreifenden Ansatz,
der die
gemeinsamen Interessen aller Staaten gegen die Flüchtlingsbewegungen in
den
Vordergrund stellte. Zwei große Ziele wurden verfolgt: Die humanitären
Organisationen suchten jetzt nach so genannten Exit-Strategien, die
ihnen den
Ausstieg aus den jahrelangen Hilfsprogrammen ermöglichen sollten. Denn
für die
kostenintensive Rückführung von Flüchtlingen wurde inzwischen mehr Geld
geboten
als für ihre Existenzsicherung. Zudem lockte eine langfristige
Förderung, wenn
sich NGOs in staatliche Aufbauarbeit und in regionale
Wirtschaftsprogramme
einbinden ließen. Faktisch bedeutete dies eine wachsende Abhängigkeit
von neoliberalen
Instanzen wie zum Beispiel der Weltbank.
Die wichtigsten Institutionen
und Akteure in der
Flüchtlingspolitik in der Region sind das Hohe Flüchtlingskommissariat
der
Vereinten Nationen (UNHCR), die International Organization for
Migration (IOM)
und die Internationale Föderation von Rot-Kreuz- und
Rot-Halbmond-Gesellschaften (IFRC) sowie das Internationale Komitee vom
Roten
Kreuz (IKRK). Eine große Bedeutung haben darüber hinaus internationale
NGOs wie
Cooperative Assistance and Relief Everywhere (CARE), Oxford Committee
for
Famine Relief (OXFAM) und Médecins Sans Frontières, von denen die
meisten in
den letzten Jahren große Budgetzuwächse verzeichnen konnten, deren
Mitarbeiter
vor Ort allerdings zunehmend erheblichen Gefährdungen ausgesetzt sind.
Der UNHCR, der ursprünglich ein
gemäßigt kritisches
»Monitoring« gegenüber den Ausländerbehörden der Industriestaaten
betrieb, hat
sich inzwischen ausgewählten Herkunftsregionen von Flüchtlingen
zugewandt. Er
verfügt mittlerweile über eine kriegsbegleitende Lagerverwaltung mit
einem
zentralen Warenlager in Dänemark und mobilen Ausrüstungen, die schnell
in die
aktuellen Kriegs- und Krisenregionen verbracht werden können. Als
Organisation
der UN vollzieht er seit Mitte der neunziger Jahre einen grundlegenden
Konzeptionswechsel: Der Schutz von Flüchtlingen wird als umfassende
»humanitäre« Sicherheit neu definiert, womit die Sicherheit von
Flüchtlingswerks-Mitarbeitern und sogar von Staaten aufgewertet wird.
Unkontrollierte Emigration, erst recht größere Fluchtbewegungen, werden
dagegen
zum Sicherheitsrisiko erklärt. »Indem Flüchtlinge zur Hauptquelle der
Bedrohung
staatlicher Sicherheit gemacht werden, trägt der Begriff ›human
security‹ mehr
zur Verschleierung bei, als dass er die Widersprüche auflöst; er
vermehrt die
Unsicherheit für Vertriebene und Flüchtlinge«, beurteilt ein
kanadischer
Flüchtlingspolitikexperte die Neukonzeption des UNHCR (Adelman 2001:
15).[6]
Etwas anders liegt der
Fall bei
der IOM: Ihr Geschäft war schon immer die »freiwillige« Rückkehr, die
kaum
kaschierte Abschiebung und das »Consulting« bei Grenzaufrüstungen.
Mittlerweile
hat sie ein politisch-soziales Kontaktnetz in den meisten Ländern der
Welt aufgebaut
und konzentriert sich nun ebenfalls auf die Lagerpolitik am Rande der
Kriege.
Im Unterschied zum UNHCR wird sie nicht von Strukturen des
internationalen
Rechts kontrolliert. Die USA haben sie als Instrument des Kalten Kriegs
vor
über fünfzig Jahren gegründet, und mit den aktuellen Kriegen der USA
und ihrer
Alliierten entpuppt sie sich aufs Neue als von US-Interessen
gesteuertes Werkzeug
zur Regulierung von Migrationsbewegungen, dieses Mal in offenen Kriegen.
Die IFRC und das IKRK
haben seit
1999 Krisenreaktionskräfte (»Emergency Response Units«/ERU) aufgebaut,
die
innerhalb kürzester Zeit überall auf der Welt einsetzbar sind. Die
Lagermodule,
auf die sie vorbereitet sind, umfassen die Größe von jeweils 20.000 bis
30.000
Personen. Die Lager dieser Größenordnung werden dann von den ERU nach
standardisierten Vorgaben bewirtschaftet. CARE, OXFAM und Médecins Sans
Frontières waren auch an der internationalen Planung der Lagerpolitik
am Rande
des US-amerikanischen Krieges gegen Afghanistan beteiligt.[7]
Im November 1998 prüfte
die
pakistanische Bundesregierung Empfehlungen internationaler
Organisationen, wie
»illegale Immigranten« registriert und von der pakistanischen
Bevölkerung
»isoliert« werden könnten (Dawn, 13.11.1998). In der Folge ließ die
Regierung
zunächst die Grenzkontrollen auch zwischen den Provinzen verstärken.
Innerhalb
von sechs Monaten sollten sich die afghanischen »Illegalen« freiwillig
registrieren lassen, ohne dadurch jedoch Bürgerrechte zu erlangen. Neue
Lager
sollten errichtet und den registrierten Ausländern Arbeitsgenehmigungen
ausgestellt werden. Massenhafte Abschiebungen wurden vorerst als zu
teuer
erachtet. Stattdessen sollten Razzien gegen »illegal Beschäftigte«
durchgeführt
und mehr Leute verhaftet werden. Es wurde festgelegt, dass spätestens
nach
sieben Jahren ein Ausländer in sein Herkunftsland zurückkehren muss.
Für die
Registrierung der Ausländer sollte ein eigenes Gouverneursamt
eingerichtet
werden.
Die Umsetzung einiger
dieser
Empfehlungen ließ nicht lange auf sich warten. Der UNHCR verlangte von
den
Flüchtlingen seine Rationskarten zurück. Diese hatten in den achtziger
und
neunziger Jahren zunächst als Berechtigungsscheine für Lebensmittel und
dann
als Ausweisersatz gegolten. Vorübergehend stellten die pakistanischen
Behörden
»Refugee Identity Cards« aus, die jedoch im Jahr 2000 ihre Gültigkeit
verloren.
Nach Angaben von Saha Saba bestand das größte Problem darin, dass die
Mehrheit
der Afghanen in Pakistan anschließend über keinerlei Ausweisdokumente
mehr
verfügte und in ihrer Mobilität stark eingeschränkt war. »Wenn die
Männer von
einer Stadt zu einer anderen reisten, wurden sie von der Polizei
angehalten und
beleidigt. Vielfach wurden sie dann nach Afghanistan zurückgeschickt,
ohne dass
sie ihre Familien benachrichtigen konnten. Von der Straße weg wurden
sie in
Autos gepackt, an die Grenze gefahren und zurückgeschoben. [...] Das
passierte
hauptsächlich ab 2000, aber nach dem 11. September [2001] ist die
Politik noch
restriktiver geworden. Jetzt gibt es gar keine Möglichkeiten mehr,
irgendeine
Genehmigung von der pakistanischen Regierung zu bekommen. Sie stellen
in
Pakistan auch keine neuen Visa mehr aus.«
1999 und 2000 ging die
pakistanische Polizei zu Razzien
gegen die Flüchtlinge in den Großstädten über. Die Polizei in Peshawar
und
Islamabad veranstaltete regelrecht Jagd auf nicht registrierte
Afghanen, die
sie mit dieser abschreckenden Praxis zur Rückkehr nach Afghanistan zu
bewegen
versuchte. Viele Berichte besagen, dass verhaftete Flüchtlinge
gefoltert wurden.
Das polizeiliche Vorgehen erfolgte nach Angaben der RAWA-Sprecherin
Sadaba Poya
auf Anordnung der pakistanischen Regierung. Sie berichtet vom Tod eines
Afghanen
namens Salahuddin in Islamabad, der im Juni 2001 gestorben war, nachdem
ihn
Polizisten aus einem fahrenden Auto gestoßen hatten. Jeden Tag gebe es
zahlreiche ähnlicher Unfälle (AWM 2001). Nach dem Tod von Salahuddin
fanden in
den pakistanischen Großstädten Demonstrationen von afghanischen
Flüchtlingen
gegen die Razzien statt. »Diese Kombination von Faktoren führte dazu,
was ein
Vertreter der UN-Flüchtlingspolitik einen ›irreversiblen und
qualitativen‹
Wandel in der Politik und den Maßnahmen der pakistanischen Regierung
gegenüber
afghanischen Flüchtlingen nannte« (USCR 2001: 5). Unter den
afghanischen
Flüchtlingen in Pakistan kam es ab Mitte 2000 zu einer »weit
verbreiteten
Panik«.
Konzertierte Lagerpolitik
Die Praxis, gegenüber den afghanischen
Flüchtlingen neue
und schärfere Ausländer- und Aufenthaltsgesetze anzuwenden, blieb nicht
auf
Pakistan beschränkt. Beispiele aus anderen Nachbarländern weisen auf
eine
Parallelität in den Restriktionen hin: Auch die iranische Regierung
verschlechterte Ende der neunziger Jahre die Aufenthaltsmöglichkeiten
für
afghanische Flüchtlinge. 1999 unterzeichnete der Iran mit dem UNHCR ein
»Aide
Memoire« mit dem Ziel, jährlich 120.000 Afghanen zur »freiwilligen
Rückkehr«
nach Afghanistan zu bewegen. Noch im selben Jahr schob der Iran 100.000
afghanische Flüchtlinge ab, weitere 140.000 seien freiwillig
zurückgekehrt.
Angesichts dieser Umstände hat Médecins Sans Frontières seine
Zusammenarbeit
mit dem UNHCR im Iran inzwischen aufgekündigt (Libération, 13.02.2001).
Im
November 2001 schloss das iranische Rote Kreuz ein »Memorandum of
Understanding«
mit der IOM ab, und der Iran wurde im selben Monat volles Mitglied der
IOM (IOM
2001; Pakistan Delegation 2001). Acht Abschiebelager, so hieß es Ende
September
2001, sollten im Iran entstehen. Noch im Jahr 2001 erfassten die
iranischen
Behörden die Personendaten, einschließlich der Fingerabdrücke, von 2,3
Millionen Afghanen im Land. Mehr als die Hälfte davon waren angeblich
»Sans
Papiers«.
Man hatte sich
offensichtlich international verständigt, gleichzeitig und mit
ähnlichen
Mitteln gegen die afghanischen Flüchtlinge vorzugehen. Im Herbst 2000 –
ein
Jahr vor dem Beginn des Angriffs der USA und ihrer Verbündeten auf
Afghanistan
– schlossen die GUS-Staaten, der Iran und Pakistan die Grenzen zu
Afghanistan.[8]
Danach strandeten im nördlichen Niemandsland zwischen Afghanistan und
Tadschikistan auf einigen Inseln des Grenzflusses 14.000 Flüchtlinge.
Weitere
50.000 Menschen blieben vor dieser Grenze bei Khoja Bahauddin stecken
(Neue
Zürcher Zeitung, 9.1.2001). Die pakistanische Regierung öffnete ab und
an den
Khyber-Pass und andere Kontrollpunkte, um die sich stauenden
Flüchtlingsgruppen
doch noch in kleinen Schüben ins Land zu lassen. Doch im Jahr 2001
statuierte
sie am Grenzübergang Chaman ein Exempel: 20.000 Flüchtlinge wurden
aufgehalten.
Damit entstand ein weiteres Lager im Niemandsland der afghanischen
Grenzregionen. Schließlich blieben ab dem Jahr 2000 vor der iranischen
Grenze
Tausende Flüchtlinge rund um die westafghanische Stadt Herat stecken.
Zwischen
Herat und der Grenze bildete sich eines der größten Flüchtlingslager
der Welt,
das ein Jahr später bereits an die 300.000 Bewohner umfasste (Dietrich
2004).
Die neuen Lager
Im Jahr 2000 begann die
pakistanische Regierung, die
historischen Lager abzuriegeln und die Neuankömmlinge in Behausungen
aus
Plastikplanen direkt daneben festzuhalten. Die neuen Lager bezeichneten
Mitarbeiter der UN-Hilfswerke und Journalisten seit Ende 2000 als
»Todeslager«
(Frankfurter Rundschau, 19.5.2001). Das berüchtigtste Beispiel war
Jalozai. Das
»alte« Lager zählte zu dem Zeitpunkt 50.000 bis 80.000 Bewohner, die
dort zum
größten Teil seit den achtziger Jahren in einfachen Lehmhütten wohnten
und
arbeiteten. In einer Zeitungsreportage hieß es:
»Viele von ihnen
[im ›alten‹ Jalozai] haben es geschafft, sich in Pakistan eine
bescheidene
Existenz aufzubauen. Sie kaufen und verkaufen Gemüse, Schreibwaren,
Seifen,
sind als Geldwechsler tätig oder beteiligen sich am Schmuggel über den
nahe
gelegenen Khyber-Pass. Halbedelsteine, Holz, auch Drogen gelangen auf
diesem
Weg seit Jahren nach Pakistan. Wer in einer der Lehmhütten von Jalozai
wohnt,
darf sich dieser Tage glücklich schätzen. Denn nur wenige hundert Meter
außerhalb des Dorfes, auf einer weiten grauen Ebene, deren Oberfläche
entweder
staubtrocken oder vom Regen knöcheltief aufgeweicht ist, lagern [seit
November
2000] weitere 80.000 Flüchtlinge unter offenem Himmel. [...] Auf Hilfe
haben
die meisten dieser Menschen bisher vergeblich gewartet. Das UNHCR hat
zwar 560 Latrinen
gegraben und versorgt das Lager täglich mit 240.000 Litern Wasser aus
Zisternenwagen. Médecins Sans Frontières und zwei pakistanische
Hilfsorganisationen
betreiben drei einfache Sanitätsposten. Angesichts der Größe des Lagers
und der
Tatsache, dass täglich neue Flüchtlinge ankommen, gleichen diese
Maßnahmen aber
buchstäblich dem Tropfen auf den heißen Stein. Die Todesrate ist
entsprechend
hoch; in den Sterbebüchern sind allein für Februar und März 40 Namen
aufgeführt« (Neue Zürcher Zeitung, 11.4.2001).
Im Mai 2001
veröffentlichte die NWFP-Regierung eine Erklärung, in der sie einen
großen Teil
der im Lande lebenden Afghanen für illegal erklärte. Ab dem 20. Juni
2001
sollten mehrere zehntausend Flüchtlinge in drei Lagern in der NWFP
registriert
werden. Die meisten wollte die Regierung anschließend abschieben lassen
(Neue
Zürcher Zeitung, 21.5.2001).
Im Dezember 2001 – also
schon
während des Kriegs der USA und ihrer Verbündeten – begannen der UNHCR
und
pakistanische Behörden, die Flüchtlinge aus New Jalozai in Grenzlager
abzuschieben, oder transportierten sie direkt nach Afghanistan. Am 12.
Februar
erklärte man offiziell die Auflösung des Lagers. »Durch die Räumung des
Lagers
[New Jalozai] zeigen wir die Absicht der internationalen Gemeinschaft,
dabei mitzuhelfen,
dem Leiden des afghanischen Volkes ein Ende zu setzen und die
Aufnahmestaaten
wie Pakistan zu unterstützen, die so viel der Last in den vergangenen
Jahren
getragen haben«, kommentierte der Hohe Flüchtlingskommissar der UNO,
Ruud
Lubbers, das Vorgehen (UNHCR News, 12.2.2002).
Eines der ersten »alten« Lager, welches die
Regierung der NWFP im März
2001 räumen ließ, war Kohat bei Gumkul Sharif, 50 Kilometer südlich von
Peshawar. Die Bewohner des sehr viel größeren und »historischen« Lagers
Nasir Bagh
kündigten dagegen an, dass sie sich nicht einfach vertreiben lassen
würden.
Nasir Bagh bei Peshawar beherbergte 100.000 Flüchtlinge, es wurde in
den frühen
achtziger Jahren errichtet. Die Flüchtlinge hatten acht
Quadratkilometer Land
belegt und verfügten über 28 Schulen, zehn Madrasas (Koran-Schulen),
105 Moscheen,
drei medizinische Versorgungseinrichtungen und zwei Pumpstationen. Die
Flüchtlinge
sollten zurück nach Afghanistan oder in das 30 Kilometer östlich von
Peshawar
gelegene Lager Shamshatoo umsiedeln. Neben dem dortigen »alten« Lager
sollte
ein neues Gelände bereitgestellt werden. »Selbst wenn die Verwaltung
das
gesamte Lager mit Bulldozern platt machen wird, werden die Flüchtlinge
nicht
gehen, auch wenn die Kinder unter den Trümmern begraben werden«,
schätzte der
Regierungsvertreter Jabarkhel nach
ergebnislosen
Verhandlungen die Lage ein. Obwohl die Regierungsentscheidung zur
Zwangsräumung
von Nasir Bagh innenpolitisch durchaus auf Kritik stieß und die
afghanischen
Flüchtlinge bei der Bevölkerung noch immer einige Sympathien genossen (vgl.
Ali 2001), mussten die Bewohner im Juni
2001
schließlich aufgeben und wurden umgesiedelt.
In den vier Wochen zwischen den Anschlägen in
New York und Washington
und dem Beginn der Angriffe der USA und ihrer Verbündeten legte die
pakistanische Rote-Halbmond-Gesellschaft (PRCS) in einem vorläufigen
Aufruf
(Preliminary Appeal No. 32 vom 21. September 2001) und einem »Operation
Update«
(27. September 2001) einen Plan für die Notfallversorgung von 300.000
Flüchtlingen durch die Internationale Rote-Kreuz-Föderation vor.
Angesichts der
erwarteten massenhaften Fluchtbewegungen nach Pakistan, in den Iran,
nach Tadschikistan und Usbekistan
sollten die neuen
Krisenreaktionskräfte (ERU) des Roten Kreuzes zum Einsatz kommen. Das
Ziel war,
die Flüchtlinge in neuen Lagern in den Grenzregionen aufzuhalten. Jedes
ERU-Modul war für ein Lager in der Größenordnung von 20.000 bis 30.000
Flüchtlingen geplant. Es sah eine minimale medizinische Betreuung, die
Versorgung mit Wasser und Keksen sowie ein Zelt mit vier Decken und
einer
Kochstelle pro Familie vor. Insgesamt war beabsichtigt, im Notfall auf
einen
Schlag bis zu 500.000 Personen versorgen zu können, indem man alle
benötigten
Materialien sofort in die Grenzregionen Afghanistans verbrachte. Die
Logistik
rückte bei diesem neuen Einsatzkonzept zur obersten Priorität auf. Es
gab
bereits einen Vorrat an Decken, Keksen und anderen Hilfsgütern in
Pakistan, der
für 150.000 bis 250.000 Personen reichen sollte. Andere Bestände
sollten vor allem
aus Europa über Usbekistan verfrachtet werden. Wöchentliche
Telekonferenzen mit
den nationalen Rotkreuzgesellschaften und den entsprechenden
UN-Agenturen
standen an.[9]
Insgesamt sollten 70 Grenzlager für eine
Million Menschen entstehen. Ab
September 2001 errichtete der Rote Halbmond (PRCS) mit dem UNHCR
zunächst ein
Dutzend Grenzlager.[10]
Deren Kapazitäten waren in der NWFP auf 99.627 Personen und in dem sich
südlich
anschließenden Balochistan auf 71.298 Personen ausgelegt (PRCS 2001;
Neue
Zürcher Zeitung, 29.9.2001). Die iranische Regierung machte sich
gleichzeitig
daran, acht Abschiebelager auf iranischer und zwei Flüchtlingslager auf
afghanischer Grenzseite einzurichten (Le Monde, 18.9.2001). Nachdem die
ersten
pakistanischen Grenzlager in Betrieb genommen waren, beauftragte der
UNHCR die
Organisation Human Survival and Development (HSD) damit, das Umfeld von
sieben
Grenzlagern in einem Umkreis von zehn Kilometern nach Landminen
abzusuchen. Das
Ergebnis war, dass die Gegend um Kotkai (Bezirk Baujur), Ashgharo,
Bassu,
Ubakzai (alle drei im Bezirk Kurram), Malkana (Bezirk Khyber) und
Roghani
(Bezirk Qila Abdullah) rundum vermint waren. Nur die Region Mohmand
galt als
minenfrei. Schon zuvor hatte die lokale Bevölkerung beträchtlichen
Schaden
durch die Landminen erlitten (HSD 2002; IRIN Peshawar, 10.7.2002).
Ganz offiziell hieß es, die
Lager müssten möglichst wenig »einladend« sein, sollten an besonders
abgelegenen Orten errichtet werden, Verkehrsmittel und
Bewegungsfreiheit
außerhalb der Drahtzäune würde es nicht geben. Nach Ansicht von Alex
Renton,
einem Vertreter von OXFAM, »verletzt dies internationale Schutznormen« (Neue Zürcher Zeitung, 29.9.2001). Von einem
Journalisten
wurde der zuständige UNHCR-Vertreter in Pakistan, Rupert Colville,
gefragt, ob
es sich dabei um eine Art »Konzentrationslager« handele. »Man kann es
so sehen«,
sagte Colville. Das Ziel sei es, in Afghanistan rasch neue Verhältnisse
zu
schaffen und die Flüchtlinge zur Rückkehr zu bewegen (Neue Zürcher
Zeitung,
4.10.2001).
Die Lagerlogistik der internationalen
»humanitären« Intervention
Mit dem Bau und dem Betrieb der Grenzlager
setzte sich der Tross der
internationalen Organisationen und NGOs, die zum großen Teil noch im
Kosovo und
auf dem Balkan stationiert waren, in Richtung Zentralasien und Naher
Osten in
Bewegung. Eine neue Phase ihrer Zusammenarbeit mit den Militärs begann,
dieses
Mal in Afghanistan und seinen Nachbarländern. Die »humanitäre
Kartierung«
Afghanistans hatte bereits 1997 begonnen. Daher
waren zum Beginn des US-Angriffs die Projekte der dort tätigen
internationalen
Organisationen per Internet allgemein zugänglich und über
Kartengraphiken
lokalisierbar. Ab Oktober 2001 verwandelte sich die digitale Kartierung
des
Landes und seiner Grenzregionen in ein virtuelles Schlachtfeld der
Militärs,
bevor es dann zum Planungsinstrument des Protektorats wurde. Die
Flüchtlingsbewegungen ließen sich mit dem geographischen
Informationssystem
(GIS) am Bildschirm bilanzieren und in der Vorausschau simulieren.
Daraus
entstand ab September 2001 die Lagerlogistik der internationalen
»humanitären«
Intervention. Mitarbeiterstäbe der Koordinationszentren siedelten von
Pristina
im Kosovo nach Islamabad, Peshawar und Kabul um und sorgten für den
Transfer
des benötigten Know-how.
Im Oktober 2002 begannen die
pakistanischen Behörden in
Zusammenarbeit mit dem UNHCR, die afghanischen Flüchtlinge in Peshawar
individuell mit einem biometrischen Iris-Screening zu erfassen. An die
Stelle
der erkennungsdienstlichen Behandlung, die bekanntlicherweise die
”Verbrechervisagen”
des späten 19. Jahrhunderts produziert und reproduziert, tritt nun das
digitalisierte Verfahren, das anschließend als Strichcode auf
Online-Datenbanken gelagert wird.[11]
Es handelt sich um eine klinisch anmutende Prozedur, wie ein Foto des
UNHCR zeigt
(UNHCR News Stories, Peshawar, 03.10.2002). Die erhobenen biometrischen
Personendaten werden anschließend in Auffanglagern an der Grenze und in
Afghanistan bei der Lebensmittelausgabe und vielleicht auch anderswo
genutzt,
um die Mobilität der Flüchtlinge zu kontrollieren.
Gestützt auf das GIS entstand eine neue
Generation von Lagern, direkt
an der pakistanisch-afghanischen Grenze in den »tribal areas«. In
diesen
Gegenden, in denen den internationalen Teams Gefahr durch Landminen und
lokale
Unruhen drohte, wurde die digitale Raumtechnologie wichtig. Mit ihrer
Hilfe
wurde es möglich, Wege und Gefahren zu orten, ohne die lokale
Bevölkerung zu
befragen. Von dem GIS-System versprach man sich, die »humanitären«
Krisenreaktionskräfte
von einer menschlichen, feindlichen Umwelt weitgehend unabhängig zu
machen.
Doch die erwarteten Flüchtlinge kamen nicht.[12]
Zu Hunderttausenden umgingen sie auf Gebirgspfaden die geschlossenen
Grenzübergänge und Auffangstrukturen der Grenzlager. Sie gelangten in
die
pakistanischen Großstädte und in die dortigen »alten« Lager, trotz der
Razzien
und Lagerbewachungen. Damit war das
ursprüngliche
Konzept der Grenzlager gescheitert. Die internationalen Organisationen
und NGOs
sprachen seitdem von einer afghanischen »Flüchtlingskrise ohne
Flüchtlinge«.
Die heimlich Geflüchteten, die den internationalen Kontrollen entgangen
waren,
nannten sie die »Unsichtbaren«.
Unter diesen neuen Umständen einigten sich im November 2001 – also mitten
in der Kriegsphase – die pakistanische Regierung und der UNHCR darauf,
die aus
den Flüchtlingslagern im pakistanischen Landesinneren Vertriebenen in
die
Grenzlager abzuschieben.[13]
In ihren Verlautbarungen wiesen der UNHCR und die verantwortlichen
pakistanischen Behörden stets darauf hin, dass die Flüchtlinge
»freiwillig« in
diese Lager übersiedelten. Die Organisation Human Rights Watch (HRW
2001), die
dieser Behauptung einer kritischen Prüfung unterzog, kam in ihrem
Bericht zu
dem Schluss: »Flüchtlinge in Pakistan befinden sich in einer
auswegslosen
Situation. Sie können entweder in die Lager gehen, die näher an
Afghanistan liegen,
wo ihre Sicherheit aber nicht garantiert werden kann, oder sie können
in
Peshawar bleiben, wo die Unterstützung mit Lebensmitteln und eine
Unterkunft im
Winter nicht gesichert ist.« Das heißt, viele hatten überhaupt keine
Wahl. Vor
allem Frauen mit Kindern und ältere Alleinstehende konnten nicht
untertauchen
und mussten sich mit dem Transfer in diese Transitlager abfinden.
Schlussbemerkungen
Zusammenfassend
lässt sich an der Art und
Weise, wie die afghanischen Flüchtlingsbewegungen in den letzten 25
Jahren im
Iran und in Pakistan aufgenommen oder aber ausgegrenzt wurden, ein
internationaler Wandel des Umgangs mit Flüchtlingen erkennen. In den
achtziger
Jahren stärkte der Kalte Krieg die Warlords, aber soziale Bewegungen
konnten
ihnen entgegenwirken und beförderten das Entstehen einer iranisch- bzw.
pakistanisch-afghanischen Migrationsgesellschaft. So verwandelten sich
Lager in
Vororte von Großstädten.
Ab Ende der
neunziger Jahre wendeten sich
die Regierungen der USA, Europas und Australiens gezielt den
afghanischen
Flüchtlingen zu: Eine weltweite Flüchtlingskrise wurde ausgerufen. In
Pakistan
und im Iran begannen die Behörden mit der Erfassung und Drangsalierung
der
Geflohenen. Unter dem Vorzeichen des US-Kriegs in Afghanistan
entstanden
Internierungszentren. Die eingangs zitierte „Hilfskoalition für die
Leidtragenden“ (Kofi Annan) trug ihren Namen zu Unrecht: denn der
humanitäre Anspruch in der
Flüchtlingspolitik wurde hier aufgegeben, Hunger und Repression wurden
Teil der
Lagerpolitik. Wer konnte, floh in die »Illegalität«.
Nachzutragen
bleibt, dass derzeit die
Vereinigten Staaten ihre »heimlichen Gefangenen« aus aller Welt in
diese
afghanisch-pakistanische Region der Grenzlager, der Minen und der
sozialen
Unzugänglichkeit verschleppen. Das Lager von Guantanamo wird unter dem
Druck
der internationalen Aufmerksamkeit allmählich aufgelöst und durch ein
Netz von
Haftzentren vor allem in dieser Region ersetzt (The Guardian, 19. März
2005).
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Als
Bildunterschrift für eine der Karten:
UNDP und FAO hatten bereits
1997
mit dem »humanitarian mapping« begonnen: Im Internet kann man für diese
frühen
Jahre der Hungersnot in Afghanistan Landkarten und Programme finden,
welche die
verschiedenen Aktivitäten der internationalen Organisationen und die
soziale
Lage der Bevölkerung, auch der Flüchtlinge, verzeichnen (unter: http://www.pcpafg.org). Aus dieser
Initiative ging das »Humanitarian Information Centre for Afghanistan«
hervor,
das im Oktober 2001 seine Arbeit aufnahm. Es sollte alle
internationalen
»humanitären« und militärischen Aktivitäten in und um Afghanistan nach
dem
Anschlag vom 11. September 2001 bündeln. Im Afghanistankrieg erstellte
dann das
US State Departement täglich ein »standardisiertes, koordiniertes
GIS-Karten-Produkt, das auf dem breiten Spektrum der Quellen der
US-Regierung,
der Vereinten Nationen, der Medien und der NGOs beruhte« (Schwartz
2002). Als
sich nach dem Krieg abzeichnete, dass mit dem Segen der UNO ein neues
Protektorat entstehen würde, wurde Anfang Januar 2002 unter dem Dach
des »UN
Humanitarian Coordinator for Afghanistan« und der UNDP in Kabul ein
Büro für
die gesamte militärisch-humanitäre Nachkriegsintervention eröffnet. Es
trägt
den Namen »Afghanistan Information Management Service« (AIMS). Sein
Projektmanager Paul Currion leitete vorher die gleichgeartete Zentrale
im
Kosovo. Die geographischen Basisinformationen stammen aus sowjetischen
Afghanistan-Karten und den Geodaten des US-Verteidigungsministeriums
(vgl. IRIN
Islamabad, 9.1.2002 u. http://www.aims.org.pk).
Bibliographische Angaben:
[1] Ende 2000 registrierte der
UNHCR weltweit 12,1 Mio. Flüchtlinge (2003: 9,7 Mio.). Die fünf
wichtigsten
Herkunftsländer waren Ende 2000 Afghanistan mit 30 Prozent (2003: 21
Prozent)
aller Flüchtlinge, der Irak, das zerfallene Jugoslawien (v.a.
Bosnien-Herzegowina) sowie Burundi und Sudan. 2003 waren es folgende
Länder:
Afghanistan, Sudan, Burundi und die Demokratische Republik Kongo. Die
palästinensischen Flüchtlinge werden in den UN-Statistiken stets in
separaten Statistiken
aufgeführt. Die afrikanischen Flüchtlingsbewegungen gelangen nur zu
einem
geringen Teil bis in die Industriestaaten (UNHCR 2002b; UNHCR 2005).
[2]
Stellvertretend
seien das Internierungslager Sangatte in Frankreich, das militärische
Entern
von Flüchtlingsschiffen im Rahmen der »australisch-pazifischen Lösung«
und das
Lager Woomera in der australischen Wüste genannt.
[3] Pakistan verlor mit der
afghanischen Zersplitterung durch den Bürgerkrieg seine früheren
Verbündeten
und einen Teil seines Einflusses. Erst der Vormarsch der Taliban, die
Afghanistan zwischen 1994 und 1996 weitgehend eroberten und
befriedeten, machte
Pakistan wieder zur entscheidenden Kraft. Die Taliban entstammen den
dortigen
Koranschulen, also einer durchaus urbanisierten und alphabetisierten
Schicht
von Flüchtlingen, die in Pakistan groß geworden waren, und sind eng mit
dem
pakistanischen Geheimdienst und der pakistanischen Partei Jami'atul
Ulama-e
Islam oder Jamiat-i-Ulema-Islami verbunden. In den ersten Jahren ihrer
Existenz
genossen sie die Unterstützung der USA (vgl. Kepel 2000: 204 ff. u. 347
ff.;
Newberg 1999).
[4] Von Amnesty International
wurde u.a. angeprangert, dass die Vergewaltigung von Frauen als
Bestrafung
eines Stammes toleriert wird oder dass Mädchen als Kompensation für
Delikte an
andere Stämme zur Heirat vergeben werden (Amnesty International,
5.7.2002).
[5] Dieses und folgende Zitate
stammen aus einem Interview, das ich am 19. August 2002 mit Saha Saba
(Pseudonym) in Berlin geführt habe (Anm. d. A.).
[6] Eine wichtige Rolle bei der
Umorientierung des UNHCR mag auch dessen Finanzsituation gespielt
haben. Auf
dem Höhepunkt des USA-Afghanistan-Krieges konnte die UN-Organisation
zwar
Zusatzprogramme für die afghanischen Flüchtlinge auflegen, aber
wirklich
budgetkräftigend sind die Rückkehrprogramme für Afghanen, die den
800-Millionen-Dollar-Sparhaushalt des UNHCR auf 1,3 Mrd. Dollar
anwachsen
ließen (MPI 2003; UNHCR 2003b).
[7] Die Rolle der NGOs ist
angesichts neuer
»militärisch-ziviler« Kriegsstrategien überaus kompliziert und
widersprüchlich.
MSF-Ärzte sollen sich dagegen gewehrt haben, von Militärs wie
Lazarettärzte
behandelt zu werden, während sich Mitarbeiter anderer NGOs mit dem
Vorwurf
auseinandersetzen müssen, dass sie für die US-Kriegsallianz spioniert
haben
sollen (vgl. Jung 2003).
[8] Die zentralasiatische Grenze
zu den GUS-Staaten wird von Truppen der Russischen Föderation bewacht.
Am
9.11.2001 erfolgte die Schließung der pakistanischen Grenze (Neue
Zürcher
Zeitung, 11.4.2001). Während der
US-Bombardierungen
stationierten Pakistan und auch der Iran zusätzliche Grenztruppen in
den
Grenzregionen zu Afghanistan, um Flüchtlinge abzuhalten (The Guardian, 16.3.2002).
[9] In der Vergangenheit hatte
die pakistanische Regierung mehrfach gefordert, dass die UNO die
Flüchtlingslager in Grenznähe, möglichst sogar auf afghanischem Boden,
einrichten sollte (Frankfurter Rundschau,
19.5.2001).
Nur wenige Menschenrechtsorganisationen protestierten, darunter RAWA: »Die pakistanische Zustimmung zu dem
Vorschlag der Taliban, Flüchtlingslager innerhalb des afghanischen
Territoriums
zu errichten, entwickelt sich zu einem Komplott: Unglückselige
Flüchtlinge
werden zu Geiseln gemacht, einer ungehinderten Tyrannei und
Grausamkeiten
ausgesetzt, und gleichzeitig liefern sie den Taliban einen reichlichen
Nachschub an Kanonenfutter für ihre Hundekämpfe gegen Rabbani, Masood
und Co.
Pakistan muss seine Grenzen wieder für Flüchtlinge öffnen, bevor es zu
spät
ist« (RAWA 2001: 8).
[10] Ein Lager befand sich im
Bezirk Khyber, zwei waren im Bezirk Bajaur (Barkely und Kotkai), drei
im Bezirk
Kurrum (Old Baghazi, Asgharo Camp and Basu), vier in den Bezirken
Chaman und
Qilla Abdullah (Killi Faizu, Landi Karez, Dara und Roghani), eins lag
im Bezirk
Mastung (Muhammad Kail) und ein Lager im Bezirk Chaghi (Lajary Karez).
[11]
Die Iris-Aufnahme-Maschine stammt von
Iridian Technologies.
Der UNHCR wollte in der einmonatigen Testphase damit 120.000 Personen
checken.
Pro Person kostet das den UNHCR zwei Dollar. (UNHCR News Stories, Peshawar,
03.10.2002)
[12] Nur in das Lager Roghani wurden
Personen aus dem Durchgangslager Killi Faizo nahe dem Grenzpunkt Chaman
verlegt. Hier lebten im November 2001 4.000 Personen (UNHCR aktuell,
19.11.2001).
[13] Am 14. November 2001 begann
die Umsiedlung der Bewohner aus Jalozai in das Grenzlager Kotkai (UNHCR
Afghanistan
aktuell, 19.11.2001). Zur gleichen Zeit ließen der UNHCR und die
pakistanischen
Behörden auch Flüchtlinge aus den Großstädten in die Grenzlager
überführen.
Allein aus Quetta war der Abtransport von 10.000 Afghanen geplant. Die
ersten
aus dieser Millionenstadt kamen ins Grenzlager Mohammad Khele. Sie
hatten zuvor
weitgehend klandestin gelebt. 1.800 »Papierlose« aus Peshawar wurden
Anfang
Januar 2002 bereits in das neue Grenzlager Shelman gebracht (UNHCR
Afghanistan
aktuell, 28.11. und 8.1.2002). Bis Februar 2002 hatten die 14
pakistanischen
Grenzlager sowie ein Transitlager direkt an einem Grenzkontrollpunkt
189.000
afghanische Flüchtlinge aufgenommen (UNHCR News 12.2.2002; IRC 2002).