Das
Mittelmeer als
neuer Raum der Abschreckung
Flüchtlinge
und
MigrantInnen an der südlichen EU-Außengrenze
Helmut
Dietrich
I. Einleitung
II. Sterben im Mittelmeer
IV. Lampedusa
V. Feindbilder: ”Organisierte
Kriminalität” aus dem Osten -
”Islamistischer Terror” aus dem Süden
VI. Lybien: Öl,
Sicherheitswahn, Personenerfassung
VII. Überwachungsdispositiv:
SIVE, virtuelle Grenze, Marineeinsätze
VIII. Das Haager Programm, das
Konzept der Frontstaaten und die
künftige EU-Grenzpolizei
IX. Italien, Spanien:
Abschiebungen und Lager
X. Lager und neues Grenzregime
in Nordafrika
XI. Schluss
Tanger,
Marseille,
Tunis, Alexandria, Piräus – die Hafenstädte des Mittelmeers hatten
stets eine
internationale Bevölkerung. In Kalabrien siedeln seit Jahrhunderten
AlbanerInnen, an der sizilianischen Küste TunesierInnen, in ägyptischen
Küstenstädten GriechInnen. Das Mittelmeer stellt in geschichtlicher
Hinsicht
einen gemeinsamen sozialen und kulturellen Raum von Fischern, reisenden
Händlern und mobilen Unterschichten dar. Dieses ”dichte historische
Geflecht”
(Braudel 1997: 95) überdauerte den Einfluss unterschiedlicher
Zivilisationen,
Religionen und Großmächte. Der Kolonialismus zerschnitt zwar viele
Bande
zwischen der Armutsbevölkerung diesseits und jenseits des Mittelmeers.
In der
jüngsten Geschichte dämpften dann die Ost-West-Blockkonfrontation und
die
nationalstaatliche Abkapselung den transmediterranen Austausch. Aber
dennoch
blieben im Mittelmeerraum soziale Gemeinsamkeiten vorherrschend.
Wichtige
soziale Spaltungen verliefen dagegen innerhalb Europas: Zwischen
Andalusien und
Madrid, zwischen dem Mezzogiorno und Mailand, zwischen dem Balkan und
Österreich.
All dies
scheint
einer grauen Vorzeit anzugehören. Denn seit einem Jahrzehnt ist das
Mittelmeer
zu einem wahrhaft trennenden Graben geworden. In Europa präsentiert man
diese
soziale Kluft als eine natürliche Gegebenheit, die der Geographie der
unterschiedlichen Kontinente entspricht. Auf der einen Seite erhebt
sich ein
Europa, dessen alte kolonialistische Raffgier und Herrschsucht mehr und
mehr
durchscheinen. Auf der anderen Seite erkennt man schemenhaft die
”gefährlichen
Klassen”, die sich durch Armut, Migration und Unberechenbarkeit
auszeichnen.
Nie zuvor haben die europäischen Staaten die soziale Frage im
Mittelmeerraum
derart ungeschminkt geopolitisch umgedeutet, und nie zuvor haben sie
die
Bewegungen aus dem Süden so massiv in die Schiffbrüchigkeit und in den
Tod auf
See getrieben.
Dieser
Graben ist mit
der jüngsten EU-Erweiterung noch tiefer geworden. Die Finanzströme
Westeuropas
gehen vorzugsweise nach Warschau oder Budapest. Bald wird auch dem
Balkan die
EU-Perspektive angeboten. Damit dehnt die EU in Mittelost- und
Südosteuropa
ihre Außengrenze weiter aus. Die Beitritts-Bevölkerung erhält
schrittweise den
Status von EU-BürgerInnen. Für TouristInnen aus Polen und Tschechien
war die
Visapflicht bereits Anfang der 1990er Jahre gefallen, als sich Warschau
und
Prag verpflichteten, illegal Eingereiste wieder zurückzunehmen. Nun
legalisiert
die EU allmählich auch die migrantische Arbeitsmobilität aus jenen
Regionen.
Die Länder jenseits der neuen EU-Außengrenze stuft die EU in einer
neuen Raumordnung
graduell ab. Die Ostgrenze wird in ein Programm der
länderüberschreitenden
Verständigung eingebettet. (CEPS 2001) Zugleich baut die EU die
Grenzanlagen
gegenüber Sans-Papiers (Papierlosen) geradezu monströs aus: mit
Sensorentechnik
und Videokameras, mit Wachtürmen und Helikoptern, mit Nachtsichtgeräten
und
schnellen Eingreiftruppen. (Dietrich 2002)
Eine ähnliche Pufferzone gibt
es an der südlichen EU-Außengrenze
nicht. Die Euro-Mediterrane Partnerschaft, mit der die EU seit 1995
einen
Aufschwung der Wirtschaft und der Demokratie an ihrer Südgrenze
versprach, ist
zur Phrase geworden.[1]
Die europäische politische Klasse hält den Regimes von Marokko bis zur
Türkei
die Stange. Die DissidentInnen des Südens finden in Europa kein Gehör.
Der
europäischen Wirtschaft geht es allein darum, den Zugang zum
Erdölgeschäft zu
sichern und bis 2010 eine euro-mediterrane Freihandelszone für
Industriegüter
zu schaffen. Damit führt sie auf ihre Weise die
Strukturanpassungsprogramme des
IWF und der Weltbank aus den 1980er Jahren fort, mit denen die
nationalen
Wirtschaftsräume aufgebrochen und bis heute dereguliert werden.
Nennenswerte
Investitionen sind ausgeblieben, wenn man von Israel und vielleicht dem
Nachkriegsbeirut absieht. Armut breitet sich vor allem unter jungen
Leuten in
Großstädten aus. In dem Maß, wie der Neoliberalismus den gesamten
Mittelmeerraum durchdringt, schwindet die Integrationskraft der
Hoffnungen auf
nachholende Entwicklung. Den Ausweg aus der Misere verspricht nicht
mehr ein
nationaler Fünfjahresplan, sondern die Flucht übers Mittelmeer. Die
Migrationsstatistiken vermerken, dass die Wanderungsbewegungen aus den
südlichen Mittelmeerländern nach Europa seit Jahrzehnten kontinuierlich
zunehmen. Aber die Umstände haben sich gründlich geändert. Ende der
1980er
Jahre sind die Ausreisekontrollen in den arabischen Staaten gefallen.
Im
Gegenzug führte Westeuropa im Frühjahr 1991 generelle
Einreiserestriktionen
ein.[2]
In den Vormonaten hatte der Zweite Golfkrieg stattgefunden, Bush Senior
hatte
eine neue Weltordnung verkündet, und in Nordafrika sah man die
Visapflicht auch
als ein Ergebnis dieser neuen weltpolitischen Verhältnisse. Als
Marokko,
Algerien, Tunesien und andere arabische Länder sodann willfährig
Rückübernahmeabkommen unterzeichneten, erlangten sie als Gegenleistung
nicht –
wie seinerzeit Polen und die Tschechische Republik – die Abschaffung
der
EU-Visapflicht. Früher musste der Kampf um Auswanderung innerhalb der
nordafrikanischen und nahöstlichen Staaten geführt werden. Es ging
darum, wie
man einen Pass und eine Ausreisegenehmigung erlangen konnte – heute
geht es
darum, wie man heimlich übers Mittelmeer und in die europäischen
Großstädte
kommt.[3]
Das sind die Bedingungen, unter denen 1991/92 das große Sterben im
Mittelmeer
begonnen hat.
Vor diesem Hintergrund ist es
sinnvoll, die Geschichte der Boat
People im Mittelmeer in den Kontext der mediterranen Gesellschaften und
der
ausgreifenden EU-Politik zu rücken. Ihr Sterben und Überleben ist kein
davon
losgelöstes Phänomen.
Seit 14 Jahren kommen im
Mittelmeer Flüchtlinge um – aber warum
rückt diese Tragödie erst jetzt in die europäische und internationale
Aufmerksamkeit? Die Doppel-These, mit der diese Frage untersucht werden
soll,
lautet: Erstens hat die EU erst jetzt eine geographisch ausgreifende
Machtfülle
entwickelt, und gegenüber den Ländern des Südens tritt sie dabei in die
Fußspuren des Kolonialismus. Ob man die neuerliche Ausweitung Europas
als
Kolonialismus, Neokolonialismus, Postkolonialismus oder mit einem
anderen
Begriff zu kennzeichnen hat, kann aufgrund der Aktualität der Sache
noch nicht
beantwortet werden. Wohl aber sollte an den Stellen, wo Europa in
Nordafrika
Fuß fasst, nachgegraben werden: Deswegen wird die Archäologie des
Wissens
wichtig, mit der die Vergangenheit des Kolonialismus bloßgelegt werden
kann;
und hier werden die Fußspuren erkennbar, in die die gegenwärtige
Politik tritt.
Der zweite rote Faden, der als These diesen Aufsatz durchzieht, ist die
Lagerthematik. Lager werden als ”Lösung” für die Boat-People-Frage
präsentiert.
Diese Idee lag in den 1990er Jahren noch völlig außerhalb der
realitätsnahen
Phantasie der politischen Klasse der EU. Lager am Rande oder außerhalb
der EU,
die die unerwünschten MigrantInnen und Flüchtlinge weit im Vorfeld
auffangen,
gab es zwar als Hirngespinste schon in den 1980er Jahren – aber nur an
manchen
Schreibtischen der Ministerialbürokratien, weit von jeglicher
Umsetzbarkeit
entfernt. Erst durch die ausgreifende Politik der EU ist ihre
Realisierung in
greifbare Nähe gerückt.
Europa als zivile Macht, die
sich von den Barbareien der
Peripherie abgrenzt: Dieses Bild aus der Propagandakiste stimmt nicht,
wenn man
sich die Ausreisezentren, die Abschiebegefängnisse, die
Erstaufnahmestellen und
Sammellager innerhalb der EU vor Augen führt. Aber genau das schafft
den
derzeitigen Druck, die Brutalisierung aus dem Inneren zu
”externalisieren”, in
Außenlager der Peripherie abzuleiten. Das ist die zweite These, mit der
das
Material an Notizen und Recherchen zu durchforsten ist.
Aus all dem ergibt sich, so
werden die LeserInnen feststellen,
noch kein festumrissenes Bild. Es kann hier noch keine Systematik oder
Vollständigkeit
der gegenwärtigen Entwicklung ausgebreitet werden. Stattdessen gibt es
Grabungen und Schürfungen in unterschiedlicher Tiefe und sicher auch in
unterschiedlicher Qualität, die die Zukunft besser ausleuchten wird.
Bei der Darstellung konnte
bewusst die Geschichte der
internationalen Beziehungen – Stichwort Barcelona-Prozess –
vernachlässigt
werden. Im Vordergrund steht dagegen die möglichst genaue Beschreibung
der
Kontrollsysteme, ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen und ihrer
Rückwirkungen
auf die staatlichen Formierungen.
II.
Sterben im Mittelmeer
Die Menschen, die heimlich über
das Mittelmeer fliehen, kommen zur
Hälfte aus den mediterranen Ländern, zur Hälfte stammen sie aus Ländern
südlich
der Sahara. Letztere kommen aus den entkolonialisierten Staaten, deren
Wirtschaftsentwicklung vollends gescheitert ist. Sie fliehen vor den
Spätfolgen
des Kolonialismus und vor den Auswirkungen heutiger
europäisch-nordamerikanischer Afrika-Interessen: Dem dreißigjährigen
afrikanischen Bürgerkrieg. Auf ihrer Flucht nach Norden reisen sie
durch
zahlreiche Länder bis ans Mittelmeer visafrei oder zumindest ohne
systematische
Visa- und Passkontrollen. Dagegen hat die EU ihre Einreiserestriktionen
für
Staatsangehörige aus dem Kongo, aus Sierra Leone oder aus dem Sudan
enorm
verschärft. Für einen Antrag auf ein Touristenvisum müssen Geldsummen
vorgewiesen werden, die für die allermeisten afrikanischen Menschen ihr
Leben
lang unerschwinglich bleiben.
Im östlichen Mittelmeer machen
KurdInnen aus der Türkei und aus
dem Irak sowie AfghanInnen einen großen Teil der Boat People aus. Ihre
Herkunftsregionen sind durch Kriege verwüstet worden, deren Gründe man
ebenfalls im geopolitischen Kontext der amerikanisch-europäischen
Weltordnung
zu suchen hat.
Die Boat People sind nicht die
Kinder der Eliten ihrer Länder. Der
Weg über das Mittelmeer in einem Holzboot oder in einem rostigen
Frachter
kostet nicht so viel wie der legale Weg, für den man ein Mehrfaches an
Geld
ansammeln muss. Zu den Boat People stoßen diejenigen, die nicht über
ein Netz
von Verwandten in Europa verfügen, die einen vielleicht nach Ende des
Sommerurlaubs im Auto auf die Fähre nach Europa mitnehmen und mit Trick
und
Glück durch die Hafenkontrollen bringen.[4]
Zu Boat People werden diejenigen, die trotz fehlenden Vermögens
und/oder fehlender
Familienbande in Europa fest entschlossen sind, ihr Schicksal in die
eigenen
Hände zu nehmen.
Die
heimliche Fahrt übers Mittelmeer zeichnet sich vor allem dadurch aus,
dass sie
unter völlig unterfinanzierten und deswegen gefährlichen Bedingungen
stattfindet.
Viele Menschen verdursten oder ertrinken, weil die Überfahrt nicht
gelingt: Der
Motor setzt aus, das Schiff sinkt wegen technischer Mängel oder wegen
Überladung, es gibt keine technisch gestützte Wettervorhersage und
keine
Kommunikationsverbindungen für den Notfall. Für das Navigieren fehlen
zudem
häufig Kenntnisse über lokale Meeresströmungen.
Boat People
aus
Marokko, Algerien und Tunesien müssen an der europäischen Küste
anlanden, ohne
dass die Küstenwache, das Militär oder die Polizei sie bemerkt. Sonst
werden
sie sogleich zurückgeschoben. Anders ist es mit Flüchtlingen aus
ferneren
afrikanischen und asiatischen Ländern, die keine Pässe haben und nur
unter
bestimmten Bedingungen abgeschoben werden können. Es reicht, dass deren
Schiffe
in die Territorialgewässer eines EU-Mitgliedsstaats gelangen und die
Küstenwache sie dann an Land zieht. Sie werden in Lager gebracht, und
trotz
zunehmender Abschiebungen gilt, dass viele von ihnen nach einer
gewissen Zeit
freigelassen werden oder einfach entweichen. Für alle angelandeten Boat
People
ist ein guter Kontakt zu den spanischen, italienischen oder
griechischen
Einheimischen oder dort ansässigen MigrantInnen entscheidend, um in die
europäischen Großstädte weiterfliehen zu können. Ohne Unterstützung ist
ein Durchkommen
fast unmöglich.
Das soziale
Geflecht
über das Mittelmeer hinweg ist, was die Boat People angeht, mehr und
mehr
fadenscheinig geworden. Es gibt einen Trend zur Schifffahrt ohne
jegliche
Fluchthilfe. An einem Vergleich sei dies kurz skizziert:
In den
1990er Jahren
war die Meerenge zwischen Süditalien (Apulien) und Albanien, über die
im Laufe
von zehn Jahren wohl weit über hunderttausend Menschen heimlich
übersetzten,
noch ein regelrechtes Investitionsfeld. Zunächst brachte die
italienische Seite
das Kapital ein, mit dem Schnellboote gekauft wurden. Nach und nach
übernahm
die albanische Seite die größeren Geschäftsanteile. Immer
leistungsstärkere
Schlauchboote kamen zum Einsatz. Schmuggel und kommerzielle Fluchthilfe
ergänzten sich. Die Überfahrt erfolgte mit Garantie: Sollte man
unmittelbar
nach der Landung gefasst und abgeschoben werden, hatte man das Recht
auf eine
zweite Überfahrt. In jedem Boot habe es einige kostenlose Plätze für
Bedürftige
gegeben, so ergab eine systematische Auswertung der süditalienischen
Ermittlungs- und Gerichtsverfahren. (Monzini 2004:41 ff.) Der Sprung
über die
80-Kilometer-Meerenge erfolgte im Rahmen der albanischen
Wirtschaftstransformation. Von der anderen Seite dehnten sich die
italienischen
Produktionszonen Richtung Balkan aus. Die Massenmigration war der
sichtbarste
Ausdruck eines sozialen Aufbruchs, der mit ökonomischen Mitteln nicht
mehr
integriert werden konnte. Mit der albanischen Krise von 1997 erreichten
die
Fluchtbewegungen über die Adria ihren Höhepunkt. Mit dem NATO-Krieg um
das
Kosovo 1999 schlug die adriatische Flüchtlingsabwehr ins militärische
Containment um. Der wachsende Verfolgungsdruck veranlasste die
Flüchtlingsschiffe zu immer waghalsigeren Manövern. Häufig kam es zu
tödlichen
Unfällen. Der Einsatz der italienischen Marine in internationalen
Gewässern der
Adria und die Stationierung italienischer Polizei, Carabinieri und
Militärs an
der albanischen Küste machten dieser Schifffahrt den Garaus.
Ganz anders
sieht es
mit der Flucht über die Meerenge von Gibraltar oder nach Lampedusa,
nach
Sizilien oder auf die griechischen Inseln aus. Von spanischer,
italienischer
oder auch griechischer Seite gibt es überhaupt keine fluchthelfende
Investition
in die nordafrikanischen und nahöstlichen heimlichen Passagen. Der
Schmuggel
nutzt andere Transportmittel. Die Boote, mit denen Flüchtlinge
übersetzen,
stammen häufig aus den Restbeständen der lokalen Fischerei, die sich in
der
Umstrukturierung befindet. Die kleinen Fischer werfen ihre Netze nach
wie vor
zumeist jenseits der staatlich kontrollierten Schifffahrt aus. Zum
Know-How der
Fischerdörfer gehört, wie man Holzboote selber baut. Doch inzwischen
bringt der
Rationialisierungsschub nicht nur diesen Wirtschaftssektor unter Druck,
sondern
zielt auch auf die Erfassung und Kontrolle der lokalen Arbeit.
Leute, die
übersetzen
möchten, müssen sich nicht unbedingt in die Abhängigkeit großer
Kartelle
bringen, sondern wenden sich an die gesellschaftlichen Zentren der
kleinen
Fischerei. Selbst für die strafverfolgenden Behörden macht es nicht
viel Sinn,
hier von transnationaler Organisierter Kriminalität oder der
italienischen
Mafia auszugehen; auch die Transitreise durch die Sahara und die
nordafrikanischen Länder komme ohne Organisierte Kriminalität zustande.
(Monzini 2004:41 ff.;
Civipol 2003: 18f.) Doch den
Nachteil
sollte man nicht verschweigen: Die Unterfinanzierung, also die Armut,
vergrößert die Lebensgefahr.
Die Boote,
mit denen
die meisten überzusetzen versuchen, taugen nur für die Überquerung der
Meerengen
-
zwischen El
Aiun und den
Kanarischen Inseln;
-
bei
Gibraltar;
-
zwischen
Tunesien,
Libyen und den süditalienischen Inseln und Malta;
-
zwischen der
Türkei und
den ostgriechischen Inseln.
Auf diese
schmalen
Gebiete hat sich die EU-Grenzüberwachung der vergangenen zwei, drei
Jahre
konzentriert. Die Fahnder nennen sie ”fokale Routen”, im Unterschied zu
den
”Random-Routen” der großen Schiffe, mit mehreren hundert Flüchtlingen
an Bord,
die im vergangenen Jahrzehnt in Albanien, in der Türkei, im Libanon und
in Syrien
abgelegt haben sollen, mit Kurs auf Süditalien. Auf den fokalen Routen
würden
sich 70 bis 80 Prozent der heimlichen Mittelmeerpassagen abspielen, in
2002
wurden hier 48.000 Boat People aufgespürt. Aber die mediale
Aufmerksamkeit gilt
meistens den Geisterschiffen (auf den Random-Routen), die nur zwei
Prozent der
heimlichen Passagen im Mittelmeer ausmachen sollen. Das Aufkreuzen
dieser
großen Schiffe ist nicht vorhersehbar; die EU-Fahnder gehen aber davon
aus,
dass lokale Polizeibehörden ihre Abfahrt aus der Levante mitbekommen
müssen. Da
die polizeiliche Zusammenarbeit im östlichen Mittelmeer ausgebaut wird,
verschwindet dieses Phänomen der großen Flüchtlingsschiffe. Eine
Verdrängung
findet offensichtlich statt, in Richtung Holz- und Schlauchboote. Vor
allem
gegen sie richten sich die neue Techniken des Aufspürens und der
Meeresüberwachung, von denen nachfolgend die Rede sein soll.
In Spanien bringen
MigrantInnen- und Menschenrechtsorganisationen
erstmals 1996/1997 den massenhaften Tod vor Gibraltar in die
internationale
Öffentlichkeit.[5]
Da sie
Verbindungen zu marokkanischen Küstenorten haben, errechnen sie, dass
zwischen
1991 und 1996 wahrscheinlich allein in der Meerenge von Gibraltar
zwischen
2.000 und 4.000 Menschen umgekommen sind. Der Starfotograf Sebastião
Salgado
erstellt 1997 eine Bildreportage über die Boat People in der Meerenge
(Salgado
2000), und am 26. Oktober 1997 veröffentlicht die spanische Zeitung El
País
eine Wochenbeilage über die ”Mauer aus Wasser zwischen zwei Welten”,
mit denen
die Recherchen und Schätzungen der Menschenrechtsorganisationen bekannt
werden.
(Rodríguez 1997)
In der andalusischen Stadt
Cádiz hält die Menschenrechtsgruppe Asociación Pro
Derechos Humanos de Andalucía
(Vereinigung für die Menschenrechte in Andalusien, apdha) seit
1996/97
jedes Mal, wenn Leichen an der Küste dieser Provinz gefunden worden
sind, eine
Mahnwache auf dem Rathausplatz ab. Sie setzen durch, dass sich auch
Sans-Papiers an diesen Demonstrationen beteiligen können, ohne
Festnahmen
fürchten zu müssen. Apdha dokumentiert, dass die Zahl der Toten von
Jahr zu
Jahr ansteigt, und beschreibt dies als Auswirkung der verschärften
Überwachung
der Meerenge.
Seit 1999/2000 kommen mehr und
mehr Boat People vor den
Kanarischen Inseln um. Im Jahr 2002 übertrifft die Zahl der Boote und
der
Personen, die die spanischen Behörden dort festnahmen, erstmals die
Statistik
an der Meerenge von Gibraltar. (Kreienbrink 2004: 211) Die heimliche
Überfahrt
auf die Kanarischen Inseln ist eine Folge der verschärften Überwachung
der
Meerenge von Gibraltar. Es kommt aber auch hinzu, dass die
Zukunftsperspektive
für Saharaouis in diesen Jahren immer düsterer wird.[6]
Für 2004 konnte apdha
nachweisen, dass 289 Menschen auf dem
Meerweg nach Spanien umgekommen sind – die Vereinigung geht aber davon
aus,
dass ein großer Teil der Tragödien nicht belegbar ist, und kommt für
das Jahr
2004 auf eine Schätzung von über 800 Toten. (apdha
2004)
Die marokkanische Vereinigung
der Freunde und Familien von Opfern
der illegalen Einwanderung (AFVIC) gründet sich wegen der zunehmenden
Todesfälle im Mittelmeer im Jahr 2001 im südmarokkanischen Khouribga.[7]
Die Phosphatregion um Khouribga war in den 1950er und 1960er Jahren ein
Zentrum
der Binnenmigration, nun befindet sie sich im Niedergang. Viele Boat
People
stammen von hier. Die Assoziation AFVIC berichtet, dass zwischen 1997
und 2001
beiderseits der Meerenge 3.286 Leichen angeschwemmt worden sind.
(Marokko-Portal 2004; siehe auch http://www.bladi.net)
In einer Studie der ”Global
Commission on
International Migration” heißt es: ”Nach einer Mitteilung aus dem Jahr
2002 an
das UN-Generalsekretariat (United Nations, Economic and Social Council,
E/CN.4/2002/NGO/45) sind zwischen 1997 und 2000 über 3.000 Migranten
gestorben,
hauptsächlich bei dem Versuch, die Meerenge von Gibraltar zu
überqueren.”
(Pécoud 2005)
Der Marokko-Experte Pierre
Vermeren resümmiert: ”Geht man davon
aus, dass nur jeder dritte Tote gefunden wird, würde dies bedeuten,
dass in den
vergangenen fünf Jahren [1997-2002] allein in der Meerenge von
Gibraltar über
10.000 Auswanderer umgekommen sind.” (Vermeren 2002)
Eine umfassende Zählung der
Toten der Meerenge von Gibraltar für
den gesamten Zeitraum 1991-2004 existiert nicht. Summiert man die
Schätzungen
für die verschiedenen Zeitspannen, kommt man auf 12.-14.000 Tote. Ohne
Zweifel
handelt es sich bei der Meerenge von Gibraltar um das größte Massengrab
Nachkriegseuropas.
In den Jahren 1996/97 beginnen
auch italienische Gruppen damit,
die Toten im Mittelmeer systematischer zu registrieren. Die
Ausgangspunkte
bilden zwei große Tragödien. Am 25. Dezember 1996 sterben bei einem
Schiffsunglück mindestens 286 Menschen. Ein Fischkutter, der zwischen
Sizilien
und Malta Boat People von einem großen
Frachter namens ”Iohan” übernimmt, stößt dabei mit diesem
zusammen und
geht unter. Einen Monat lang leugnen die italienischen See- und
Polizeibehörden
dieses Ereignis. Die Zeitungen bringen die Notiz höchstens als winzige
Meldung
über ein angebliches Unglück. Tamilischen und pakistanischen
Überlebenden
gelingt es kurz nach dem Unglück, den Hergang in detaillierten
Schilderungen in
ihre europäische Exilpresse zu bringen. Engagierte Journalisten der
italienischen Zeitung ”Il Manifesto” bringen diese Nachricht mit Hilfe
von
Flüchtlingsunterstützern auf die erste Seite ihrer Zeitung und beginnen
eine
Recherche. Sie stellen fest: Mehr als hundert Überlebende befinden sich
in
italienischen Polizeigefängnissen oder sind – da eines der am Unglück
beteiligten Schiffe weitergefahren war – in griechische Haft gekommen.
Die
Tatsache, dass sie alle in den polizeilichen Befragungen den Hergang
des
Unglücks übereinstimmend beschrieben hatten, bestätigt, dass zu
Weihnachten
1996 die größte Tragödie der Mittelmeerschifffahrt seit 1945
stattgefunden hat.
Nur in Griechenland, das damals noch nicht auf Kurs der
Schengen-Politik
gebracht war, wagt es ein Staatsanwalt, eine Klage wegen Massenmord zu
erheben.
(FFM 2002a)
Die zweite
Schiffstragödie passiert am vierten Tag der italienischen militärischen
Adriablockade
im März 1997. Der albanische Staat ist zusammengebrochen, Aufstände
flammen
auf. Die italienische Marine hat den Befehl erhalten, die erwarteten
albanischen Boat People in internationalen Gewässern aufzuhalten. Am
28. März
rammt um 19 Uhr das italienische Kriegsschiff ”Sibilla” das albanische
Flüchtlingsschiff ”Kater i Rades” im Kanal von Otranto, 35 Kilometer
vor der
italienischen Küste. 110 Flüchtlinge, vor allem Frauen und Kleinkinder,
sind an
Bord. Fast alle ertrinken, nur 16 Personen werden gerettet, die in den
folgenden Jahren zusammen mit den Verwandten der Ertrunkenen einen
Prozess
gegen die verantwortlichen Militärs anstrengen. Das Verfahren wird über
Gebühr
in die Länge gestreckt, der wichtigste Anwalt stirbt vor einem
wichtigen Termin
auf mysteriöse Weise, schließlich wird die Initiative im Sand des
Justizbetriebs aufgerieben. (FFM 2002a)
Von noch weit mehr Toten in der
Adria wird, wenn man die kleinen
Zeitungsmeldungen zusammenfasst, jahraus jahrein berichtet. Dabei
handelt es
sich um AlbanerInnen und KosovarInnen, die im Kanal von Otranto auf
Schlauchbooten überzusetzen versuchen. Die kleinen Schiffe können dank
starker
Außenbordmotoren auf See sozusagen Haken schlagen und der italienischen
Marine
und Küstenwache zumeist entkommen.[8]
Über hunderttausend Flüchtlinge gelangen mit diesen schnellen kleinen
Fähren
nach und nach über die Meeresenge. Doch auch diese Boote sind gegen
Unwetter
nicht gefeit. Zudem sterben viele bei den ersten Manövern vor ihren
italienischen Verfolgern schon an den Klippen im albanischen
Küstengewässer.
Die italienischen Gruppen, die
1998 das Thema der toten Boat
People aufgreifen, formulieren ihre Kritik in der Sprache einer
europäischen
oder universalen Zivilgesellschaft. Es sei nötig, die Grundrechte
weltweit
auszuweiten. Unter diesem Vorzeichen buchen im Dezember 1998
italienische
AktivistInnen die Autofähre ”Illyrus” für eine Fahrt vom
süditalienischen
Brindisi in das albanische Vlorë und zurück. Überlebende der versenkten
Kater i
Rades sind mit an Bord. ”Traghetto della cittadinanza universale”,
Schiff der
Weltbürgerschaft wird das Boot getauft. Grenzkontrollen werden weder
auf der
Hin- noch auf der Rückfahrt akzeptiert. In Vlorë steht beim Empfang in
der
örtlichen Sporthalle auf Transparenten in albanischer und italienischer
Sprache
”Keine Mauer mitten im Meer!”.
Doch der Krieg der NATO um das
Kosovo bringt im Jahr 1999 große Rückschläge
für die italienische Flüchtlingssolidarität. Der Krieg wird als
humanitäre
Intervention inszeniert. Mit den Bildern der kosovarischen Flüchtlinge,
die
nach Albanien und Mazedonien kommen und dort in unzähligen Lagern
aufgehalten
werden, entsteht während des Kriegs eine regelrechte italienische
Jugendbewegung, die den medial sichtbaren Opfern in Albanien Hilfe
zukommen
lassen will. Neue Organisationen werden aus dem Boden gestampft, die
die
”zivilen Helfer” nach Albanien lotsen und in den Flüchtlingslagern
anstellen.
Aus den Jugendhelfern werden im Handumdrehen kleine Lagerverwalter.
Dass
zugleich hunderte Roma-Flüchtlinge über Montenegro nach Italien zu
flüchten
versuchen und dabei in der Adria ertrunken sind, wird kaum
wahrgenommen. In den
folgenden Monaten fassen die italienischen Militärs, Carabinieri und
diverse
Polizeieinheiten an der albanischen Küste und in der Hauptstadt Tirana
dauerhaft Fuß. Flüchtlinge und MigrantInnen aus anderen Ländern meiden
seitdem
die Gegend. Italien hat damit an diesem Abschnitt die EU-Außengrenze
wirksam
vorverlagert. Das ist für ganz Europa ein Präzedenzfall, der bislang
noch keine
kritische Beachtung findet. Italienische Gruppen haben es bislang nicht
geschafft, die kolonialistische Tradition offen zu legen, in der diese
exekutiv-territoriale Ausdehnung stattfindet.[9]
Seit 2000/2001 sterben mehr und
mehr Menschen im Meer zwischen
Sizilien, Tunesien und Libyen. Nach einer Aufstellung des Politologen
Paolo
Cuttitta sind dort im Jahr 2003 mindestens 411 Menschen umgekommen.
Dabei hat
er nur die elf Unglücke berücksichtigt, über die Zeitungen berichtet
haben. (FR
20.07.2004)
In Griechenland haben erst
relativ spät kritische Gruppen ihr
Augenmerk darauf gerichtet, dass in der Ägäis Boat People umkommen. In
Thessaloniki gibt es inzwischen zwei Vereinigungen, eine von Juristen
und eine
anarchistische unter dem Namen Schwarze Katze, die mit einer
Dokumentation der Toten
begonnen haben. Sie konnten bislang knapp 100 Todesfälle nachweisen.
(Siehe
auch das Bildmaterial des Solidaritätskomitee für die Flüchtlinge auf
Chios in
dieser Veröffentlichung) Eine offiziöse Studie der EU vermerkt, dass
man aus
dem Mangel an Berichten über Tote an der griechisch-türkischen
Meeresgrenze
nicht falsche Schlussfolgerungen ziehen sollte. Anders als in
italienischen
oder spanischen Territorialgewässern würden Flüchtlingsschiffe in
Griechenland
nach Möglichkeit nicht an Land gelassen, sondern zurück an den
Herkunftshafen
eskortiert.[10]
Die
griechische Grenze in der Ägäis sei ”der verletzbarste Punkt der
Seegrenze der
Schengen-Zone”. (Civipol 2003: 15, 35, 37)
Zur Frage der Boat People im
Mittelmeer arbeiten bisher nur die
wenigsten Initiativen länderübergreifend: Oben erwähnt sind die
spanisch-marokkanischen
Gruppen, die sich auf die Arbeit von MigrantInnen selbst stützen. Sie
haben
sich mit der französischsprachigen Initiative unter dem Namen migreurop
vernetzt. (www.migreurop.org) Mit der Rettungsaktion der Cap Anamur im
Mittelmeer im Sommer 2004 ist eine kurzzeitige italienisch-deutsche
antirassistische Zusammenarbeit entstanden (siehe dazu in diesem Heft
den
Beitrag von Alessandra Sciurba, Rete Antirassista Sizilien). Eine
Zählung der
Toten der Festung Europa mit Quellennachweis führt das Netzwerk United
for
Intercultural Action mit Sitz in Amsterdam. Auf der Liste, die das
Netzwerk
kontinuierlich fortschreibt und veröffentlicht, sind in der Zeit
zwischen dem
01.01.1993 und dem 09.06.2004 5.017 Tote vermerkt, allerdings nicht nur
der
Mittelmeerregion, sondern an den gesamten Außengrenzen der Europäischen
Union.
(United 2004)
Die Medien berichten, dass die
südeuropäische Küstenbevölkerung
darüber aufgebracht sei, dass die Boat People bei ihnen ankämen. Auf
der
italienischen Insel Lampedusa fürchten die Leute, dass mit jedem
anlandenden
Flüchtlingsboot der Tourismus stärker in Mitleidenschaft gezogen wird.
Sie
haben Angst um ihre Einnahmen aus dem europäischen Reisegeschäft.
Zahlreiche
Reportagen liegen über die andalusische Stadt Tarifa vor. Am dortigen
Strand
werden im Sommer häufig Flüchtlingsleichen angetrieben, und zugleich
gilt
dieselbe Küste als das Surferparadies Europas. Dass in denselben Wellen
Menschen umkommen, die auf der Flucht sind, schert sie nicht.
Die Gegenbeispiele der
Anteilnahme und Freundlichkeit sind jedoch
viel zahlreicher. In den 1990ern, also im ersten Jahrzehnt, in dem die
Boat
People in Südeuropa anlanden, nimmt die Bevölkerung die Ankommenden
zumeist
wohlwollend auf. Dieser Eindruck bestätigt sich jedes Mal, wenn man die
Landung
von Frachtern mit hunderten von Flüchtlingen genauer untersucht, und
verdient
angesichts des ansonsten vorherrschenden Rassismus größere
Aufmerksamkeit.
Die zweite Konstante, auf die
man bei der Ankunft großer
Flüchtlingsschiffe trifft, sind die staatlichen Machtdemonstrationen.
Notstandsähnliche Maßnahmen werden eingeleitet oder gar der Notstand
ausgerufen. Damit übernehmen Polizei, Küstenwache und Marine das
Kommando in
der jeweiligen Hafenstadt, flankiert vom Roten Kreuz und anderen
Hilfsorganisationen. In Großeinsätzen werden die Flüchtlinge von der
lokalen
Bevölkerung getrennt und vorzugsweise in Fußballstadien eingesperrt.
Polizisten
und Helfer behandeln sie auf Distanz, tragen Handschuhe und vielleicht
sogar
Mundschutz. Versorgungsgüter werden en Gros ausgegeben. Die Trennung
der
Flüchtlinge von der Bevölkerung erfolgt im Rampenlicht der Medien.
Politiker
kommen mit ihrer flüchtlingsfeindlichen Hetze ausführlich zu Wort, die
Flüchtlinge selbst oder die helfenden Einheimischen dagegen nie.
Eine Chronologie des letzten
Jahrzehnts mag verdeutlichen, in
welcher konfliktreichen Beziehung sich Flüchtlingshilfe und Notstand
entwickelt
haben:
1991, Italien: Als albanische
Flüchtlinge auf rostigen großen
Schiffen in Bari ankommen, versammeln sich viele BewohnerInnen der
Stadt am
Hafen, sie bringen Essen und Kleidung mit. Die Flüchtlinge werden unter
den
Scheinwerfern der großen Medien in das Stadion von Bari gebracht. Dort
müssen
sie ohne sanitäre Anlagen ausharren, ab und an werden sie vom Strahl
eines
Wasserwerfers durchnässt. Die Nahrung wird ihnen von Hubschraubern
zugeworfen.
Später plakatiert die Firma Benetton ein überdimensionales Foto in
ihrer
europaweiten Werbestrategie: Ein völlig überfülltes Schiff kommt im
Hafen an,
von dem sich junge Albaner springend und wegschwimmend zu retten
versuchen.
1992, Marokko: Nachdem Spanien
im Vorjahr die Visumspflicht
eingeführt hat, brechen im Sommer schätzungsweise 30.000 Menschen auf
kleinen
Holzbooten an der Meerenge von Gibraltar nach Spanien auf. Zum Teil
sind es
MarokkanerInnen, zum Teil aber auch AfrikanerInnen, die schon durch
viele
Länder Richtung Norden geflüchtet waren. Der damalige spanische
Innenminister
José Luis Corcuera fliegt in die marokkanische Hauptstadt Rabat, übt
Druck aus
und bringt finanzielle Versprechen mit. Alsbald werden 2.000
afrikanische
Flüchtlinge in nordmarokkanischen Großstädten gefasst, in die
Stierkampfarena
von Tanger gesperrt und im Laufe von mehreren Monaten ausgeflogen.
1997, Italien: Am 24. August
landen 485
kurdische Flüchtlinge an der italienisch-kalabrischen Küste bei dem
Städtchen
Badolato. Angesichts der drohenden staatlichen Notstandsmaßnahmen
entschließt
sich die Gemeinde, sofort selber zu handeln. Der Bürgermeister Gerardo
Manello
berichtet: ”Ich beschloss, alle Bürgerinnen und Bürger,
Verwaltungsangestellte,
Politiker, die Bürgermeister der Umgegend, die Freiwilligen zu einer
offenen
Kommunalsitzung einzuladen. Es kamen sehr viele, das Ergebnis war
einhellig: alle
stimmten dafür [für die Aufnahme der Flüchtlinge]. Ermutigt erließ ich
einen
Aufruf an die Besitzer der nicht bewohnten Häuser, damit sie diese für
die
Flüchtlingsfamilien zur Verfügung stellten: ich fand mich wieder mit
den
Schlüsseln von 80 Wohnungen, während das Projekt nur 10 vorgesehen
hatte und
wir uns nur zu zusätzlichen weiteren 10 entschlossen hatten. [...] Die
Integration in unsere Schulen und in unser soziales Netz, die Schaffung
von
Arbeitsmöglichkeiten für Kurden und Badolatesen werden Nachahmer
finden. Dies
wird im Respekt zu ihrer Kultur und ihre Herkunft geschehen, denn sie
müssen
nicht ihre eigenen Wurzeln und einen Teil ihres Lebens verleugnen, der
sich als
so feindlich zeigte.” In rascher Folge kommen weitere Schiffe in der
Gegend an,
insgesamt verzeichnet die Gemeinde im Jahr 1997 1.311 neue
MitbürgerInnen. (FFM 2002a)
2000, Griechenland: Die
Küstenwache bringt Anfang August vor Kreta
ein Holzschiff mit 334 afghanischen und kurdischen Flüchtlingen auf,
darunter
97 Kinder. Die Polizei nimmt sie fest und hält sie auf einem
Fußballfeld der
Stadt Ierapetra auf Kreta fest.
2000, Spanien: Im Oktober 2000
nehmen die Guardia Civil und die
Polizei 500 heimlich Eingereiste in einer Nacht an der Meerenge von
Gibraltar
fest und konzentrieren sie im Stadion von Tarifa, einer kleinen Stadt
an der
Meerenge. Als sie am nächsten Tag auf der Fähre nach Marokko
zurückgebracht
werden sollen, und zwar in den Frachträumen, eingeschlossen in
Polizeiwagen,
verweigert der Kapitän José María Badillo den Transport.
2001, Frankreich: Am 17. Febuar
landen 911 Passagiere der ”East
Sea” unter kambodschanischer Flagge am südfranzösischen Strand
Boulouris nahe
Saint-Raphaël. Es sind überwiegend Menschen aus dem Nordirak, unter
ihnen
ungefähr 300 Kinder unter 10 Jahren, auf der Schifffahrt kamen drei
Babies zur
Welt. Manche der Reisende sind in hohem Alter. Die Gendarmerie, das
Militär und
das Rote Kreuz hindern sie daran, die Gegend zu verlassen, und sperren
sie in
eine Flugzeughalle eines Marineinfanterieregiments im nahegelegenen
Frejus. Das
Lager wird zur Transitzone erklärt, damit sollen die Angekommenen nicht
als
Eingereiste gelten. Seit Beginn der Internierung versammelten sich
AnwohnerInnen, viele aus einer nahen RentnerInnensiedlung, am
Lagerzaun. Sie
warten stundenlang und fragen die Militärs immer wieder, wie sie den
”armen
Leuten” Kleidung, Essen und anderes zukommen lassen könnten. Jeden
Gefangenen-LKW, der vorbei ins Lager fährt, begrüßen sie
freundlich-stürmisch.
In den nächsten Tagen gehen die Versammlungen an den Zäunen weiter. Von
einer
nahen Straße aus gehen die Leute zu den Absperrungen und werfen
Plastikbeutel
mit Kleidung und Zigaretten über die Zäune. Selbst die Frauen der
Militärs
sollen angefangen haben, untereinander Kleidersammlungsinitiativen zu
starten.
Schließlich befürchten die Rotkreuzleute, die die Versorgung der
Internierten
übernommen hatten, und die Militärs, dass ihnen die Kontrolle
entgleitet. Sie
rufen die AnwohnerInnen dazu auf, Kleider und sonstige Spenden nur noch
an
einem Zelt des Roten Kreuzes weit weg in der Stadt abzugeben. Aus Paris
und
anderen Städten reisen Flüchtlingsunterstützer an. Die öffentliche
Stimmung
verwandelt sich auch in den Medien zugunsten der Flüchtlinge. Nach und
nach
müssen alle Internierten nach individuellen Anhörungen freigelassen
werden.
Manche von ihnen nimmt in den folgenden Tagen der deutsche
Bundesgrenzschutz
bei gezielten Fahndungsaktionen nahe der französisch-deutschen Grenze
fest.
2001, Griechenland: Am 5.
November strandet der türkische Frachter
”Erenler” an der westgriechischen Insel Zakynthos, an Bord 714
türkisch-kurdische und zentral- wie südasiatische Flüchtlinge, die nach
Italien
wollen. Den Ärzten, die sofort an Bord kommen, ist es vermutlich zu
verdanken,
dass die Menschen nicht sofort abgeschoben werden, sondern zunächst
einmal
eine umfassende Notversorgung erhalten.
Dann kommen die Bewohner Zakynthos an den Hafen und sorgen dafür, dass
die
Flüchtlinge in die Stadt gebracht werden. Aus allen Ecken der Insel
werden
Kleider, Nahrung und Decken gespendet. Familien waschen die Kinder der
Flüchtlinge und singen für sie Kinderlieder, berichten die Zeitungen.
Seine
Gemeinde kümmere sich seit einer Woche um nichts anderes als um die
Versorgung
der Flüchtlinge, sagt der Bürgermeister Jiannis Agalianos. In den
folgenden
Monaten können sie nach und nach weiterreisen. Die griechische
Regierung
beklagt, dass sie nicht die Mittel für eine wirksame Migrationspolitik
habe,
und fordert gemeinsame Anstrengungen der EU.
Die Anteilnahme und Hilfe aus
der Bevölkerung einerseits und die
Notstandsmaßnahmen andererseits bilden einen temporären Mikrokosmos,
der von
Bezugsereignissen auf globaler Ebene kontrastiv begleitet wird. So kam
es vor,
dass in den gleichen Fernsehnachrichten zunächst von der Anlandung
irakischer
Flüchtlinge und im internationalen Nachrichtenüberblick von der
Bombardierung
des Iraks durch die amerikanische und britische Luftwaffe berichtet
wird.
Manchmal handelt es sich just um die aktuelle Verwüstung jener
Landstriche, aus
denen die Flüchtlinge gekommen sind. Ähnliche Bezüge gibt es bei
ankommenden
kurdischen Schiffsflüchtlingen, deren Dörfer in der Türkei in den
1990er Jahren
zerstört wurden, und bei afghanischen Boat People. Dennoch wird in den
Nachrichten nie ein Zusammenhang zwischen der Ankunft der
Flüchtlingsschiffe
und den Kriegsaktionen hergestellt. Im Mikrokosmos einer kalabrischen
oder
griechischen Hafenstadt verwandeln sich die Konflikte zwischen
helfender
Bevölkerung und staatlicher Übermacht nicht in Auseinandersetzungen
über die
Weltpolitik, obwohl die Flüchtlingssolidarität sicherlich davon genährt
wird,
dass es sich bei den Flüchtlingen um Zivilbevölkerung aus
Kriegsgebieten
handelt. Vor Ort am Hafen wird in jedem Fall deutlich, dass der
humanitäre
Gestus, mit dem die mächtigsten Staaten dieser Welt ihre Kriege
rechtfertigen,
eine Farce ist.
Im Oktober 2003
waren 13 Tote in einem Boot vor Lampedusa gefunden worden, allesamt
waren auf
der Überfahrt verdurstet. Das Fernsehen war dabei, als das Boot an Land
gezogen
wurde. Die Aufnahmen dieses Totenschiffs haben Millionen ItalienerInnen
gesehen
und bilden einen wichtigen Bezugspunkt für die anschließenden
Notstandsmaßnahmen des italienischen Staats. Doch wie haben sich die
flüchtlingspolitischen Verhältnisse vor Ort entwickelt?
Le Monde bringt am
28.09.2004 eine Reportage über Lampedusa, aus der folgende Notizen
stammen: Bis
zu den Stränden von Sfax sind es 140 Kilometer, die Insel gehört
geologisch zum
afrikanischen Kontinent. Es gibt 6.000 InselbewohnerInnen. Jahr für
Jahr kommen
Hunderttausende TouristInnen auf das Eiland. Die Verwaltung unternimmt
alle
Anstrengungen, damit niemand etwas von der Existenz der anlandenden
Boat People
mitbekommt.
Meist handelt es
sich um kleine Boote, die ankommen, aber 2004 haben auch große
Flüchtlingsschiffe mit bis zu 465 Passagieren an Bord Lampedusa
erreicht. Bei
dieser Größenordnung werden die Schiffe auf dem Meer aufgespürt und
schließlich
in den nächsten Hafen gebracht. Seit zehn Jahren gilt die
Regierungsorder, dass
die Schiffe grundsätzlich beschlagnahmt und verschrottet werden müssen.
Das
kostet die öffentliche Hand in Lampedusa 100. bis 250.000 Euro pro
Jahr.
Aberhunderte Schiffe wurden dort bereits verschrottet.
”Die erste
(Flüchtlings-)Anlandung fand 1992 statt, damals kamen 71 Personen auf
einmal
an”, sagt Giglione Baldassare, ein Café-Betreiber. Er erinnert sich,
dass das
wie ein großes Fest ablief: ”Von Seiten der Bevölkerung gab es eine
unerhörte
Solidaritätsbekundung. Die Leute brachten Kleidung, Decken und heiße
Getränke.”
In Lampedusa sind die Flüchtlingsanlandungen immer häufiger geworden:
2002
kamen 6.500, 2003 6.000, und bis September 2004 8.000 Personen. ”Früher
mussten
sie in Zweierreihen die Stadt durchqueren, um ins Aufnahmelager zu
kommen.
Jetzt gibt es Kleintransporter, um sie unauffälliger dorthin zu
bringen”,
erklärt Michele Niosi, der Hafenkommandant. Das Aufnahmezentrum besteht
aus
schlichten Baracken neben dem Flughafen und zählt 180 Betten. Das
Behelfsmäßige
ist zum Dauerzustand geworden: die Bevölkerung hat vor einigen Monaten
dagegen
mobilisiert, dass die Anlage dort auf 500 modernere und freundlichere
Plätze
erweitert wird. Die Flüchtlinge bleiben im Allgemeinen nur einige
Stunden oder
Tage in diesem Lager, bevor sie in andere Zentren in Italien – oder
aber zurück
in ihr Herkunftsland verbracht werden. Mit seinen stacheldrahtbewehrten
Zäunen
hat das Aufnahmezentrum nichts, was seinem Namen gerecht würde. Die
Leute von
Lampedusa haben es ”Guantanamo” getauft. Die
Nichtregierungsorganisation
Misericordia führt das Lager, bewacht wird es von Carabinieri – also
den
italienischen Paramilitärs, die dem Verteidigungsministerium
unterstehen. Der
Misericordia-Direktor des Lagers meidet Interviews, ganz nach dem Rat
der
Präfektur. Den Ärzten ohne Grenze ist seit April 2004 der Zutritt
untersagt.
”Das ist ein Ort des Nicht-Rechts, sehr schockierend, jenseits aller
Kontrolle”, findet Giusi Nicolini, ein Öko-Aktivist, der bei der
Umweltvereinigung
Legambiente mitmacht. ”Selbst die Parlamentarier benötigen eine
Genehmigung der
Präfektur, um dort hineinzukommen.” Für den Bürgermeister, den Arzt
Bruno
Siragusa, der vor zwei Jahren unter dem Banner der Forza Italia von
Silvio
Berlusconi gewählt wurde, sind diese Isolierungsmaßnahmen gegenüber den
clandestinen MigrantInnen überlebenswichtig für ”eine Insel, die zu 80
Prozent
vom Tourismus lebt.”
Die Italiener haben
den Charme Lampedusas Anfang der 1980er Jahre entdeckt. Seitdem kommen
pro Jahr
ungefähr 150.000 auf die Insel, um auf den weißen Sandstränden in der
Sonne zu
braten, im blauen Lagunenwasser zu baden und in den Diskotheken zu
tanzen. Aber
das Image dieses kleinen Paradieses hat unter der öffentlichen
Aufmerksamkeit
gelitten, die auf die ankommenden Klandestinen [ital. Clandestini,
Illegale]
gerichtet ist. ”Wenn man die Presse liest, wird die Insel belagert und
unser
Meer ist voller Leichen”, wundert sich Bruno Siragusa, der
Bürgermeister. Der
Verband der Hoteliers schätzt, dass ”das ständige Anschleppen von
Booten
Klandestiner allmählich die touristische Saison kaputtmacht”. Die
Ankunft der
MigrantInnen wird für die Krise des Tourismus verantwortlich gemacht,
die
möglicherweise ganz andere Gründe hat. Oder auch auf Gerüchte wie
solches zurückgeht:
Im Juli 2003 hat die Presse fälschlicherweise behauptet, dass es unter
den
Flüchtlingen einen Fall von Meningitis gebe, und in der Folge ist es
zur
Stornierung vieler Buchungen gekommen. Aber tatsächlich ist es eben so,
dass
sich die Wege von TouristInnen und Flüchtlingen auf Lampedusa niemals
kreuzen.
Auf dem berühmten ”Hasenstrand” holt man sich seine Sommerbräune, ohne
dass man
mit der Landung eines übervollen Schiffs rechnen muss. Dieser Cordon
Sanitaire,
den die Behörden installiert haben, reicht Angela Maraventano nicht,
der
Gründerin einer etwas ausgefallenen Sektion der Liga Nord auf
Lampedusa. Die
Besitzerin des Restaurants Il Sarraceno (Spezialität Couscous!), 40
Jahre alt,
schlägt starke Töne an: ”Man muss das Business der klandestinen
Migration
stoppen, die Lampeduser wollen nicht zu Komplizen des organisierten
Verbrechens
werden. Was ist die Lösung? Es reicht, wenn man zwei Militärschiffe an
der
Grenze der Territorialgewässer stationiert, um diese Leute abzufangen
und sie
aus unserem Sichthorizont zu entfernen. Wir haben Angst davor, dass
sich
Terroristen einschleichen, aber auch vor ansteckenden Krankheiten, die
die
Klandestinen auf die Insel einschleppen könnten.” Nachdem sie gegen das
neue
Aufnahmezentrum gewettert hat, das der Innenminister einrichten will,
verspricht Angela Maraventano gegen Ende der touristischen Saison ”eine
Blockade des Hafens mit Fischerbooten”.” Auf der Insel leben, im
Unterschied zu
Norditalien, keine klandestinen MigrantInnen. Sicher haben die
InselbewohnerInnen zahlreiche Anlässe zur Unzufriedenheit. ”Wir haben
kein
Krankenhaus, keine kontrollierte Mülldeponie, keinen ausreichenden
öffentlichen
Nahverkehr”, zählt Angela Maravetano auf. ”Man hat uns aufgegeben, in
Wirklichkeit sind wir die Drittstaatler Italiens.” Letzten Winter
wurden
zwanzig Autos angezündet, eines davon gehörte dem Bürgermeister.
Anonyme
Briefe, Einschüchterungen und Anschläge haben sich von Oktober bis März
gehäuft. Die Ermittlungen haben nichts ergeben, und die Ruhe ist
inzwischen
wieder hergestellt, ohne dass die Ursache des Fiebers entdeckt worden
ist.
Von seinem Büro der
Hafenleitung aus verfolgt Kommandant Michele Niosi die
Meeresüberwachung. Seine
60 Leute verfügen über zwei Schnellboote. Sie werden von einem
Militärschiff
weiter draußen und von Luftpatrouillen unterstützt. Der Marineoffizier
glaubt
nicht den Schätzungen in der Presse, die auf Eintausend Tote diejenigen
beziffert, die im Kanal von Sizilien den Tod gefunden haben. ”Das ist
ein sehr
überwachtes Meer, das von sizilianischen Fischern stark befahren wird,
von
Handelsschiffen, dann sind da die Öl-Plattformen, die Linienflüge usw.
Wie
könnten all diese Leichen unbemerkt bleiben?”
So weit die
Reportage in Le Monde. In einem Feature von Roman Herzog, ausgestrahlt
vom NDR
am 05.06.2005, sagt der Bürgermeister Bruno Siragusa: Im Sommer 2004
gab es auf
der Insel einen ”Ausnahmezustand”, ”weil es zu diesem Rekord kam, von
1.300
Menschen Menschen im Aufnahmezentrum, das höchstens zweihundert
beherbergen
kann. Diese Menschen werden 40 bis 60 Meilen südlich von Lampedusa
abgefangen.
Sich auf einer touristischen Insel mitten im Flughafen ein
Aufnahmezentrum zu
leisten, ist irrsinnig, die Sicherheitsaspekte, das Ansehen und auch
die
Hygiene, denn es fehlt dort ein adäquates Abwässersystem.”
Weiter heißt es in
dem Feature, dass seit 1996 italienische Staatsanwälte immer wieder
Fischer
verklagt haben, die schiffbrüchige Flüchtlinge an Bord genommen und an
Land
gebracht hatten, wegen Beihilfe zur illegalen Einreise. Auch deshalb
findet
sich heutzutage kaum noch ein Fischer, der selbst helfend tätig wird.
Ein
Fischer namens Pasquale sagte dem Reporter noch, ”aber erst, als ich
das Band
abstellte, dass viele Fischer aus Angst niemals sagen, was sie gefangen
haben.
Sie sagen nichts, sondern sortieren einfach nur die Leichenteile aus
den
Netzen.”
Romeo Cavalin,
Kommandant der Guardia di Finanza in Lampedusa: ”Auf hoher See operiert
die
Marine mit einem großen Kriegsschiff und kann mit den Radargeräten das
Meer
recht weit überblicken. Sie nimmt eine erste Ortung vor und teilt sie
uns mit.
Wir operieren dann innerhalb der 24-Meilenzone und die Küstenwache wird
bei
Rettungsaktionen eingesetzt. Na und dann dürfen wir natürlich nicht die
permanente Luftraumerkennung vergessen. Wir haben auf der Insel
Helikopter und
große Militärmaschinen, die in dreißig bis fünfzig Meilen Entfernung
Patrouille
fliegen. – Neuerdings werden sie [die Flüchtlinge] direkt auf dem Meer
zurückgebracht, also von uns in den internationalen Gewässern von ihren
Schiffen auf die tunesischen Wachschiffe umgeladen, die sie
zurückbringen.
Außerhalb der 12-Meilenzone liegt ja noch keine Straftat der illegalen
Einreise
vor. Wir versuchen, sie vor den italienischen Gewässern zu blockieren.”
Die
24-Meilenzone, von der Cavalin spricht, widerspricht dem gültigen
Seerecht.
Seit Jahren macht die Europäische Union in internationalen Gremien
Druck, die
nationalen Gewässer von 12 auf 24 Meilen auszuweiten.
Fulvio Vassallo,
Anwalt und Juraprofessor in Palermo zum Flughafen-Lager: ” Ein Zentrum
für 150
Personen, in dem bisweilen 1.200 an
einem Tag ankommen, kann wohl kaum eine adäquate Versorgung
gewährleisten. Im
Sommer sind im Zentrum auf Lampedusa
immer vier, fünfhundert Menschen, die ohne Decken auf dem Boden
schlafen und
keine menschenwürdigen, hygienischen Einrichtungen haben, denn es
existieren
nur drei, vier Toiletten. Zugleich müssen sie kontinuierlich den
Appellen der
Polizei folgen, die kontrolliert, dass die Menschen nicht fliehen und
alle
sechs Stunden die Namen per Appell verliest. Die einzige Kontrolle
könnte der
Europäische Menschenrechtsgerichtshof sein, wenn man dort klagen
könnte. Aber
dafür muss ein Mensch ein Schriftstück unterschreiben können und leider
wird
dies im Falle Lampedusas verunmöglicht. Genau deswegen untersagt die
Polizei uns
Anwälten den Zugang zu den Aufenthaltszentren, denn sie haben Angst,
dass aus
Strassburg ein Abschiebestopp verhängt wird. Um das zu verhindern,
werden die
Abschiebungen im Schnellverfahren, nachts und ohne formale Dokumente
vorgenommen, so kann man nicht einmal mittels dieses materiellen
Beweisstücks
klagen. Die Menschen werden mit Handschellen ins Flugzeug geführt, und
man kann
nicht klagen. Italien hat so eine völlig neue Kategorie geschaffen,
nämlich die
ein paar Tage auf den Zugang ins Land folgende Zurückweisung. Und wir
befürchten, das wird die Norm.” Weiter unten wird auf die
Massendeportation aus
Lampedusa nach Libyen ab Oktober 2004 und auf eine erste Entscheidung
des
Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs im Frühjahr 2005 zurückzukommen
sein.
Salvatore Martello,
ehemaliger Bürgermeister von Lampedusa: ” Wenn sie sagen, dass es ein
Problem
der Clandestini gibt, einen Ausnahmezustand, dann werden alle Maßnahmen
auf der
Insel zum Ausnahmerecht. Auf Lampedusa sind heute ich weiss nicht wie
viele Schnellboote
des Hafenamts, der Carabinieri, der Guardia di Finanza, der Küstenwache
und der
Marine. Der politische Wille dieser Regierung ist, Lampedusa in eine
Militärbasis zu verwandeln. Vorher ist ihnen das nicht gelungen, aber
so
langsam sind wir zu einer Militärbasis geworden, als Eingangstür
Europas für
die Nichteuropäer.”
Die Geschichte des Lagers von
Lampedusa ist eine Geschichte von
Aufständen. Die erste und die letzte Notiz zu dortigen Lagerrevolten
seien hier
zitiert: In der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1998 versuchten 146
”clandestini”
aus Marokko und Tunesien, dem Lager auf der süditalienischen Insel
Lampedusa zu
entfliehen, indem sie ihre Baracken anzündeten. Zwanzig von ihnen
wurden in der
Folge verhaftet sowie der Gewaltanwendung und der Sachbeschädigung
angeklagt.
Nur fünf gelang die Flucht. Zur gleichen Zeit revoltierten in Palermo
und
Caltanisetta, später auch in Ragusa und Trapani Abschiebe-Gefangene
gegen ihre
drohende Abschiebung und versuchten ebenfalls zu fliehen. - Mitte Mai 2005 revoltierten über 1.000
Flüchtlinge und
MigrantInnen im Lager von Lampedusa. Es ist derzeit für die Aufnahme
von bis zu
190 Personen ausgelegt, aber seit Mitte Mai mit über 1.000 Personen
belegt.
V.
Feindbilder:
”Organisierte Kriminalität” aus dem Osten – ”islamistischer Terror” aus
dem
Süden
Als im Herbst 1997 große
Schiffe mit jeweils mehreren hundert
kurdischen Asylsuchenden an Bord an der italienisch-kalabrischen Küste
strandeten (siehe oben), entstand in den Schengener Gremien
Krisenstimmung. Der
damalige deutsche Innenminister Manfred Kanther prägte in dieser
Situation den
geradezu wahnwitzigen Begriff der ”kriminell organisierten illegalen
Wanderungsbewegungen”. Man müsse sie bereits am ”Ausgangsherd” stoppen.
Einen
Monat später verabschiedete der Rat der EU den Irak-Aktionsplan
(”Influx of
migrants from Iraq and neighbouring regions”), der auf die Arbeit und
das
Konzept vor allem des deutschen Bundesgrenzschutzes (BGS) zurückging.
(FFM
2000) Der BGS hatte über Monate Daten zum Migrationsweg von Kurden vor
allem
über den Balkan gesammelt. Eine Nebenroute führte über das östliche
Mittelmeer
nach Italien. Mit dem Irak-Aktionsplan sollte weit außerhalb der EU den
Fluchtbewegungen Hindernisse in den Weg gelegt werden: Das
Maßnahmenbündel sah
unter anderem vor, dass die Transitländer ihre Visapolitik und die
Grenzkontrollen verstärken sollten, dass bestimmte Wirtschaftszweige
polizeilich kontrolliert werden müssten und dass Razzien an
vorgegebenen Orten
erfolgen sollten. Im Rückblick wird deutlich, wie stark die
Migrationsbekämpfung jener Zeit von dem Feindbild der Organisierten
Kriminalität (OK) gekennzeichnet war. Die Behörden fahndeten gegen die
OK und
versuchten dadurch, gewisse Folgeerscheinungen der ost- und
südosteuropäischen
Transformation unter Kontrolle zu bekommen – und den westeuropäischen
polizeilichen Radius bis nach Warschau, Zagreb oder Istanbul
auszudehnen. Von
einer Kontrolle des Mittelmeers waren die Polizeien der Europäischen
Union
damals noch ziemlich weit entfernt. Sie konzentrierten sich auf die
Zusammenarbeit mit den südosteuropäischen und vor allem türkischen
Polizeien
und untergruben damit die lokalen gesellschaftlich-polizeilichen
Voraussetzungen, die für das Ablegen der ganz großen Flüchtlingsschiffe
nötig
waren. Im Rückblick halten die
deutschen
Behörden ihre Arbeit für maßgeblich, die heimlichen Passagen aus dem
östlichen
Mittelmeer in Richtung Libyen und Tunesien verdrängt zu haben.[11]
(BKA 2004)
Wie unterscheiden sich die
heutigen Feindbilder von denen der
Kantherschen Prägung? Die Errichtung von Lagern steht heutzutage
stärker im
Zentrum der Abschottungspolitik. Die Boat People im Mittelmeer, die für
ihr
Migrationsziel sogar ihr Leben riskieren, können kaum noch als Opfer
von
übermächtigen Schleuserbanden präsentiert werden. So richten sich die
Lager-vorhaben offen gegen die Flüchtlinge und MigrantInnen selbst.
Gegen zwei
Zielgruppen richten sich zumindest propagandistisch die Lagerpläne: In
Osteuropa
sind es die tschetschenischen Flüchtlinge, die in den Beitrittsländern
inzwischen die Mehrheit der AsylbewerberInnen darstellen. (Dietrich
2005) Des
Weiteren handelt es sich um die Boat People im westlichen
Mittelmeerraum. Ihnen
widmet sich das neue Fünfjahresprogramm für den
Ausbau des ”Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts” (”Haager Programm”, 2004, siehe unten) in
mehrfacher
Hinsicht. Unter Punkt 1.6. (”Die externe Dimension von Asyl und
Zuwanderung”) heißt dort: ”Der
Europäische Rat
stellt fest, dass unzureichend regulierte Wanderungsbewegungen zu
humanitären
Katastrophen führen können.” Mit den ”humanitären Katastrophen” sind
die
Boat-People-Tragödien gemeint, ”die sich im Mittelmeer bei Versuchen
abspielen,
illegal in die Europäische Union einzureisen. Er [der Rat] ruft alle
Staaten
auf, stärker zusammenzuarbeiten, um den Verlust weiterer Menschenleben
zu
verhindern.” (ebda.) Die Beschreibung atmet den Geist des
Katastrophenschutzes
und des Desastermanagements: Verantwortlich für den massenhaften Tod im
westlichen Mittelmeer sei die unzureichende Regulierung der
Wanderungsbewegungen, also ”zu wenig staatliche Kontrolle”, um es
einfach
auszudrücken. Unter diesem Blickwinkel der EU-Strategieschmieden findet
die
Diskussion um die Errichtung von ”Auffanglagern” in Nordafrika seit
2003 statt.
Dass das
westliche
Mittelmeer dabei in den Vordergrund der EU-Aufmerksamkeit gerückt ist,
liegt
sicherlich nicht allein an den dortigen ”illegalen Einreisen” oder gar
an
humanitärer Sorge um die zahlreichen Todesfälle. Ein große Rolle spielt
bei
dieser geographischen Schwerpunktbildung der Antiterrorismus seit 2001,
insbesondere nach den Anschlägen in Casablanca (2003) und Madrid
(2004). Die
Militarisierung des Mittelmeers und der Meerenge Gibraltars hat damit
stark
zugenommen. Die Anschläge nehmen die westeuropäischen Regierungen zum
Anlass,
ihren polizeilichen Einfluss nach Nordafrika auszudehnen. Die
verschiedenen
Bedrohungsszenarien – eben auch durch das Aufkommen der Boat People –
amalgieren dabei zu einem neuen Feindbild, dem des gefährlichen Südens.
Die
Bekämpfung des ”Islamismus” wirkt hier wie ein Katalysator der
flüchtlings- und
migrationspolitischen Abschottungspolitik.
Dabei
bildet sich eine neue Art von Kerneuropa heraus: Die Treffen der
Innenminister
der fünf ”großen” westlichen EU-Staaten (Deutschland, Frankreich,
Großbritannien, Italien und Spanien) sind inzwischen unter dem Label
G-5
etabliert, sie erfolgen seit Mai 2003 regelmäßig alle dei Monate.
Antiterrorismus und die Bekämpfung der heimlichen Flucht und Migration
nach
Europa sind stets die Toppunkte auf der Agenda der G-5. So heißt es in
der FAZ
vom 21.10.2003 zum G-5 am 19./20.10.2003 in La Baule:
”EU-Innenminister. Paris schlägt
Sicherheitszone im
westlichen Mittelmeer vor. Vor dem Hintergrund neuer
Drohungen des Al-Qaida-Anführers
Bin Laden und Flüchtlingstragödien an den Küsten Italiens und Spaniens
haben
fünf europäische Innenminister im französischen La Baule zwei Tage lang
die
Themen Terrorismusbekämpfung und illegale Einwanderung erörtert.” Dabei
”schlug
der
französische Innenminister Sarkozy die Schaffung einer
´Sicherheitszone´ im
westlichen Mittelmeer vor. Zur Eindämmung der Einwanderung sollten in
einem
´Drei-plus-drei´- Projekt die Mittelmeeranrainer Spanien, Frankreich
und Italien
´effektiver´ mit Marokko, Algerien und Tunesien zusammenarbeiten, den
drei
nordafrikanischen Maghreb-Staaten, aus denen die meisten Illegalen
kommen.”
Tatsächlich gibt es seit ein, zwei Jahren gemeinsame
US-amerikanisch-marokkanische und spanisch-marokkanische Patrouillen
vor den
Küsten Marokkos.
Dass die Innenminister und
Polizeistrategen den Antiterrorismus
mit der Flüchtlingsabwehr verknüpfen, ist an sich nicht neu. Auch die
Schengener Initiative, die zum EU-Außengrenzregime geführt hat, ist
ursprünglich
aus der Antiterror-Koordination der damaligen Europäischen Gemeinschaft
entstanden. Besonders beunruhigend ist nun, seit dem G-5-Treffen in La
Baule,
dass gemeinsame Fahndungseinheiten gebildet werden sollen, ausgehend
von der
Annahme, dass die nordafrikanischen Netzwerke, auf die sich die
Islamisten
stützten, auch die Boat People befördern hälfen.
Wenige Tage
nach dem
G-5-Treffen in La Baule wird am 20.10.2003 das obengenannte Boot mit
dreizehn
Leichen nach Lampedusa gezogen. Das Boot war zwei Wochen lang auf dem
Meer
zwischen Libyen und Lampedusa herumgetrieben. Von den 85 Flüchtlingen,
die
damit nach Italien kommen wollten, überlebten nur 15 Personen. Die
meisten von
ihnen waren verdurstet, und die Überlebenden haben einige Leichen
genutzt, um
sich vor der Sonne zu schützen. Die Fernsehbilder von diesem
Totenschiff haben
die italienische Öffentlichkeit nachhaltig erschüttert. In der
italienischen
öffentlichen Wahrnehmung der Boat People im Mittelmeer bilden sie eine
Art
Zäsur. Italienische Regierungskreise antworteten auf diese Tragödie mit
dem
Vorschlag, Lager in Nordafrika zu errichten, und verknüpften seitdem
die
heimlichen Passagen im Mittelmeer mit dem ”Islamismus”. Eine parallele
Strategie wird knapp ein Jahr später in Deutschland genutzt, als der
deutsche
Innenminister Schily nach der Cap Anamur-Rettungsaktion seine humanitär
verbrämten Pläne für Lager in Nordafrika in der Öffentlichkeit lanciert.
VI. Libyen: Öl,
Sicherheitswahn, Personenerfassung
Öl
und Erdgas-reiche Gebiete gelten weltweit als ”areas of vital interest”
der USA
und zunehmend auch der Europäischen Union. Früher rekrutierten die
internationalen Petro-firmen noch ihr Proletariat im Förderland. Diese
Zeit
gehört der Vergangenheit an. Die ortsansässige Bevölkerung gilt als
potentieller
Störfaktor. Sie ist von dem geförderten Reichtum mehr und mehr
ausgeschlossen.
In dem Maß, wie seit wenigen Jahren Algerien und Libyen ihre Erdöl- und
Erdgasförderung privatisieren, werden mobile firmenimportierte Arbeiter
eingesetzt. Soziale Auseinandersetzungen sind damit vorgezeichnet.
Das
scheint das Motiv zu sein, das die Industrie des Petroleums mit der der
Sicherheitsanlagen, der Rüstung und mit den Strategen der Kriegsführung
zusammenbringt. Zäune, Stacheldraht, High-Tech-Überwachung auch aus der
Luft
ist einfach auszumachen, aber welche gesellschaftspolitischen Eingriffe
treibt
das Petro-Kriegs-Bündnis voran?
Diese
Frage ist nicht auf empirischem Weg einfach zu beantworten, handelt es
sich
doch weitgehend um präventive Strategien, die auf Annahmen und
”worst-case”-Szenarien beruhen. Blickt man auf die policy-Beratung der
großen
Think-Tanks, so fällt jedenfalls auf, dass die Investitions-,
Entwicklungs- und
Migrationspolitik inzwischen in einem übereinstimmen: Man geht davon
aus, dass
die schnelle Ansiedlung von Kapital ein Anspruchsdenken der lokalen
Bevölkerung
und einen statistischen ”Migrationsbuckel” hervorruft, der sich nach
Jahrzehnten wieder abflacht. Petro-Interessen gelten zugleich als
höchst vital
und verletzbar. Diese vermutete Gemengelage bringt nicht nur Öl-,
Sicherheits-
und Kriegsindustrie zusammen, sondern führt auch zu einem neuen Zugriff
auf die
demographischen Verhältnisse.
Vielerorts
werden die lokalen Bevölkerungen jetzt erstmals systematisch erfasst.
Feste
Siedlungen sollen zur ausschließlichen Norm werden, mobile und erst
recht
grenzüberschreitende Lebensweisen werden durch erneuerte Grenzziehungen
eingeschränkt, die Personenchecks auf den Straßen nehmen zu – und Lager
werden
errichtet. Diese bevölkerungspolitischen Implikationen der
privatkapitalistischen Ressourcenausbeutung sollten mitbedacht werden,
wenn man
sich ansehen will, was hier die ”Bekämpfung der Fluchtursachen” sowie
die
Migrations- und Flüchtlingspolitik im Sahel und in den erdöl- und
erdgasfördernden nordafrikanischen Transitländern bedeuten könnte.
(Siehe dazu
auch Kapitel X)
Seit
Mitte der 1990er Jahre hat Ghaddafi die Wirtschaft des Landes und damit
die
Erdöl- und Erdgasförderung schrittweise ausländischen Investoren
geöffnet.
Libyen ist neben Russland der wichtigste außereuropäische
Erdöllieferant der
Bundesrepublik, während Deutschland nach Italien der bedeutendste
Warenlieferant Libyens ist. 2002 kündigte der deutsche
Wirtschaftsminister eine
,,Außenwirtschaftsoffensive" gegenüber dem Nahen Osten und Nordafrika
an,
gemeint war vor allem die Investition in den Erdöl- und Erdgassektor
der
Region. Da stehen die Potentiale Libyens an erster Stelle. Das Land
wies in den
70er Jahren die meisten deutschen Investitionen in Nordafrika und im
Nahen
Osten auf, bevor die Wirtschaftskooperation eingeschränkt wurde. Nun
sieht der
Deutsche Industrie- und Handelskammertag für deutsche Firmen nicht nur
in der
Energiebranche, sondern auch in den Bereichen Infrastruktur,
Telekommunikation
und im Gesundheitssektor des Landes gute Chancen. Auch bietet die
Versorgung
der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln einen großen Markt, da die meisten
Lebensmittel importiert werden müssen. Eine kleine Chronologie kann die
rasante
Entwicklung (wirtschafts-)politischer und strategischer Interessen im
vergangenen Jahr verdeutlichen. In diesem Kontext finden zeitgleich die
flüchtlingspolitischen Kooperationsdynamiken statt.
24.
März 2004. Der britische Premierminister Tony Blair ist zu Besuch bei
Ghaddafi.
Der niederländisch-britische Ölkonzern Shell erhält einen Großauftrag
zur
Förderung von Erdgas und Öl in Libyen in einem Umfang von 165 Mio.
Euro, der
zur Grundlage ”einer langfristigen strategischen Partnerschaft” werden
soll.
Die Rede ist von ”Waffen gegen Öl”, denn der Rüstungskonzern BAE kann
gleichzeitig Verhandlungen über umfangreiche Geschäfte mit Libyen
einleiten.
Libyens Streitkräfte wollen eine neue Ausstattung. Auf der Wunschliste
stehen
Nachtsichtgeräte und Flugradar ganz oben.
Im
Juli 2004 macht Libyen den Weg für die Beteiligung von ausländischen
Investoren
an Staatsfirmen frei. Die Regierung beschließt die Privatisierung von
160
Staatsunternehmen. An 54 von ihnen sollen Ausländer nicht nur Anteile,
sondern
sogar die Mehrheit halten dürfen. Bis 2008 sollen insgesamt 360
Unternehmen
privatisiert sein. Ende Juli spricht sich die Welthandelsorganisation
(WTO) für
die Beitrittskandidatur des Landes aus. Im August 2004 führt die
Bundesregierung die Hermes-Bürgschaften für Libyen wieder ein.
Am
5. September 2004 versammelt der libysche Staat zahlreiche
Firmeninteressenten
aus aller Welt zu einer Präsentation neuer Erdöl- und Erdgasfelder. Der
neoliberal agierende libysche Ministerpräsident Shukri Ghanim macht
bekannt,
dass in den kommenden Monaten eine Versteigerung der
Förderungskonzessionen
stattfinden soll. Nach neuesten Schätzungen verfügt Libyen über die
achtgrößten
Erdölreserven weltweit. Momentan produziert Libyen 1,6 Mio. Fass Rohöl
pro Tag.
Ziel ist es, mithilfe zahlreicher neuer Investitionen aus dem Ausland
die
Produktion bis 2010 auf 2 Mio. zu erhöhen – 1970 lag sie bei 3,5 Mio.
Fass pro
Tag. Als attraktiv gelten die niedrigen Produktionskosten und die hohe
Qualität
des libyschen Rohöls.
7.
Oktober 2004: Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi besucht
zum
vierten Mal in diesem Jahr Libyen: diesmal, um die Pipeline
”Greenstream” des
”West Libyan Gas Project” einzuweihen. Gebaut und betrieben wird sie
von dem
italienischen Energieriesen ENI, der die Nummer Eins bei den
Auslandsunternehmen in Libyen ist. Investiert wurden 6,6 Mrd. Dollar in
die
über 520 Kilometer lange Pipeline, die nun Erdgas aus dem libyschen
Mellitah
nach Sizilien liefert. Es ist das bis dato größte Mittelmeerunternehmen
seiner
Art und macht eine zweite Pipeline-Planung für algerisches Gas
hinfällig. Zur
Einweihung hat man den ”Tag der Rache” in Libyen ausgewählt, an dem man
seit
den 1970er Jahren der Sieg über die Kolonialisten feiert. Doch aus
Rücksicht
auf Berlusconi macht Ghaddafi daraus nun den ”Tag der Freundschaft” und
erklärt
die einst aus dem Land geworfenen italienischen Kolonial-Siedler zu
willkommenen Gästen.
11.
Oktober 2004: Die in Luxemburg tagenden EU-Außenminister räumen die
politischen
Hindernisse für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Libyen beiseite.
Der Ministerrat
hebt die 1992 und 1993 von der Uno verfügten Sanktionen auf. Auch das
Waffenembargo wird durch das allgemeine EU-Regelwerk für
Waffenausfuhren in
Drittstaaten abgelöst. Voraussetzung war die libysche Zusage für
Entschädigungen an die Angehörigen der Opfer des Anschlags auf die
Berliner
Diskothek im Jahre 1986 wie schon zuvor für die Zerstörung der
Pan-Am-Maschine
über Lockerbie. Außerdem übernimmt Libyen die neoliberalen Grundsätze
der
Wirtschaft, so wie sie die Euromed-Partnerschaft zwischen der EU und
den
Mittelmeer-Anrainer-Staaten festgeschrieben hat.
14./15.
Oktober 2004. Bundeskanzler Schröder ist mit einem deutschem
Wirtschaftstross
auf Besuch bei Ghaddafi. Schröder unterzeichnet ein bilaterales
Investitionsschutzabkommen und wohnt am Wüsten-”Bohrloch A 11” der
Vergabe von
Erdöl- und Erdgaskonzessionen an die deutsche Wintershall bei, eine
Tochter des
BASF-Konzerns, die schon seit 1958 im Land präsent ist und mit 1,2 Mrd.
Dollar-Investitionen zu den führenden ausländischen Produzenten in
Libyen
gehört. Auch der deutsche RWE-Konzern steigt während der Kanzler-Reise
in die
Erdöl- und Erdgasförderung in Libyen ein, und der deutsche
Siemens-Konzern
erhält Aufträge im Wert von rund 180 Mio. Euro. Schließlich geht es der
Bundesregierung noch um Auftragsvergabe für "technisches Material wie
Nachtsichtgeräte oder Wärmebildkameras für die Sicherung der Grenzen".
Schon heute soll Libyen wieder der Standort mit den meisten deutschen
Investitionen in ganz Nordafrika sein. Im Abendprogramm weist Ghaddafi
den
Bundeskanzler darauf hin, dass Rommels Landminen noch immer für
zahlreiche
Unfälle sorgen und es überfällig wäre, sie zu räumen. Doch die deutsche
Seite
geht kommentarlos über diese Hinterlassenschaft hinweg.
Die
deutsche Wirtschaft will ihre Investitionsziele in Nordafrika und im
Nahen
Osten ganz offen mit militärpolitischen Planungen abstimmen. Denn die
entsprechenden Märkte seien ,,teilweise mit spezifischen
Sicherheitsrisiken
belastet”. Deswegen legen der BDI und der Bundesverband der deutschen
Banken ihre
,,Finanzierungskonferenz zur Region Nordafrika Mittelost" auf den 11.
Februar 2005 in München, in direkter Verbindung zur ,,Münchner
Konferenz für
Sicherheitspolitik”. Die Sicherheitskonferenz wird jährlich abgehalten
und
dient den westlichen Industriestaaten dazu, Militärpolitik und
Kriegsplanungen
aufeinander abzustimmen. Außenpolitisch werden dort also
flüchtlingspolitische,
militärische und wirtschaftliche Strategien gegenüber der
Mittelmeerregion und
Mittelost miteinander verflochten.
Libyen
könnte bald wie Pakistan und die Türkei ein bevorzugter Partner des
Westens,
als Bollwerk gegen ”Islamismus” und zusammenbrechende Staaten (”failing
states”) in Afrika werden. Ghaddafi verfügt wegen seiner maßgeblichen
Rolle bei
der Integration Afrikas in vielen abhängigen Ländern über einen
besonderen
Einfluss. Dies stellte er 2003 mit seinem Einsatz zur Befreiung von
Geiseln aus
der Schweiz, Deutschland und Österreich in der Sahara unter Beweis. Als
im
Sommer 2000 einige westliche Touristen, darunter Deutsche, auf den
Philippinen
von einer Extremistengruppe festgehalten wurden, halfen Unterhändler
und Geld
aus Libyen. Nun sollen britische Offiziere als Berater der libyschen
Armee zum
Einsatz kommen. Eine Militärkooperation auch mit Griechenland ist
verabredet.
Libyen
erwirbt in diesen Wochen von Italien die in 2003 vertraglich
zugesicherten
Boote, Jeeps, Radargeräte und Hubschrauber zur Grenzüberwachung.
Italienische
Ausbilder und Berater sind bereits im Land. Schon in den ersten
Augusttagen
lieferte Rom nach Medienberichten Zelte und anderes Material für drei
Aufnahmezentren in Libyen. ”Die Lager werden errichtet”, sagte Pisanu
in einem
Interview der Zeitung La Repubblica, ”sie haben nie zur Diskussion
gestanden.”
Die italienische Marine überwacht inzwischen weite Teile der libyschen
Küste.
Auch
die Bundesregierung sorgt für die Aufrüstung der nordafrikanischen
Küstenüberwachung. Wie das Verteidigungsministerium mitteilt, erhält
Tunesien
sechs Albatros-Schnellboote aus den Beständen der deutschen Marine.
Bereits vor
zwei Jahren ist die Lieferung von fünf Schnellbooten nach Ägypten
beschlossen
worden. Im Jahr 2002 erhielt Algerien Überwachungssysteme für 10,5 Mio.
Euro,
Tunesien Kommunikationsausrüstung und Radargeräte für rund eine Mio.,
Marokko
Militär-LKWs für 4,5 Mio. Euro.
Zwischen
dem 28.11.2004 und dem 06.12.2004 besuchte eine offizielle
Besuchergruppe
Libyen: Die ”Technical Mission to Libya on Illegal Immigration” reiste
im
Auftrag der EU-Kommission dorthin, sowohl als Fact-Finding-Mission, wie
auch,
um die Kooperationsperspektiven zwischen der EU und Libyen auf dem Feld
der
Flüchtlings- und Migrationspolitik weiterzuentwickeln. Die Delegation
bestand
aus Ministerialbeamten aus 14 EU-Mitgliedsstaaten, überwiegend aus den
Innenministerien, Polizei- und Migrationsverwaltungen, und von Europol.
Unter
anderem sind in dem Bericht der Stand der gegenwärtigen
grenzpolizeilichen
Ausrüstung, der Ausbildungsstand und Ausrichtung der Polizeikräfte, die
generelle Migrations- und Flüchtlingssituation in dem Land und das
Geheimabkommen zwischen Italien und Libyen dokumentiert, mitsamt den
bisherigen
Ergebnissen dieses Abkommens – errichtete Lager mit italienischer
Hilfe,
Abschiebungen mit italienischen oder EU-Geldern, bereits praktizierte
italienisch-libysche Grenzüberwachungen.[12]
Den
Hintergrund der europäisch-libyschen Kontrollanstrengungen bildet die
Frage,
wie das Land bevölkerungspolitisch systematisch erfasst werden kann.
Bis vor
kurzem kulminierte in Libyen in geographischer Hinsicht die Autonomie
der
afrikanischen Migration. Nicht nur aus den Nachbarländern Libyens,
sondern von
überall her, von Guinea bis Kenia, kamen MigrantInnen und Flüchtlinge
nach
Libyen. Von den 5,5 Millionen LibyerInnen sind viele nichtlibyscher
Herkunft.
Bis zum Jahr 2000 war es sehr einfach, die libysche Staatsbürgerschaft
zu
erwerben. Zusätzlich leben ungefähr zwei Millionen NichtlibyerInnen in
dem
Land. Wie die besagte EU-Delegation kritisch vermerkt, ist es bislang
faktisch
unmöglich, den genauen Aufenthaltsstatus der ImmigrantInnen – von
”illegalem”
bis unbefristetem Aufenthalt – festzustellen, da es diverse Mischformen
gibt.
Man kann eine Arbeitsgenehmigung bekommen, ohne eine
Aufenthaltsgenehmigung zu
haben, usw. Mit anderen Worten: Eine staatlich durchgesetzte
systematische
Einteilung der Personen nach ihrem Rechtsstatus gibt es bislang nicht.
Eine
europäisch angeleitete Ausländerpolitik könnte massenhaft die
MigrantInnen mit
unklarem Rechtsstatus zu ”Illegalen” in dem Land machen.
Dabei
ist es nicht so, dass die nichtlibyschen Arbeitskräfte bislang einen
festen
Rechtsstatus hätten oder gar den libyschen grundsätzlich gleichgestellt
wären.
Die libysche Regierung hat das Land vor über einem Jahrzehnt aus
ökonomischen
Gründen für die afrikanische Immigration geöffnet. Aber gleichzeitig
herrschen
Rassismus und ein Willkürsystem. Nach ökonomischem Kalkül oder aus
unerfindlichen Gründen lokaler Machthaber kann es passieren, dass
plötzlich
eine Razzia stattfindet und NichtlibyerInnen, auch mit legalisiertem
Aufenthaltsstatus, ihrer Habe beraubt werden oder in Lager
verschwinden. Trotz
dieser Willkür hat Libyen einen besonderen Klang bei Flüchtlingen und
MigrantInnen in Afrika. Es ist das Land mit dem höchsten
Pro-Kopf-Einkommen und
dem höchsten Arbeitsmigrationsanteil auf dem Kontinent.
Eine
systematische Überwachung der libyschen Grenzen gibt es ebenso wenig
wie ein
libysches Ausländerzentralregister. Entweder werden für die Einreise
gar keine
Visa benötigt, oder aber – ohne zentrale Erfassung – ausgegeben. Zudem
ist
nicht festgehalten, wer von Geburt LibyerIn ist und wer später
eingebürgert
wurde. Wenn man weiter bedenkt, dass die Bevölkerungen in Südlibyen und
den angrenzenden
Ländern die staatlichen Grenzziehungen aus den Kolonialzeiten nicht
anerkennen
und grenzüberschreitende, mobile Lebensweisen pflegen, rundet sich das
Bild ab,
das für die Petro- und Sicherheitsindustrie der USA und der EU einem
riesigen
Unruheherd gleichkommen dürfte.
Das
Vorhaben der europäisch-libyschen Flüchtlings- und Migrationspolitik
richtet
sich daher nicht nur gegen die unkontrollierte transnationale
afrikanische
Präsenz in dem Lande, sondern zielt auch auf die Erfassung und
Identifizierung
der libyschen und der angrenzenden Sahel-Bevölkerung.
Die
Privatisierung der libyschen Öl- und Erdgasindustrie in den zwei, drei
letzten
Jahren macht die bisherige Herrschaftsform im Lande offensichtlich
obsolet. In
dramatischer Weise hat die libysche Regierung das Modell eines
afrikanischen
Einwanderungslandes aufgegeben, angesichts des Versprechens, dass sich
das Land
zu einem migrationspolitischen Vorposten europäischer und
nordamerikanischer
Staaten entwickeln könnte. (Siehe dazu auch den Artikel von Fabrizio
Gatti in
diesem Heft) Die internationale Sicherheitsindustrie soll damit zu
einem
Wachstumssektor und zu einem wichtigen Machtgarant im Lande werden.
Grenzüberwachungstechnologie und polizeilich-militärische Dispositive
sind
integrale Bestandteile davon. Eine solche Neuausrichtung der
Herrschaftsform
würde im Rahmen der allgemeinen Aufrüstung im Mittelmeer stattfinden.
Im letzten Jahrzehnt haben die
verschiedensten Behörden die Überwachung vor allem der kleineren Meere
(Ostsee,
Mittelmeer) und der Meerengen wie der von Gibraltar rasant
weiterentwickelt. Da
gibt es eine Reihe von neuen internationalen Abkommen, die jedes Schiff
dazu
verpflichten, bestimmte Kommunikationsstandards einzuhalten,
Passagierlisten
verfügbar zu machen und ihre Navigation in die Raumüberwachung
einzubinden.
Dann gibt es die technischen Neuerungen, die aus dem Militärbereich
stammen,
wie GPS, ständige Luftaufklärung und Verfolgung aller
Schifffahrtsbewegungen in
Echtzeit durch Verknüpfung der Erkennungsdaten mit elektronischer
Darstellbarkeit.
Die Folge ist, dass immer mehr
Schiffe der
Armutsbevölkerung als ”illegale” Objekte auf dem Meer ausgemacht werden
können
– ganz gleich, ob es sich dabei nun um Fischerei, einfachen Personen-
und
Warentransport, Schmuggel oder eben um Boote der Boat People handelt.
Derzeit
sind die internationalen Organisationen dabei, ein Interventionsrecht
in
internationalen Gewässern zu formulieren, das früher nicht nur
rechtlich
undenkbar, sondern auch technisch nicht zu realisieren war.
Wie die Daten der Schifffahrt
inzwischen ”in
Echtzeit” mit anderen internationalen Daten zusammengeschlossen werden,
demonstrieren die Abschiebe-Behörden Italiens: ”Wenn ein Schiff mit Sri
Lankanern an Bord in Italien ankam, baten die Italiener die ägyptischen
Behörden, das nächste [srilankanische] Schiff im Suezkanal abzufangen
und die
Passagiere mit Egypt Air auf Kosten der italienischen Regierung
zurückzufliegen.” (Civipol 2003:39) Italien
hat der ägyptischen Regierung 600.000 Euro gezahlt, damit diese Sri
LankanerInnen auf Schiffen im Suezkanal aufspürt und nach Sri Lanka
abschiebt. (Civipol 2003: 85)
Im Folgenden soll das spanische
Meerüberwachungssystem SIVE, das derzeit an andere Mittelmeerküsten
exportiert
wird, dargestellt, dann die Strategie der vorverlagerten (”virtuellen”)
Grenze
und schließlich die Tendenz zu wachsenden Marine-Einsätzen gegen Boat
People
nachgezeichnet werden.
VII. a. SIVE
Das Sistema Integrado de
Vigilancia Exterior
(SIVE) soll die Guardia Civil erfunden haben. 2002 begannen die
Installationen,
und schon 2003 hieß es, dass damit die gesamte Südküste Spaniens
bestückt
worden sei, aber dies wurde jedes Jahr als neue Meldung herausgegeben.
Offensichtlich befindet sich das System in permanentem Ausbau, was
nicht nur
seine geographische Ausbreitung, sondern auch seine Dichte und die
technischen
Kapazitäten angeht. Von Anfang an wird ihm eine Art Wunderwirkung
zugeschrieben, die bereits zitierte Studie von Civipol beziffert nach
dem
bereits 2003 erreichten Rückgang die Chancen von Boat People, den Weg
bis nach
Spanien zu schaffen, auf nur noch 10 Prozent. (Civipol 2003: 27)
Bis 2002 hat die spanische
Regierung im
Laufe von sechs Jahren 142 Millionen Euro in die
Überwachungsgerätschaft an der
Meerenge investiert, 2003 betrugen die Investitionen in SIVE über 29
Mio Euro,
2004 über 32 Mio Euro. Für 2005 sollen allein an der andalusischen
Küste über
40 Mio Euro in SIVE investiert werden, hinzu kommen jeweils die
Betriebskosten.
Für SIVE auf den Kanarischen Inseln sind 2005 über 12 Mio Euro
vorgesehen.
Die spanische Guardia Civil
übernahm aus den
neuen Militärstrategien den Ansatz, wie die optronische Ausspähung aus
der Luft
mit schnellem Angreifen am Boden beziehungsweise auf See zu verknüpfen
ist. Sie
stellte ab Sommer 2002 an der Meerenge Wachtürme auf, aus deren Höhe
der Blick
bis auf die marokkanischen Küste möglich ist – das Hindernis der
Erdkrümmung
kann durch den Turm-Ausguck auf bis zu 17 Kilometer überwunden werden.
Auf den
Wachtürmen befindet sich neben der Optronik ein Radar-Gerät. Zusätzlich
gibt es
auch mobile Wachtürme, d.h. ausfahrbares Gestänge, das auf Containern
und
Fahrzeugen installiert ist. Wird mit dieser Turm-Technik ein Boot im
spanischen
Küstengewässer ausgemacht, so sollen Hubschrauber oder Polizeiboote es
innerhalb von 20 Minuten aufbringen.
Es ist schwer zu sagen, wie
weit die
technischen Leistungen dieses Systems tatsächlich gehen. Wesentlich
dürfte auch
allein schon die Kunde von diesen Geräten sein, die zu
Verdrängungseffekten
führt. Außerdem ist der Einsatz von High Tech leistungssteigernd, was
die
Motivation der Grenz- und Küstenpolizeien betrifft. Anstatt nächtelang
ergebnislos auf dem Meer herumzuschippern oder schläfrig auf einen
Einsatzbefehl zu warten, wird die Kontrollarbeit mit dieser Technik
aufgewertet.
Die Wachturm-Technologie gilt
inzwischen als
erprobt und ausgereift. So überträgt die Guardia Civil dieses Konzept
nun auch
längs der spanischen Mittelmeerküste und auf die Kanarischen Inseln,
auch wenn
von dort aus die marokkanischen Küsten optronisch und radarmäßig gar
nicht zu
erfassen sind. Das SIVE-System gilt nach Schengener Beurteilungen
inzwischen
als so erfolgreich, dass es auch in anderen Mittelmeerländern
Verbreitung
finden soll. In der CIVIPOL-Studie ist zwar die Rede davon, dass von
den
süditalienischen Inseln aus die Meerenge von Syrakus und der Golf von
Syrte nur
zum Teil mit dem SIVE-System durchdrungen werden kann, da die
gegenüberliegenden
Küsten oftmals zu weit entfernt liegen. Ein durchschlagendes Ergebnis
wird
dagegen davon erwartet, dass Griechenland auf seinen vorgelagerten
Inseln
direkt vor der türkischen Küste SIVE installieren wird. Auch Marokko
soll
bereits die ersten Experimente mit dem importierten SIVE machen.
VII. b. Virtuelle Grenze;
Stützpunkte
außerhalb der EU
Da weiterhin viele Boat People
übers
Mittelmeer kommen und die EU dabei ist, ihre Außengrenzenpolitik
fortzuentwickeln, verabschiedete die EU im Jahr 2003 ein Programm zur
Bekämpfung der illegalen Einwanderung an den Seegrenzen. Es geht von
dem
Konzept der ”virtuellen Seegrenze” aus (Rat der EU 2003a, S. 2). Hinter
diesem
Begriff versteckt sich das Bemühen, die Grenzüberwachung bis auf die
gegenüberliegenden Küsten vorzuverlagern. Es handelt sich um eine
Interventionspolitik, die bislang wenig kritische Aufmerksamkeit
gefunden hat.
Man stelle sich im Gegenzug vor, nordafrikanische Länder würden
beanspruchen,
die südeuropäischen Küsten mit eigenen Mitteln und eigener Präsenz zu
überwachen.
Die Idee der
Exterritorialisierung von
Kontrolle über Fluchtbewegungen hat Vorläufer. Die Errichtung
migrations- und
flüchtlingspolitische Stützpunkte außerhalb der EU, aber unter
faktischer
Kontrolle eines EU-Staats, waren bereits1997 in Albanien geplant, als es dort
zu massenhaften Aufständen
kam. Die Tageszeitungen vom 27. August 1997 berichteten von einem
Vorschlag des
früheren italienischen Außenministers Dini, der weit im Vorfeld des
Kosovo-Kriegs und der EU-Aktionspläne des Jahres 1999 eine
zukunftsweisende
Perspektive der polizeilich-militärischen Abschottung aufzeigte:
Flüchtlingslager sollten mit EU-Geldern in Albanien aufgebaut werden,
um die
Flüchtlinge im Vorfeld aufzuhalten und die Fluchtbewegungen zu
”regionalisieren”. Es war die Zeit, als italienische Militärs,
Carabinieri und
Polizeien an der Küste des Landes Fuß fassten und nach und nach bis in
die
albanische Hauptstadt eigene Stationierungsorte aufbauten. Der
italienische
Zoll erhielt Eingriffsermächtigungen, die italienische Marine konnte
die
albanische Insel Sazan zur Militärbasis ausbauen, um von dort die
Schiffs- und
Fluchtbewegungen zu überwachen. Tirana wies dann allerdings den
flüchtlingspolitischen Vorschlag der Lager zurück.[13]
(Corriere
della Sera, 28. Oktober
1997)
Einen regelrechten
Militäreinsatz führte die italienische
Regierung gegen albanische Fluchtbewegungen im Rahmen der
”Multinational
Protection Force” (MPF) direkt in Albanien durch: Der Sicherheitsrat
der UNO
hatte dieser Operation unter dem Namen ”Alba” am 28. März 1997
zugestimmt. Sie
sollte mit 4.000 Soldaten vordergründig die Arbeit humanitärer
Organisationen
schützen – tatsächlich gab es damals aber kaum solche in Albanien. Das weitergehende und eigentlich
Ziel waren
Eskorten und Patrouillen in den beiden großen Hafenstädten, in der
Hafenstadt
Tirana und auf den Durchgangsstraßen, um ”Brückenköpfe” für weitere
Militäraktionen zu schaffen. So ”verhinderte die MPF damit auch
massivere
Fluchtbewegungen über die größeren Häfen des Landes in Richtung
Italien.”
(Jedllaucnik 1999: 431) f.)
Im westlichen Mittelmeer gibt
es bis heute
zwei Besonderheiten aus den Zeiten der kolonialen Expansion Europas:
Ceuta und
Melilla, zwei Städte auf dem nordafrikanischen Terrain, die faktisch
zum
spanischen Staat gehören, aber von Marokko beansprucht werden. Diese
beiden
Städte haben spanisch- und arabischsprachige Bevölkerungen. Mit der
Einführung
der spanischen und EU-Visapflicht für MarokkanerInnen und der
Schengen-Politik
begann dort ein lang andauerndes spanisches Prozedere, wie die
arabischsprachige Bevölkerung die spanische Staatsbürgerschaft erhalten
und von
der umliegenden marokkanischen Bevölkerung kontrolltechnisch und vom
Rechtsstatus her getrennt werden könnte. Gleichzeitig begann der Bau
von
Zaun-Grenzanlagen, bestückt mit High Tech, rund um die beiden Enklaven,
von der
EU gefördert, die europaweit keinen Vergleich haben. Derzeit wird die
Straße
entlang des Doppelzauns erweitert, und eine Erhöhung der Zäune auf
sechs Meter
ist vorgehen, die Arbeiten dafür beginnen in 2005. (apdha 2004)
Mit den beiden Enklaven Ceuta
und Mellila
besitzt Spanien migrations- und flüchtlingspolitische Vorposten auf der
marokkanisch-nordafrikanischen Seite des Mittelmeers. Sowohl direkt vor
den
beiden Enklaven, in marokkanischen Wäldern, wie auch innerhalb der
Gebiete von
Ceuta und Melilla sind Auffanglager entstanden. In den Wäldern vor den
Enklaven
leben Flüchtlinge und MigrantInnen und warten darauf, dass sie nach
Monaten
eine kompliziert organisierte Chance zur heimlichen Überwindung des
Zauns
bekommen. Innerhalb der Enklaven wartet man, oft jahrelang, auf die
Chance,
dass eine spanische NGO die individuelle Flüchtlingsaufnahme auf dem
Verwaltungsweg durchgesetzt hat. Faktisch besitzt Spanien dadurch
vorgelagerte
Flüchtlingslager auf dem afrikanischen Kontinent. Über die dortigen
Kämpfe und
die Razzien wird weiter unten die Rede sein.
Das Konzept der ”virtuellen
Grenze” klingt
in seiner Bezeichnung nach neuen Technologien und verweist darauf, dass
die
”reale” Grenze nach wie vor durch das internationale Recht bestimmt
ist. Mit
dem Begriff wird vermieden, die Sache selbst zu bezeichnen, die ohne
Zweifel an
die kolonialistische Absteckung der Interessensgebiete von der See her
anknüpft, mit der Schaffung einzelner Brückenköpfe an den neuen Küsten.
Meerespatrouillen vor diesen Küsten spielten dabei eine wesentliche
Rolle.
VII. c. Marine-Einsätze
Die Überwachung des Mittelmeers
ist bei
Gibraltar sicherlich am dichtesten. Die Meerenge ist nur 14 Kilometer
breit,
ungefähr 50 Kilometer lang, und als Zugang zum Mittelmeer hoch
militarisiert.
Die Nato ist rundum an Land und auf dem Wasser präsent.
Im Sommer 2002 gab es eine
martialische
Episode um die Petersilien-Insel in dieser Meerenge. Das unbewohnte
Eiland
liegt direkt vor der marokkanischen Küste, wird jedoch von Spanien
beansprucht.
Der kurze ”Kleinkrieg” zwischen Marokko und Spanien um diese Insel
förderte die
weitere Militärpräsenz in der Meerenge.
Im Februar 2003 hieß es, dass
saudische
Kaida-Mitglieder Anschläge auf Schiffe in der Meerenge von Gibraltar
vorbereitet hätten – ein allein schon wegen der dortigen Strömung
überaus
waghalsiges Vorhaben, wenn es denn überhaupt geplant wurde. Die
Verhafteten
wurden nach ihrer Verurteilung in Marokko nach Saudi-Arabien überstellt
und
dort freigelassen.
Im Rahmen des weltweiten
Antiterrorkampfs
”Enduring Freedom” lässt die Nato dort seit 2003 zusätzliche
Schnellboote
patroullieren, auch die Bundeswehr ist mit 200 Marinesoldaten dabei.
Ulysses/Odysseus: Unter diesen
Namen führten
Marinen von mehreren EU-Mitgliedstaaten im Februar 2003 gemeinsame
Patrouillen
und Übungen in dieser Meerenge und im Mai 2003 vor den Kanarischen
Inseln
durch. Das Ziel der EU-Staaten war die aktive und vollständige
Kontrolle dieses
internationalen Verkehrswegs. Da in der Meerenge wöchentlich 1.700
zivile
Seefahrzeuge entlang schippern, aber nur zwei bis drei Mal pro Woche
dort
Geleitschutz angefordert wird und laut Zeitungsberichten
amerikanisch-spanische
Patrouillen nur ein Holzboot in spanischem Küstengewässer aufgebracht
haben,
ist das neue Konzept offensichtlich 2003 in Krise geraten. (Libération
(Marokko)
29.04.2003; FR 11.12.2003; FAZ 20.09.2003; Ostsee-Zeitung 20.09.2003)
Civipol
führt auf, dass die Kriegsschiffe bei der ersten Ulysses-Aktion 11
Flüchtlingsschiffe mit 326 Personen an Bord aufgebracht hätten. Beim
zweiten
Manöver, vor den Kanarischen Inseln, sei zusätzlich zur Marine noch die
Luftwaffe verschiedener Staaten beteiligt gewesen, sieben
Flüchtlingsschiffe
mit 139 Personen seien dabei aufgespürt worden. (Civipol 2003:27)
Zur gleichen Zeit,
als die Gibraltar-Manöver stattfanden, befahl die italienische
Regierung den
regulären Einsatz von Marine-Einheiten. ”Mit einem Dekret, das am
Samstag in
aller Eile von Innenminister Pisanu und Verteidigungsminister Martino
unterzeichnet worden ist, will Italien die illegale Einwanderung
endlich eindämmen.
Das Dekret sieht vor, dass Marineeinheiten verdächtige Schiffe und
Boote schon
in internationalen Gewässern anhalten können.” (NZZ 16.06.2003) Bei dem
Dekret
handelte es sich um Ausführungsbestimmungen zum so genannten
Bossi-Fini-Gesetz
(2002).
Damit weitete die
italienische Regierung eine Praxis aus, die sie 1997 zu Wasser in der
Adria und
im Jonischen Meer begonnen hatte, parallel zur Vorverlagerung der
Flüchtlingsabwehr zu Land (siehe oben). Gewissermaßen den Startschuss
dafür
hatte Irene
Pivetti, die
seinerzeitige Parlamentspräsidentin, abgegeben, kurz bevor eine
italienische
Fregatte am 28.03.1997 das albanische Flüchtlingsschiff ”Kater i Rades”
rammte
und dadurch versenkte. Sie verkündete unter großer öffentlicher
Aufmerksamkeit:
"Man müsste sie alle ins Meer zurückschmeißen".
Am 20. März 1997 erließ die
italienische Regierung das Gesetz Nr.
60 zur Blockade der Flüchtlinge in der Adria durch den Einsatz
italienischer
Kriegsschiffe, immerhin in einem Gewässer, in dem jenseits der
Küstenzonen
formal internationales Schiffahrtsrecht und nicht das des militärisch
Stärkeren
herrscht; am 23. März 1997 rief die italienische Regierung den
Premierminister
der provisorischen Regierung von Tirana nach Rom, um seine Zustimmung
für den
Einsatz der italienischen Marine an und vor der albanischen Küsten zu
erhalten;
in den folgenden Tagen unterzeichnete der albanische
Verteidigungsminister eine
entsprechende Vereinbarung. Am 24. März 1997 gab die italienische
Regierung
Anordnungen an die Marine, Schiffe aus Albanien ”rigide
zurückzuweisen”, auch
wenn sie sich in internationalen Gewässern befinden sollten. Die
italienische
Regierung nutzte die Unruhen in Albanien, um mehrere Mittelmeerregionen
– nicht
nur den Kanal von Otranto, der sich zwischen der apulischen Küste und
Albanien
befindet – als ”Südfront” zu militarisieren und dadurch Flüchtlinge
abzuwehren.
Eine zweite Einsatzzone der Kriegsschiffe aufgrund des Gesetzes vom 20.
März
1997 befindet sich sozusagen unter der Hacke des italienischen Stiefels
(Jonisches Meer südlich von Kalabrien) und eine dritte zwischen
Sizilien und
der afrikanischen Nordküste. (FFM 2002a)
Derzeit wird eine neue
Überwachungstechnologie diskutiert: Aus militärischen Erfahrungen soll
ein
System unbemannter Seefahrtskörper übernommen werden. Die ferngelenkten
Apparate zu Wasser könnten direkt neben Schiffsbrüchigen
Hilfsschlauchboote
platzieren – damit Menschen in Seenot sofort an die südliche
Ausgangsküste
zurücktransportiert werden können. Die Autoren der Civipol-Studie
schlagen Interventionen
unter
Rettungsnotperspektive (”marine rescue patrols”) auch kurzzeitig in den
Küstengewässern der nordafrikanischen Länder vor, falls es eine
stillschweigende Zustimmung gibt, damit sich ein ”Abschreckungseffekt”
ausbreitet.[14] (Civipol 2003: 57) Ein
Frühwarnsystem
solle aufgebaut werden, das auf halb-permanenten unbemannten
Seestationen
technisch installiert werden könnte. Denn die vorverlagerte Kontrolle
etwa
mithilfe einer Boje sei ein legales Vakuum. (ebda, 58 f.) Die Pflicht, Menschen in Seenot zu retten, wird
mit dem politischen Ziel ihrer Rückführung aufs Engste verflochten.
Rettung und
Rückführung fallen legitimierend ineinander.
Derweil
übt die italienische Luftwaffe den Einsatz von Drohnen über dem
Mittelmeer, die
auch an den nordafrikanischen Wüstengrenzen eingesetzt werden könnten.
Im
Oktober 2004 gab der Luftwaffenchef General Leonardo Tricarico bekannt,
dass
Italien fünf Predator-Drohnen zum Preis von 48 Millionen Dollar bei der
kalifornischen Waffenfirma General Atomic Aeronautical Systems in San
Diego
gekauft hat. Eines der fünf ging bei Übungsflügen in den USA zu Bruch.
Mit dem
Predator jagen die USA Al Kaida; das unbemannte Flugobjekt kann auch
Raketen
abfeuern. Tricarico erklärte, dass die italienische Luftwaffe die
Drohnen
sowohl gegen den Terrorismus wie auch gegen die irreguläre Migration
einsetzen
wolle. Ende Oktober 2004 will die italienische Luftwaffe das erste
Flüchtlingsschiff aus der Luft aufgespürt haben. (La
Gazzetta del Mezzogiorno 07.10.2004; Liberazione 08.10.2004)
Alle diese nationalen,
bilateralen und EU-Manöver versucht eine
Initiative der G-5-Staaten (Deutschland, Frankreich, Großbritannien,
Italien,
Spanien) aufzugreifen und in ein umfassendes Überwachungsdispositiv
umzuformulieren. Auf dem G-5-Treffen am 19./20.10.2003
in La Baule (siehe oben)
schlug der französische
Innenminister Sarkozy die Schaffung einer ”Sicherheitszone” im
westlichen
Mittelmeer vor. (FAZ 21.10.2003) Ein Jahr später heißt es
in der
NZZ vom 22.12.2004: ”Mehr Aufsicht über Schifffahrt im westlichen
Mittelmeer:
Verteidigungsminister und Vertreter der Streitkräfte aus zehn
europäischen und
nordafrikanischen Staaten haben am Dienstag verstärkte
Sicherheitsmaßnahmen in
der westlichen Mittelmeerregion vereinbart. Der Anfang werde mit einer
ausgeweiteten Überwachung auf See gemacht, erklärte die sogenannte
5-plus-5-Gruppe am Dienstag. Die beteiligten Länder müssten sich
gemeinsam
verschiedenen Herausforderungen stellen, vom Kampf gegen den Terror bis
zu
Umweltkatastrophen, sagte die französische Verteidigungsministerin
Michèle
Alliot-Marie. An den Gesprächen der 5-plus-5-Gruppe nahmen Vertreter
aus
Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Malta sowie Algerien,
Tunesien,
Marokko, Mauretanien und Libyen teil. Im November hatten sich die
Außenminister
der zehn Staaten in Algerien mit der Bekämpfung von Terror und
illegaler
Einwanderung befasst.”
Dieses Überwachungsdispositiv,
in dem sich
flüchtlings- und sicherheitspolitische Strategien verschränken,
erstreckt sich
von den Küsten der EU-Außengrenzen über das Meer bis in die Länder auf
den
gegenüberliegenden Küsten. Die kolonialen Anknüpfungspunke sind
unübersehbar.
Im letzten Jahrzehnt hat es bereits Vorstöße einer solchen Praxis der
Vorverlagerung
der Flüchtlingsabwehr gegeben. Insofern ist diese Entwicklung in der
EU-Politik
nicht neu. Sie scheint jedoch in jüngerer Zeit an Dynamik und
Systematik
gewonnen zu haben. Internationale humanitäre Verpflichtungen, Menschen
in
Seenot zu retten, werden dabei zu Abschottungszwecken
instrumentalisiert.
VIII. Das Haager Programm, das
Konzept der Frontstaaten und die künftige EU-Grenzpolizei
Die
EU hat ihre flüchtlingspolitischen Abschottungen seit 2003 verstärkt
auf das
westliche Mittelmeer ausgerichtet. Dabei konnte sie zwar auf die
Strukturen und
Kontakte zurückgreifen, die im Rahmen des Barcelona-Prozesses
(Konferenz in
Dublin, Mai 2004) entstanden sind. Diese
Mittelmeer-EU-Ministerkonferenzen
haben allerdings nie eine Wirkung wie die
Mitteleuropa-EU-Ministerkonferenzen
entfaltet, sondern waren zeitweise von Stagnation und
Widersprüchlichkeit
gezeichnet, angesichts der fehlenden EU-Beitrittsperspektive, der
Abhängigkeiten und der wirtschaftlichen wie sozialpolitischen Krisen in
den
arabischen Staaten. Im westlichen Mittelmeer standen Marokko und
Tunesien im
Mittelpunkt der Abschottungsstrategien.
Für
die nordafrikanischen Länder lassen sich folgende Auswirkungen der
EU-Flüchtlingspolitik bis 2004 ausmachen:
Einer
der ersten flüchtlingspolitischen Aktionspläne der EU betraf Marokko.
(EU HLWG
1999) Es handelte sich bei diesen frühen Aktionsplänen um eine
umfassende
Bestandsaufnahme nicht nur zu den migrationspolitischen Verhältnissen
des
Landes, auf deren Grundlage dann eine ressortübergreifende
Abwehrpolitik
formuliert werden sollte. Wichtige Vorarbeiten zu dem Aktionsplan
lieferte die
IOM. (Erf 2002) Marokko wurde aufgrund der Politik des EU-Aktionsplans
das
erste nordafrikanische Land, in dem Transitmigration und
Emigrationsverhinderung zu einem politischen und forschungsrelevanten
Feld
wurde. Der Aktionsplan trug dem Umstand Rechnung, dass es den
langandauernden
Fischereistreit mit Spanien und andere offene Fragen im
marokkanisch-europäischen Verhältnis gibt, und zeichnet den eher zähen
Weg einer
allmählichen Einbindung Marokkos in die Festung Europa vor. Im Ergebnis
entstanden in Marokko keine Ad-Hoc-EU-Lager, und trotzdem kann man
heutzutage
das Land als flüchtlingspolitischen ”Gendarm Europas in Nordafrika”
bezeichnen.
(migreurop) Marokko nimmt in großem Umfang eigene Staatsangehörige aus
Spanien,
Italien und anderen EU-Ländern aufgrund von Rückübernahmeabkommen
zurück und
führt vermehrt Razzien und Abschiebeaktionen gegen Transitflüchtlinge
durch.
(siehe unten)
Neben
dem EU-Aktionsplan zu Marokko bestätigt auch das MEDA PIN Programm der
EU für
Marokko, Laufzeit 2002-2004, diesen EU-Kurs. Es führt ein ganzes
Kapitel zur
Frage der Migrationskontrolle auf, vor allem zur Drosselung der
Emigration aus
Nordmarokko mithilfe ökonomischer Mittel (70 Millionen Euro),
Unterstützung
legaler Emigration (5 Millionen Euro) und Zwangsmittel der
Migrationsbekämpfung
(40 Millionen Euro); der letztgenannte Punkt bezieht sich wesentlich
auf die
marokkanische Küstenüberwachung. (EU-Kommission
2002b) Nicht genannt sind in dem Programm die Einrichtung und
der
Unterhalt von Asyllagern und Abschiebezentren, ebenfalls gibt es dort
keine
Posten zur Organisierung und Finanzierung von Abschiebungen. (Ganz
anders als
zum Beispiel die Abkommen Italiens mit Libyen (siehe unten) oder
Ägypten.) Aus der Struktur des MEDA PIN
Programms kann man schließen,
dass es in den letzten Jahren durchaus flüchtlingspolitische
Koordinationsschwierigkeiten zwischen der EU und Marokko sowie evtl.
anderen
nordafrikanischen Staaten gab. Dabei besteht aber kein Zweifel daran,
dass die
marokkanische Polizei aufgegriffene Transitflüchtlinge festnimmt, in
ihren
Arrestzentren unkontrolliert festhält und von Zeit zu Zeit
Abschiebeaktionen
vor allem nach Westafrika durchführt.
Die
aktuelle flüchtlingspolitische EU-Initiative gegenüber den arabischen
Staaten
des westlichen Mittelmeers findet im Rahmen des Haager Programms statt.
Das
Haager Programm definiert den ”Raum der Freiheit, der Sicherheit und
des
Rechts” vor allem hinsichtlich seiner Außenwirkung. Es wurde am
04./05.11.2004
(Abl. der EU, 03.03.2005, C 53/5) verabschiedet und ist gewissermaßen
eingerahmt durch die neue EU-”Nachbarschaftspolitik”, die eine
feindstaatliche
Frontbildung an den EU-Rändern verhindern soll, und durch die
EU-”Sicherheitsdoktrin”, die die sozialpolitischen Unruhepotentiale in
den
Nachbarländern ins militärpolitische Visier nimmt. (EU-Kommission
2003h)
Flüchtlings-
und migrationspolitisch beschreibt das Haager Programm im Anschluss an
Tampere
(1999-2004) einen weiteren Fünfjahresplan. Im Unterschied zu Tampere,
das mit
den flüchtlingspolitischen Aktionsplänen nur einige disparate
Schwerpunkte in
der EU-Außenwirkung benannte, setzt das Haager Programm auf die
systematische
Einbindung der an die EU angrenzenden Staaten (Transitstaaten) in die
Asyl- und
Migrationspolitik. Der Ausbau einer Flüchtlings- und Migrationspolitik
in
diesen Staaten, die Errichtung eines ”integrierten
[EU-Außen-]Grenzschutzsystems” auch durch die Schaffung einer
EU-Grenzschutzagentur und die Ausrufung von ”protection areas”
außerhalb
Europas, für Flüchtlinge, die nicht nach Europa kommen sollen, sind im
Haager
Programm als Arbeitsaufgaben für die nächsten fünf Jahre verankert.
(EU-Kommission 2005)
Mit der
Schwerpunktbildung
der Flüchtlings- und Migrationsabwehr im westlichen Mittelmeer hat
jetzt der
Barcelona-Prozess eine erneuerte Ausrichtung bekommen, und zusätzlich
sind
Foren der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit unter den Namen ”5-plus-5”
(Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Malta plus Mauretanien,
Marokko,
Algerien, Tunesien, Libyen) und des ”Dialogs über Mediterrane
Transit-Migration”, kurz: MTM entstanden. An beiden zwischenstaatlichen
Foren,
die ganz oder überwiegend von der Europäischen Kommission finanziert
werden,
nehmen auch der UNHCR und Europol teil.
Mit
”5-plus-5” hat die IOM (International Organization for Migration) ein
institutionelles Feld auch für ihre Mittelmeer- und Sahelinitiativen
aufgebaut.
Sie schult nicht nur die nordafrikanischen Polizeien
bei der Ausrichtung auf den neuen Feind der ”illegalen”
Migration
wie im Juni 2004 in der libyschen Polizeiakademie in Tripolis und bei
einzelnen
Abschiebeaktionen aus nordafrikanischen Ländern nach West- und
Zentralafrika,
sondern hat selbst wesentlich zum Entstehen der ”5-plus-5”-Gruppe im
Januar
2001 beigetragen. Von den nordafrikanischen Ländern hat Tunesien eine
Initiativrolle bei den Treffen inne, die einmal pro Jahr stattfinden.
(IOM
2005: 79 ff.; www.iom.int/en/know/dialogue5-5/index.shtml)
Die ”5-plus-5”-Tunis-Deklaration, 2002 verabschiedet, weist alle
Elemente auf,
die man von der Bekämpfung unkontrollierter Flucht- und
Migrationsbewegungen
europäisch-mitteleuropäischer Konferenzen seit einer Dekade kennt. (www.iom.int/en/know/dialogue5-5/index.shtml)
Auf den Folgekonferenzen (Rabat 2003; Algier 2004) konzentrierten sich
die
”5-plus-5”-Staaten stärker als je zuvor auf die gemeinsame Erkennung
von
Fluchtrouten und Routen-Brennpunkten sowie auf die Bildung von
”Experten”-Netzwerken. Außerdem wird die Abschottung zunehmend auf die
Sahel-Zone
ausgerichtet. Erwähnt war bereits, dass ”5-plus-5” auch eine
militärische
Koordinationsfunktion in der Region übernimmt.
Die MTM, also der Dialog über die Mediterrane
Transit-Migration, leitet eine Organisation, die ebenfalls seit fast 15
Jahren
die europäische Abschottung nach Osten und Südosten vorangetrieben hat
– das
ICMPD (International Centre for Migration Development, Wien;
organisierte den
”Budapester Prozess”). Die MTM findet zweimal jährlich statt und
vereinigt
Vertreter von über 60 Staaten. Ihr Ziel ist es, Innenministerien und Grenzpolizeien
länderübergreifend
zusammenzubringen und zu koordinieren, die Migrationsforschung nach
polizeilichen Interessen auszurichten und die Grenzaufrüstung beratend
mit
voranzutreiben. IOM und ICMPD haben sich überdies auf die
Personenerfassung
migrierender Bevölkerungen spezialisiert.
In der Außengrenzpolitik kann
man gewisse
Momente sehen, mit denen kerneuropäische Staaten ihre Macht im
geographischen
Vorfeld zu sichern versuchen. In der Außengrenzpolitik wird seit kurzem
unterschieden zwischen so genannten Frontstaaten – am Mittelmeer sind
dies
Spanien-Italien-Griechenland – und allen anderen. Wie können die
mächtigen
EU-Zentralstaaten die peripheren EU-Regionen und die dortigen
Außengrenzen
kontrollieren? Unter dem Schlagwort ”Policing the police” werden
derzeit diese
hierarchisch-geographischen Fragen diskutiert, und das ist die
Problemlage, die
mit der Schaffung einer EU-Grenzpolizei bewältigt werden soll.
Den
Aufbau einer EU-Grenzpolizei schlugen die Innenminister Deutschlands
und
Italiens erstmals im Jahr 2000 vor. Wenngleich sich auch die spanische
Regierung sofort dem Vorschlag anschloss, ließ die Ausformulierung der
Idee
lange auf sich warten. Viele Staaten, namentlich die östlichen
Beitrittsstaaten, befürworteten zwar einen Lastenausgleich, aber
befürchteten
auch die Beschneidung ihrer hoheitlichen Aufgaben durch eine
Zentralinstanz. Zum ersten Mal
taucht das Konzept der Europäischen
Grenzpolizei in den Beschlüssen des Europäischen Rats in Laeken am
14./15.12.2001
auf. Dort heißt es, dass der Aufbau eines EU-Grenzschutzes den ”Kampf
gegen
Terrorismus, illegale Einwanderungsnetze und den Menschenhandel”
verbessern
soll. Zunächst unterbreiteten Think-Tanks verschiedene Denkmodelle, wie
ein
EU-Grenzschutz aussehen könnte: In der Diskussion waren sowohl ein
europäisches
Grenzschutzkorps, wie eine europäische schnelle Eingreiftruppe für die
Außengrenze oder auch – als abgeschwächtes Konzept – eine EU-Vernetzung
der
nationalen Grenzpolizeien. Ohne hier auf die vorgeschlagenen Varianten
eingehen
zu können, seien im folgenden einige Neuerungen in der
Mittelmeerabschottung
skizziert, die den Weg zum Aufbau des EU-Grenzschutzes geebnet und zu
ersten
Fakten geführt haben:
Als erstes ist der EU-Aktions-”Plan für den
Grenzschutz an
den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union” (APMEB) zu
nennen,
den der Rat ”Justiz und Inneres” am 13. Juni 2002 annahm. Er ist ein
Fünf-Jahres-Plan.
Mit APMEB wurden Ad-Hoc-Zentren
geschaffen, als Operationszentren
mit EU-Beratern, ohne Gesetzesgrundlage. Zwei EU-Zentren zur
Überwachung des
Mittelmeers entstanden damit, eines in Spanien, das andere in
Griechenland.
Ihnen obliegt die Integration der diversen nationalen Grenzpolizeien,
aber auch
zwischen Grenzpolizei, Zoll, Militär, Geheimdienst, Küstenwache. Sie
sind mit
der Koordination der Einsätze betraut, falls es zu Notständen und
größeren
Operationen kommen sollte, und wohl auch mit dem Transfer der
Technologie und
des organisatorischen Know Hows aus dem westlichen in das östliche
Mittelmeer.
Diese beiden Mittelmeerzentren
stehen in engem Kontakt mit einer
neugeschaffenen EU-Agentur für Risikoanalyse (RAC, Finnland) an den
Außengrenzen, an dem Europol, das EIC
(European Intelligence Center) und Polizei-Spezialisten der
Ostsee-Überwachung
beteiligt sind. (Griechenland 2003; Civipol
2003:48) Alle drei Zentren sind 2003 in Betrieb gegangen und
sind –
neben anderen[15]
- Vorläufer
der künftigen EU-Grenzpolizei.
Mit der Risikoanalyse werden
die
Möglichkeiten oder Wahrscheinlichkeiten berechnet, dass ein Schaden
eintritt.
Damit werden die für notwendig gehaltenen Abwehrmaßnahmen mit Hilfe der
Statistik in einer Kosten-Nutzen-Rechnung beschrieben. (Civipol
2003:45) Dieses
Denken stammt aus der Versicherungs- und Sicherheitstechnik. Welche
”Schäden”
werden nun im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen konstatiert? Seit
einigen
Jahren gibt es ab und an in den Medien seltsame Meldungen: Es werden
genaue
Zahlen vorgestellt, mit denen der angebliche horrende jährliche Schaden
durch
die ”illegale” Immigration in die EU beziffert wird. Diese Zahlen
stammen von
den einschlägigen Organisationen, etwa von Europol, der IOM, dem ICMPD
oder von
Geheimdiensten. Meist beziehen sich die Zahlen auf den Anteil, den die
Irregulären an der Schattenwirtschaft haben sollen. Grundlage sind dann
die
ausfallenden Steuereinnahmen. Diese ”Berechnungen” entbehren jeder
objektiven
Grundlage; seriöse Forschungsinstitute gehen gegenteilig davon aus,
dass sich
die Wirtschaft in der EU inzwischen in erheblichem Maß auf die
Überausbeutung
der Illegalisierten stützt. Bei der RAC-Risikoanalyse bleibt der
Schaden, den
der versagte Status bei den Sans-Papiers selbst anrichtet – also etwa
der
massenhafte Tod auf See - , außer Betracht. Die jährliche Bezifferung
des angeblichen
Schadens dient den Investoren, die Abhilfe an den Außengrenzen durch
technologische Aufrüstung verlangen. Außerdem werden damit die
Überwachungseinsätze gesteuert.
Die Kontrollen an
den
Außengrenzen sollen von einer Polizeigruppe inkognito hart gegengeprüft
werden
(”Policing the Police”). Überall an den EU-Außengrenzen zeigt es sich,
dass die
Schengenvorgaben in der Realität nicht einzuhalten sind. Bei der
vorgeschriebenen ”Komplettkontrolle” wären unübersehbare Staus die
Folge. Wenn
daher ein Inspektionsteam eine Kontrollstelle überprüft, werden diese
Differenzen zwischen Vorschrift und Realität evident. Die zentral
agierende
Überprüfungspolizei wird ein leichtes Spiel haben, wenn sie Druck gegen
Grenzpolizeien peripherer EU-Länder aufbauen will.
Zur
Inspektionsgruppe entwickelt sich die PCU (”External borders
practitioners common unit” - ”gemeinsame Instanz von
Praktikern für die Außengrenzen”)[16],
die mit der Risikobewertung, der
Koordinierung der Maßnahmen vor Ort und der Entwicklung einer
gemeinsamen
Strategie für die Koordinierung der einzelstaatlichen Politiken
beauftragt
wurde. (Europäische Union 2002) Es handelt sich dabei um eine
Einrichtung ohne
Rechtsgrundlage, sie ist im Rahmen des APMED entstanden. Organisatorisch ist sie an SCIFA und den ”Ständigen Schengener Bewertungs- und
Anwendungsausschuss" (Schengen evaluation -
SCHEVAL) angebunden, der durch Beschluss des Schengener
Exekutivausschusses eingerichtet wurde (Beschluss SCH/Com-ex 98,
veröffentlicht
im Amtsblatt L 239 vom 22.09.2000) und inzwischen als Arbeitsgruppe des
Rates
tätig ist.[17]
(EU 2002)
Seit Juni 2002 ist diese
”Common unit”
beschlossen und hat bereits 17 Operationen und Pilotprojekte an den
Außengrenzen überwacht – wie die Manöver im Mittelmeer unter den Namen
Ulysses,
Rio IV, Pegasus, Triton, ORCA und Neptun. (EU-Rat
2003b, S. 3-14). Der
griechische EU-Vorsitz hat den Vorschlag gemacht, dieses Gremium mit
der Macht auszustatten, ”Notoperationen” ”auf schriftlichem Weg” ohne
vorherige
Unterrichtung des Rats anzuordnen und durchzuführen. (Monar 2003,
Fußnote 10)
Die
neue EU-Grenzschutzagentur hat im Mai 2005 unter dem Namen Frontex
ihren
Betrieb aufgenommen. Ihren Hauptsitz hat sie in Warschau, ihre
Außenstelle für
die EU-Außengrenze im Mittelmeer soll auf Malta eröffnet werden. Die
PUC und
alle anderen genannten Vorläufer dürften in Frontex aufgehen. Der
EU-Fonds zur
Aufrüstung der EU-Außengrenzen, den das Haager Programm vorsieht, soll
ein
Budget von 2,1 Milliarden Euro (!) bekommen und wird wahrscheinlich von
Frontex
mitverwaltet werden. (EU
2005; The Times 30.04.2005)
Die
Flüchtlingsabwehr und die Vorverlagerung der Abschottung nach
Nordafrika hat
dazu geführt, dass sich ein westliches Kerneuropa herausbildet. Denn
die
wesentlichen Entscheidungen und Weichenstellungen treffen dabei die so
genannten G-5-Staaten, während die Erprobungen unter dem Schirm der
”5-plus-5”
stattfinden und mithilfe Internationaler Organisationen praxisnah
fortentwickelt werden. (s.o.)
Doch dieses neue
Rundum-Abschottungskonzept
geht bisher nicht auf, wie die Diskussion um Lager vor den
EU-Außengrenzen,
v.a. in Lybien, zeigt: Der deutsche Innenminister Schily hatte
versucht, die
G-5-Treffen für den politischen Durchbruch seiner Lager-Pläne zu
nutzen: Die
nordafrikanischen Staaten sollten Flüchtlinge und MigrantInnen in
”Auffanglagern” von der Fahrt übers Mittelmeer abhalten und die
aufgegriffenen
Boat People dorthin zurücknehmen. Eine Zustimmung zu diesen Pläne
erwartete
Schily von den G-5-Staaten und arbeitete öffentlichkeitswirksam auf
einen
entsprechenden Durchbruch bei dem G-5-Treffen in Florenz am 19./20.10.2004 hin. Aber auf
dieser
Konferenz unterstützte nur der italienische Innenminister Schily. (NZZ
18.10.2004) Die G-5-Staaten folgten den andersgewichteten französischen
Vorschlägen, und mit dem G-5-Treffen am 12.05.2005 in Paris konnte sich
der
französische Innenminister Sarkozy vorerst durchsetzen: Ein
Inland-bezogenes
Kontrollsystem gegen die heimliche Einreise und den heimlichen
Aufenthalt wird
in Frankreich drastisch verschärft und als Modell für die
EU-Prioritäten im
flüchtlingspolitischen Abwehrkampf präsentiert.[18]
Die Idee der Lager in Nordafrika ist auf den G-5-Treffen anscheinend
nicht
konsensfähig. Übereinstimmung herrschte bei dem Vorschlag, ein
zentralisiertes
EU-Grenzpolizeikorps für Sondereinsätze an den Außengrenzen aufzubauen.
(<http://euobserver.com/?sid=22&aid=19050>; Le Monde
17.05.2005)
Diese Linie der Verschärfung der Reise- und Aufenthaltskontrollen an
den
Außengrenzen und im Inneren der EU wurde bei dem G-5-Treffen am
04./05.07.2005
in Evian nochmals bekräftigt. Otto Schily nahm an dem Treffen nicht
teil.
Verabredet wurde, dass es gemeinsame spanisch-französische Patrouillen
im
Mittelmeer geben wird. Auf italienischen Vorschlag sollen die
Fluchtwege in
Nordafrika von EU-Fahndungs- und Analyseteams erkundet werden. (Le
Monde
04.07.2005; Le Monde 05.07.2005; Le
Monde 07.07.2005; IAR-Noticias 06.07.2005; Statewatch online
03.07.2005) Damit
scheiterte der Lagerplan für Nordafrika zum wiederholten Mal im
politischen
Feld. Er verbleibt aber als konkrete Aufgabe bei der
EU-Kommissionsbürokratie
und bei der bilateralen (geheimen) Zusammenarbeit: Die italienische
Regierung
ist am Aufbau von Lagern in Libyen, an Abschiebungen aus Libyen und an
der
dortigen Grenzüberwachung beteiligt (Die italienische Regierung weigert
sich
seit zwei Jahren, dem Parlament darüber Auskunft zu erteilen. Der
Technical-mission-Bericht der EU-Kommission zu Lybien führt dagegen die
Details
auf, vgl. Kapitel X). Die deutsche Regierung hat sich besonders
Tunesien
zugewandt und liefert dorthin Rüstungsmaterial, das auch für die
Grenzüberwachung taugt. Ob die deutsche Regierung die Lager in Tunesien
mitfinanziert, deren genaue Lokalitäten größtenteils geheim sind,
verbleibt im
Ungewissen. (Cutitta 2004)
Schätzungen besagen, dass
ungefähr 500.000 Personen jährlich die
Passage über das Mittelmeer machen, mit dem Flugzeug, auf den Fähren
und zu
einem kleineren Teil auf den Holzbooten. (Civipol 2003:7 ff.) 50.000
Boat
People jährlich werden insgesamt ungefähr im Mittelmeer auf See oder
direkt
nach ihrer Anlandung aufgegriffen.[19]
Auf den süditalienischen Inseln
(einschließlich Sizilien) ist die
Zahl der auf dem Meer oder direkt nach der Landung Aufgegriffenen
gestiegen,
von 5.000 (2001) auf 18.000 (2002), und 14.000 (2003). Die
entsprechenden
Zahlen in Apulien (Boat People aus Albanien) und in Ost-Kalabrien
(große
Flüchtlingsschiffe aus dem östlichen Mittelmeer) sind dagegen sehr
zurückgegangen. (Cuttitta 2004). Als
Gesamtzahlen der ”Clandestini”, die in Italien angelandet und gleich
aufgegriffen wurden, werden genannt: 26.817 (2000), 14.331 (2003).
Italien
hat mit 28 Staaten Rückübernahmeabkommen abgeschlossen, Verhandlungen
laufen
mit weiteren 17 Staaten (Stand 2004). Mit der libyschen Regierung hat
Rom
geheime Abkommen der Zusammenarbeit und Rückübernahme abgeschlossen.
Laut italienischem
Innenministerium sind in 2004 105.662 Personen
heimlich in das Land eingereist, fast genau so viel wie im Vorjahr. Von
diesen
wurde die Hälfte (59.965) aus dem Land gebracht: 24.528 seien im
Grenzbereich
aufgehalten und zurückgewiesen worden, 2.563 von der Polizei
abgeschoben
worden, 16.270 an die Grenze zurückgeführt worden, 930 abgeschoben
aufgrund
einer richterlichen Entscheidung, 7.996 aufgrund von
Rückübernahmeabkommen in
die jeweiligen Herkunftsländer gebracht worden. (Staatsangehörige
aus Marokko, Tunesien und Albanien werden, wenn sie in
Küstennähe festgenommen werden, umgehend zurückgeschoben.) Gegen alle
anderen
Sans Papiers, die im Landesinneren bzw. weiter im Norden festgenommen
werden,
werden Abschiebeverfahren eingeleitet, und meist gestalten sich
Abschiebungsvorhaben schwierig.[20]
Ein Teil der Festgenommenen und in Abschiebehaft Genommenen muss früher
oder
später freigelassen werden.
Das ist die
Gesamtsituation, die die italienische Regierung seit 2003 von Grund auf
verändern will. Zum einen sollen durch die verschärfte Überwachung des
Mittelmeers und der gegenüberliegenden Küsten kaum noch Boat People
ankommen.
Zum anderen sollen diejenigen, die die Überfahrt trotzdem schaffen, auf
den
süditalienischen Inseln solange in Abschiebehaft genommen werden, bis
sie von
dort aus nach Libyen und in andere nordafrikanische Länder
zurückgeschoben
werden. Das Abschiebelager auf Lampedusa zeigt diese Entwicklung: Es
wird von
Carabinieri bewacht, und mittlerweile hat sogar der UNHCR
Schwierigkeiten, die
dortige Situation zu überprüfen. Mittlerweile werden in Süditalien drei
neue
Abschiebelager gebaut: Sie liegen in Bari, Foggia und Trapani und
sollen um die
1.000 Personen aufnehmen. (AFP, Rom 11.11.2004)
In beiden Aspekten – der
Meerüberwachung und
den Großlagern im italienischen Süden - gelang Rom der Durchbruch in
der
geheimgehaltenen Zusammenarbeit mit Libyen. (Erst über den Bericht der
Technischen Delegation der EU-Kommission gelangten die Details dieser
Zusammenarbeit an die Öffentlichkeit.) Anfang Oktober 2004 schoben die
italienischen Behörden über 1.000 Boat People von Lampedusa nach Lybien
ab, die
keinerlei individuelle Rechte geltend machen konnten. Es war nicht
einmal
bekannt, aus welchen Herkunfts- und Transitländern die Abgeschobenen
gekommen
waren. Da Libyen die Genfer Konvention nicht unterzeichnet hat, kein
adäquates
Asylverfahren garantiert, über eigene Lagerkomplexe verfügt und
Flüchtlinge wie
MigrantInnen, die seit Jahren in dem Land gearbeitet haben, in die
Wüste oder
auch per Flugzeug in die Herkunftsländer abschiebt, war die
italienische
Kollektivabschiebung ein eklatanter und bewusster Bruch der Genfer
Konvention.
Ein Bruch des Non-Refoulement-Verbots, das die Abschiebung in Länder
verbietet,
die keinen (asylrechtlichen) Schutz vor Folter und Verfolgung
gewährleisten.
Mit dem Refoulement griff die italienische Regierung auf die Arrest-
und
Abschiebe-Infrastrukturen Libyens zu. In der Tat konnten Wochen später
Flüchtlinge in Niger und Ghana einigen Reportern über ihre
Kettenabschiebung
aus Lampedusa via Tripolis und über Mitabgeschobene berichten, die
ebenfalls
wie sie in der Sahara ausgesetzt wurden und umgekommen waren. (Vgl. die
Beiträge von Fabrizio Gatti und Thomas Hohlfeld/Dirk Vogelskamp in
diesem Heft)
.
Wenige Tag nach
der ersten
italienischen Kollektivabschiebung, am 11. Oktober 2004, räumen die in
Luxemburg tagenden EU-Außenminister die politischen Hindernisse für die
wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Libyen beiseite. (vgl. Kap. VI)
Nachdem
Lybien so wieder EU-salonfähig geworden ist, gehen die
Kollektivabschiebungen
von Italien nach Lybien in großer Geschwindigkeit weiter.
März
2005: Italienische Behörden
haben zum dritten Mal in sechs Monaten Boat People von Lampedusa nach
Libyen
abgeschoben und dabei wieder das internationale Recht eklatant verletzt
– so
dass Verbot von Refoulement, von Kollektivabschiebungen, von
unmenschlicher und
entwürdigender Behandlung. Während inzwischen UNHCR, amnesty
international und
andere Menschenrechtsorganisationen diese italienischen Abschiebungen
nach
Libyen verurteilen, gibt die EU-Kommission der italienischen Regierung
für diese
Praxis – die auch EU-Recht offen verletzt – Rückendeckung. Das
Europaparlamente
und zahlreiche Organisationen rufen die EU-Instanzen auf, die
italienische
Regierung deswegen zu rügen, diese Menschenrechtsverletzung zu beenden
und zu
sanktionieren.[21]
(http://pajol.eu.org/IMG/pdf/complaint-lamp-en.pdf)
Am 11.05.2005 stoppte der
Europäische
Gerichtshof für Menschenrechte in Strasbourg vorerst die Abschiebung
von elf
Bootsflüchtlingen aus Italien nach Libyen. ”Grundlage seines
vorläufigen Stopps
war der Einspruch eines italienischen Anwalts gegen die Abschiebung von
79
Flüchtlingen, die im März in Lampedusa angekommen waren. Sie sollten,
wie schon
gut 1.000 vor ihnen, umgehend nach Libyen zurückverfrachtet werden. Der
Einspruch gründete darauf, dass Libyen keine menschenrechtskonforme
Behandlung der
Flüchtlinge gewährleiste und Italien sich zudem der international
geächteten
Kollektivabschiebung ohne Einzelfallprüfung schuldig mache. Der
bisherige Gang
des Verfahrens in Straßburg scheint gerade diesen zweiten Verdacht
nachdrücklich zu bestätigen. Vom Gericht um Auskunft über den Verbleib
der 79
ersucht, teilte das Innenministerium nur mit, das 14 zurückgeschickt
worden
seien und 11 vor der Abschiebung stünden. Über den Verbleib der anderen
54
konnten die italienischen Behörden keine Angaben machen - Indiz dafür,
dass von
detaillierter Einzelfallprüfung keine Rede sein kann.” (taz, 13.5.2005)
Aber die Abschiebungen gehen
weiter. Am 10.
August wurden im Entstehungszeitraum dieses Artikels letztmalig wieder
65
MigrantInnen (aus Ägypten) von Lampedusa per Charter-Maschine nach
Lybien
abgeschoben. Für die erste Kollektivabschiebung von Lampedusa im
Oktober 2004
waren Militärmaschinen genutzt worden. Laut dem italienischen
Innenministerium
gab es seit Januar 2005 bis zum 10. August 61 Charter-Abschiebungen,
mit denen
4.137 Menschen abgeschoben wurden, hauptsächlich aus Rumänien (1920)
und
Ägypten (1890). (La Republica, 10.08.2005) Soweit der Stand der
Abschiebepraxis
in Italien, vor dem Hintergrund der neu entwickelten Kooperationen mit
dem
vormaligen ”Schurkenstaat” Lybien.
Mit Blick auf den
anderen ”Frontstaat” an der südlichen EU-Außengrenze, Spanien, ergibt
sich
folgendes Bild: Die Zahl der Boat People, die direkt vor oder nach
ihrer
Landung festgenommen wurden, lassen sich ungefähr mit den italienischen
Zahlen
vergleichen. Viel höher sind dagegen die Zahlen der Rückschiebungen
(d.s. die
Zahlen derjenigen, die direkt im Grenzbereich festgenommen und
zurückgeschoben
wurden) und die der Abschiebungen. Sie haben in Spanien sprunghaft
zugenommen.
Ein Rückübernahmeabkommen haben
Spanien und Marokko am 13. Februar
1992 unterzeichnet. Es sah die Rückübernahme auch von
Drittstaatsangehörigen
durch Marokko vor. In der Praxis funktioniert das meistens aber nicht.
Marokko
akzeptiert bisher nicht die formale Rückschiebung von
Drittstaatsangehörigen,
wohl aber das ”wilde” Refoulement, d.h. die illegale Abschiebung
direkt an den Zäunen von Ceuta und Melilla: Aufgegriffene
werden durch eine Tür im Zaun einfach wieder nach draußen geschoben.
Diese
Praxis verletzt alle grundlegenden internationalen und spanischen
Gesetze zu
Flüchtlingen und Menschenrechten. Laut Guardia Civil haben im Laufe des
Jahres
2004 rund 50.000 Versuche der Zaunüberwindung bei Ceuta und Melilla
stattgefunden. (apdha 2004) (Zu den Flüchtlingslagern bei Ceuta und
Melilla als
Vorposten der EU in Nordafrika vgl. Kapitel VII und X).
Aufgriffe von Boat People durch
spanische
Behörden und Abschiebungen/Rückschiebungen aus Spanien – die Angaben zu
2004
basieren auf Schätzungen. (apdha 2004, S. 12 f.)
| 2001 |
2002 |
2003 |
2004 |
|
| Kanarische Inseln | 4.112 | 9.875 | 9.382 | 9.800 |
| Meerenge Gibraltar | 14.405 | 6.795 | 9.794 | 10.400 |
| Summe |
18.517 | 16.670 | 19.176 | 20.200 |
| Ab-/Rückschiebungen | 45.544 | 77.113 | 96.679 | 102.000 |
Auf den Kanarischen Inseln sind in den
letzten Jahren
vier Abschiebelager mit insgesamt 1.950 Plätzen entstanden. Ähnlich wie
auf den
süditalienischen Inseln handelt es sich um Einrichtungen auf
Flugplätzen oder
auf ehemaligen Militärbasen, sie werden paramilitärisch bewacht,
nationale und
internationale humanitäre Organisationen haben keinen oder nur sehr
erschwerten
Zugang zu diesen Orten. Ganz offensichtlich dienen auch diese überaus
großen
Anlagen in Südspanien dazu, dass Flüchtlinge und MigrantInnen nicht
mehr
regelmäßig von der Peripherie der EU in Aufnahmelager im Landesinneren
und
später eventuell in die europäischen Großstädte gelangen können.
Vielmehr
werden sie summarisch dort in Haft genommen, damit zumindest diejenigen
sofort
abgeschoben werden können, deren Herkunftsländer die Rücknahme
akzeptieren.
Abschiebungen direkt von den Kanarischen
Inseln, laut
spanischer Immigrations- und Migrationsabteilung (ai 2005b: 83)
2002
2003 2004
5.248 4.826 2.631
Die Abschiebezentren
in Fuerteventura und Lanzarote hat Human Rights Watch 2002 aufgesucht
und
berichtet, dass die Haftbedingungen härter als die gesetzlich
vorgeschriebenen
sind. Es herrscht eine Totalisolierung; für die Inhaftierten gibt es
weder
Telefonier- noch Besuchsmöglichkeiten; sie können die Gebäude nicht
verlassen
und keine Bewegungsübungen im Hof machen. Die Zentren sind überbelegt.
Ärzte
wohltätiger Organisationen haben 2002 aufgehört, in den Zentren zu
arbeiten, um
damit auf die sanitären Verhältnisse aufmerksam zu machen, die ”sehr
beunruhigend” seien. (hrw 2002)
Auf die kanarischen Abschiebegefängnisse ist
ai (amnesty
international) im Juni 2005 kritisch in einem Bericht eingegangen, der
von der
Erkenntnis getragen ist, dass die Lage der Flüchtlinge und MigrantInnen
in den
EU-Außenregionen mehr und mehr brutalisiert wird und von
Menschenrechtsverletzungen gekennzeichnet ist. (ai 2005b) Ausführlich
wird auf
das Abschiebegefängnis El Matorral auf Fuerteventura eingegangen.
Berichte von
Flüchtlingen und genaue Beschreibungen der Lokalität und mancher
bürokratisch-polizeilicher Prozeduren sind in den Bericht aufgenommen,
im
Folgenden seien die Beschreibungen zu El Matorral auszugsweise
vorgestellt. (ai
2005b:72 ff.) Das Zentrum El Matorral wurde als ”Aufnahmestelle für
Ausländer”
im Mai 2002 auf dem Flughafengelände eröffnet. Schriftliche Kriterien
darüber,
wer in dieses Lager einzuweisen ist, gibt es nicht. Vorher wurden
festgenommene
Boat People in einem alten
großen
Gepäckraum des Flughafens untergebracht, ausgelegt eigentlich für bis
50
Personen, tatsächlich ist er öfter mit 400, ja sogar mit 500 Leuten
überfüllt
gewesen. Es gab nur drei kalte Duschen und vier Toiletten, niemand
durfte den
Raum verlassen. Besucher, AnwältInnen oder Vertreter humanitärer
Organisationen
waren nicht zugelassen. Flüchtlings- und
MigrantInnen-Hilfsorganisationen wie CEAR,
SOS Racism, MSF, die apdha
(Asociación pro Derechos Humanos de España) und die Asociación de
Trabajadores
Marroquíes en España (Verein marokkanischer Arbeiter in Spanien) haben
diese
Zustände wiederholt kritisiert. Daraufhin hat die Regierung das alte
Flughafenlager geschlossen und im Mai 2002 das Zentrum El Matorral
eröffnet.
Dieses besteht aus fünf Gebäudeteilen und kann 1.200 Personen
aufnehmen. Um das
Lager leiten zu können, rekrutieren die Behörden zehn ”Chairmen” aus
der
Flüchtlingsbevölkerung. Diese werden für ihre Vermittlungsarbeit nicht
bezahlt,
erhalten aber bessere Schuhe, doppelte Essensrationen und eine bessere
medizinische Versorgung. Die Gefangenen werden nach ihrer Ankunft
besonders
harten Haftverhältnissen unterworfen, Zeugen haben die Zellen der
ersten
Station innerhalb des Lagers als Tierkäfige beschrieben. (La Vanguardia, 25.05.2004) Auf der
zweiten und dritten Folgestation werden sie nach
Herkunft und anderen Kriterien getrennt.
Den Hof können die Gefangenen zwei Stunden
morgens und zwei Stunden
abends nutzen. Es gibt dort allerdings keinen Schutz vor Sonne oder
Regen, auch
gibt es dort keine Sitzgelegenheiten. Ansonsten sind die Häftlinge in
ihre
Zellen eingeschlossen. Sie berichteten den ai-Vertretern, dass sie von
Polizisten geschlagen werden. Die medizinische Versorgung ist äußerst
schlecht.
Die fünfte Station ist für massenhafte
Notunterkunft gedacht, wenn
mehrere hundert Menschen auf einmal eingesperrt werden. Die Räume
können
jeweils 260 und 290 Personen aufnehmen. Die kleinen Fenster sind
vergittert.
Evakuierungsmöglichkeiten für den Notfall gibt es nicht. Es gibt nur
neun
Waschgelegenheiten und Toiletten sowie fünf Duschen. – Insgesamt
erfüllt das
Lager nicht die minimale Standardausrüstung, die nach internationalem
Recht für
Haftzentren vorgeschrieben ist, es bietet keine Beschäftigungs- und
Unterhaltungsmöglichkeiten, keine Ausstattung für Erziehungs-,
Bildungs- und
religiöse Aktivitäten, keine Bibliothek.
Nach
internationalem und spanischem
Recht ist vorgeschrieben, dass es Besuchs- und Kontaktmöglichkeiten
nach außen
geben muss. Aber
Handys werden in El Matorral beschlagnahmt, und zur Kontaktaufnahme mit
Familienangehörigen oder RechtsanwältInnen stehen nur vier öffentliche
Telefone
im Hof zur Verfügung, aber zum Hof gibt es nur eingeschränkten Zugang.
Zum
Telefonieren braucht man spanische Münzen oder Telefonkarten, für deren
Erwerb
muss man mit den Angestellten zunächst Geld tauschen. Flüchtlingsräte,
NGOs und
Medien haben keinen Zugang zu El Matorral. Die Öffnung der Tore von El
Matorral
für MSF und ai im Mai 2004 war eine Ausnahme.
Was Griechenland
angeht, so sei auf den Bildbericht des “Solidaritätskomitee für die
Flüchtlinge
auf Chios”in diesem Heft verwiesen. Die Flüchtlingslager in der Ägäis
sind
vergleichsweise neu, und die dortigen Verhältnisse sind noch von
bürokratischer
Improvisation geprägt.
Die
länderübergreifende Tendenz scheint in den europäischen
Mittelmeerländen
eindeutig zu sein: Die größten Aufnahme- und Abschiebelager der EU
entstehen in
diesen Jahren ganz im Süden Südeuropas. Sie bilden die eine Hälfte der
neuen
Abschiebe-Infrastruktur. Die andere Hälfte soll in Nordafrika
entstehen, wenn
es nach den Vorschlägen mancher EU-Innenminister geht.
X. Lager und neues Grenzregime in Nordafrika
Neben den propagandistischen
Verfechtern der Lager an der
EU-Außengrenze ab 2003 – Blair, Pisanu, Schily – ist es die
EU-Verwaltung
selbst, die mit der Vergabe von Machbarkeitsstudien und
Rechercheaufträgen zur
Flüchtlingsroutenforschung die Lagervorhaben in den letzten Jahren mit
vorangetrieben hat. Die ”geschlossenen Aufnahmezentren für
Asylbewerber” an den
EU-Außengrenzen stehen als konkret anzustrebendes Ziel erstmals im Jahr
2003 in
einem EU-Dokument. (EU-Kommission 2003b) In diesen Zentren sollen
innerhalb
eines Monats Asylschnellverfahren durchgeführt werden. Wie schon oben
weiter
ausgeführt, ist der jüngste Vorstoß, in Nordafrika exterritoriale
Flüchtlingslager einzurichten, auf der politischen Ebene unter den
EU-Staaten offiziell
zur Zeit nicht konsensfähig. Auf der administrativen Ebene wird er
jedoch
weiter vorangetrieben (vgl. Kap. VIII), parallel zu der Planung von
Lagern in
den Herkunftsregionen (wie das EU-Pilotprojekt einer ersten Regional
Protection
Area, das die EU-Verwaltung im Juli 2005 starten will, siehe den
Beitrag von
Christopher Nsoh in diesem Heft). Faktisch bestehen bereits direkt oder
indirekt von EU-Ländern finanzierte Haftzentren und
Internierungseinrichtungen
für Flüchtlinge, auf der Grundlage von bilateralen Abkommen (z.B. das
Geheimabkommen Italien-Lybien, dessen Finanzierung lybischer Lager
durch
Italien mit dem Bericht der Technischen Delegation der EU-Komission
aufgedeckt
wurde), oder als längst existierende Abschottungs-Vorposten. (siehe
Ceuta und Melilla)
Zu allen nordafrikanischen
Ländern unterhält
die EU im Rahmen des Barcelona-Prozesses formale Beziehungen auch in
der Frage
der Flüchtlings- und Migrationspolitik – mit der Ausnahme Libyens. Die
formalen
Beziehungen gestalten sich oftmals widersprüchlich und zäh. Auf den
Vorschlag
Otto Schilys, in den nordafrikanischen Ländern EU-Auffanglager
einzurichten,
reagierten auch einige nordafrikanische Staaten ablehnend: ”Nach Marokko hat jetzt auch
Algerien als
zweiter Maghreb-Staaten die Anregung abgelehnt, in Nordafrika
Auffanglager für
Flüchtlinge einzurichten. Außenminister Abdelaziz Belkhadem sagte nach
Angaben
der örtlichen Presseagentur APS dazu jetzt in einer ersten offiziellen
Stellungnahme: ´Algerien kann es nicht akzeptieren, in einem
Maghreb-Land Lager
zu haben, in dem illegale Auswanderer geparkt werden, während ihre
Zulassungsanträge in einem europäischen Land geprüft werden.´” (FAZ
26.10.2004)
Die Zusammenarbeit Italiens und
Maltas mit
Libyen in der Abschiebe- und Grenzüberwachungspolitik kommt seit 2003
dagegen
einem regelrechten Durchbruch gleich. Bilaterale Aktionen der
Kettenabschiebung
und Lagerpolitik wurden dort auf Anhieb möglich, die in den anderen
Ländern
noch in der jahrelangen formalen Verhandlungsphase stecken.
Ein
Blick in die Geschichte ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich.
1845
schrieb ein französischer Offizier während der kolonialistischen
Inbesitznahme
Nordafrikas: ”Im Wesentlichen handelt es sich nämlich darum, dieses
Volk neu zu
gruppieren, das überall und nirgends ist, man muss es richtig in den
Griff
kriegen. Wenn wir es unter Kontrolle gebracht haben, können wir vieles
angehen,
was heute noch unmöglich ist, und vielleicht werden wir uns ihres
Geistes
bemächtigen, nachdem wir uns ihres Körpers bemächtigt haben.” (zit.n. Bourdieu
1964)
Wenn
in Nordafrika auf europäische Initiative hin Flüchtlingslager errichtet
werden,
wäre die Kolonialfrage nochmals zu diskutieren. Lager zielen nicht nur
auf die
Isolierung der Eingesperrten, sondern auf den gesellschaftlichen
Körper.
Handelt es sich –nach der offiziellen Diktion - um die ”externe
Dimension” der
europäischen Flüchtlings- und Migrationspolitik, deren brutalsten
Aspekte
dorthin ”externalisiert” werden, dann wird erneut das Schema produziert
von dem
”zivilisierten” Zentrum und der ”gewalttätigen”, ”wilden” Peripherie.
Die
furchtbare Geschichte der Lager in den nordfranzösischen Kolonien war
über
Jahrzehnte verdrängt. Derzeit wird sie wiederentdeckt. Das Frühwerk von
Pierre
Bourdieu und Abdelmalik Sayad über die systematische ”Entwurzelung” der
algerischen Bevölkerung zur Zeit des Unabhängigkeitskampfs erscheint
wieder.
(Bourdieu 1964) Zwei Millionen Menschen, das war damals ein Viertel der
damaligen muslimischen Bevölkerung Algeriens, wurde in Wehrdörfer
umgesiedelt,
Abertausende starben in der Folge an Unterernährung und grassierenden
Krankheiten.
In
Ostmarokko errichteten die französischen Truppen schon seit Ende der
1930er
Jahre Lager, in die sie Spanienkämpfer aus dem Bürgerkrieg und
muslimische
Bevölkerungen verschleppten, die sie des Widerstands verdächtigten.
Arbeitslager, Straflager und Internierungslager entstanden so längs der
marokkanisch-algerischen Grenze, vom Mittelmeer bis weit in die Sahara
hinein.
”Wie
können Sie die Konzentrationslager vergessen, die die italienischen
Kolonialisten in Libyen gebaut und in die sie Ihre große Familie, die
der
Obeidat, verschleppt haben? Warum fehlt Ihnen das Selbstbewusstsein,
warum
verweigern Sie sich nicht?” fragte der libysche Intellektuelle Abi
Elkafi
kürzlich in einem offenen Brief an den libyschen Botschafter in Rom.
Der hatte
die aktuelle Ausrichtung des Landes gen Westen mit eingeleitet. ”Ich
schreibe
Ihnen wegen der widerlichen neuen Konzentrationslager, die auf
Veranlassung der
Berlusconi-Regierung auf libyschem Boden errichtet werden.”
Im
Juni 1930 hatte der italienische Gouverneur Libyens, Marschall Petro
Badoglio,
einen Großteil der damals 700.000 BewohnerInnen des Landes internieren
lassen.
In den Wüsten-KZs starben in zwei Jahren mehr als 100.000 Menschen an
Hunger
und Krankheiten. Zur gleichen Zeit rüstete Badoglio die 300 Kilometer
lange
libysche Grenze zu Ägypten mit einem stacheldrahtbewehrten Zaun auf.
Mit diesen
Maßnahmen zerschlugen die italienischen Kolonialisten den libyschen
Widerstand.
Das war ihnen jahrelang nicht gelungen, nicht mit Bombardierungen der
Dörfer
und Oasen aus der Luft und auch nicht mit dem Einsatz von Giftgas. Die
derzeitige italienische Regierung lacht über jede
Entschädigungsforderung,
schreibt Abi Elkafi. (Vgl. die Bilddokumente in diesem Heft)
Erste
glaubhafte Berichte über heutige Internierungslager in Libyen
erreichten die
westliche Presse vor vier Jahren. Im September und Oktober 2000 war es
zu
Pogromen gegen ArbeitsmigrantInnen in Libyen gekommen. 130 bis 500
SchwarzafrikanerInnen wurden in der Hauptstadt Tripolis und Umgebung
erschlagen. Um den Hetzjagden zu entkommen, flohen tausende Bauarbeiter
und
Betriebsangestellte aus dem Niger, aus Mali, Nigeria und Ghana nach
Süden.
Viele von ihnen blieben in der Sahara an Straßenkontrollen hängen und
landeten
in libyschen Militärlagern. ”Le Monde Diplomatique” berichtet in diesem
Zusammenhang von mehreren Camps, in denen schon seit 1996 MigrantInnen
und
Flüchtlinge interniert seien. In einem sollen 6.000 Ghanaer und 8.000
Nigerer
untergebracht worden sein. Der ghanaische Präsident Jerry Rawlings habe
das
Lager aufgesucht, um einige hundert Landsleute zurückzuholen. Der
Somali
Consultative Council appellierte am 22.02.2004 an Ghaddafi, ”die
somalischen
Flüchtlinge, die sich in Ihrem Land in Haft befinden und vor zwei
Wochen in den
Hungerstreik getreten sind, bedingungslos freizulassen und nicht nach
Somalia
in den Bürgerkrieg zurückzuschicken.” Anfang Oktober 2004 hat das
italienische
Staatsfernsehen RAI Aufnahmen aus einem libyschen Flüchtlingslager
gezeigt.
Hunderte Menschen waren in einem Hof zu sehen, schwer bewacht, und in
den
Baracken solle es nicht einmal Schlafstellen geben. Aktuelle Berichte
von
Somalis, die jetzt aus Italien nach Libyen abgeschoben wurden,
bestätigen die
Existenz dieser Lager.
Hatte
die libysche Regierung diese Camps ursprünglich eingerichtet, um
Großprojekten
im Süden (”die Wüste begrünen”) nach Bedarf Arbeitskräfte zuzuführen?
Oder
handelte es sich um Maßnahmen zur Flüchtlingsabwehr im Transit?
Jedenfalls ließ
die libysche Regierung schon vor einiger Zeit verlauten, dass
unkontrolliert
Einreisende möglichst im libyschen Süden festgesetzt und abgeschoben
werden
sollten.
Die libysche Regierung hat zwar
die
Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeiter
und ihrer
Familien im Juni 2004 unterzeichnet (die deutsche Regierung weigert
sich nach
wie vor, dies zu tun), aber nicht die Genfer Flüchtlingskonvention und
verfügt
über keine Verfahren zur Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft. Die
libysche
Regierung hat die Konvention der OAU zu bestimmten Aspekten des
Flüchtlingsproblems in Afrika unterzeichnet, setzt aber beispielsweise
die
darin enthaltene Vorschrift zur Zusammenarbeit mit dem UNHCR nicht um.
Die
Regierung erkennt nicht an, dass es in dem Lande Flüchtlinge gibt, und
sieht
keine Zuständigkeit des UNHCR für diese. Dem UNHCR ist es dort nicht
erlaubt,
seinem Mandat nach zu handeln. Der UNHCR, der in Libyen ein Büro
unterhält,
schätzt, dass sich in dem Land Ende 2003 12.000 Flüchtlinge befinden,
unter
ihnen 9.000 PalästinenserInnen und eine große Zahl von SomalierInnen,
die
hauptsächlich in Tripolis wohnen. Im UNHCR-Büro in Tripolis haben 2003
391
Flüchtlinge eine Asylanerkennung beantragt, im ersten Halbjahr 2003
anerkannte
der UNHCR 42 Flüchtlinge, sechs lehnte er ab.
Am 21.07.2004 haben die
libyschen Behörden
über 110 Personen nach Eritrea abgeschoben, wo sie Gefahr laufen,
gefoltert zu
werden. Nach ihrer Ankunft wurden sie festgenommen und in ein geheimes
Gefängnis in Totalisolation gebracht.
Am 27.08.2004 versuchten die
libyschen
Behörden, 76 Eritreer, darunter sechs Kinder, abzuschieben. Einige von
ihnen
entführten jedoch das Flugzeug während der Abschiebung und zwangen es
in der
sudanesischen Hauptstadt Khartum zur Landung, wo sie Asyl beantragten.
Einige
der Abgeschobenen bezeugten regelmäßige Misshandlung in Libyen, sie
waren ohne
Grund inhaftiert worden, hatten keinen Zugang zu Anwälten oder zur
Asylanerkennung,
ihre Habe war beschlagnahmt worden.
März 2005: Nach Medienberichten
(ANSA News
21.03.2005) beginnt die libysche
Regierung mit der Abschiebung von 882 aus Italien (Lampedusa)
Abgeschobenen
nach Ägypten. Das hat die ägyptische Botschaft in Tripolis bekannt
gegeben.
Libysche Behörden haben ebenfalls ägyptische Boat People im
Küstenbereich
festgenommen. Am 23.12.2004 schob Libyen Dutzende vom UNHCR anerkannte
Flüchtlinge nach Äthiopien, Somalia und Liberia ab.
Die italienischen
Abschiebe-Aktionen datieren in ihrer Planung aus
dem Jahr 2003. Damals hat die italienische Regierung mit Tripolis das
o.g.
Geheimabkommen geschlossen, das sie bis heute nicht veröffentlich hat.
Dem
Bericht der Technischen Delegation der EU-Kommission (Technical Mission
to
Lybia on Illegal Immigration, 4. April 2005), die sich Ende 2004 in
Libyen
aufgehalten hat, lassen sich Einzelheiten entnehmen (siehe oben). Die
ausbleibenden kritischen Reaktionen anderer EU-Staaten lassen vermuten,
dass
die italienische Regierung nicht eigenmächtig gehandelt hat. Da ist die
Initiative Blairs, Schilys und Pisanus zur Errichtung von EU-Lagern in
Nordafrika, die seit 2003 immer wieder in neuen Varianten vorgebracht
wird. Und
dann gibt es die informellen Aktivitäten Internationaler Organisationen
in Libyen
ebenfalls seit 2003/2004, die der italienischen Initiative den Boden
bereitet
haben dürften. Insbesondere ist hier das ”Programme for the enhancement
of
transit and irregular migration management in Libya” (TRIM) zu nennen,
das die
IOM nach Forschungen im Lande seit wahrscheinlich 2003 und nach einer
Technical
Assessment Mission der IOM in Libyen im Oktober 2004 mit einem
geplanten
Volumen von 3,56 Millionen Euro auflegt. (IOM 2005: 26; EU-Kommission
2005b)
An die
Öffentlichkeit gelangten Informationen über die lybisch-italienische
Kooperation nur bruchstückhaft. Im Herbst 2004 wird bekannt, dass
Italien Zelte
und Decken nach Libyen schickt und zwei neue Abschiebelager im Zentrum
Libyens
erbauen lässt. Der Mitarbeiter des Innenministeriums Alessandro Pansa:
”Libyens
Aufnahmezentren sind in einem solch armseligen Zustand, dass sie nicht
renoviert werden können, deswegen helfen wir ihnen, zwei neue Zentren
in der
Wüste zu errichten.” (AFP Rom, 11.11.2004)
Im Frühjahr 2005
veröffentlicht italienische Presse Inhalte aus dem Bericht der o.g.
Technischen
Delegation der EU-Kommission, die ersten belegten Informationen zu dem
geheimen
Kooperationsabkommen. ”Wozu liefert Italien 1.000 Leichensäcke?”
schreibt der
römische Taz-Korrespondent am 30.04.2005. ”Zwei Jahre nach dem
Antimigrationsabkommen zwischen Italien und Libyen informiert der
Bericht einer
EU-Mission über katastrophale Zustände in den libyschen Lagern. Selbst
elementare Menschenrechte der Flüchtlinge sind nicht garantiert.
Lieferungen
von 100 Schlauchbooten aus Italien nach Libyen , dazu sechs
Geländewagen und
drei Reisebusse, Nachtsichtgeräte und Unterwasserkameras, 6.000
Matratzen,
12.000 Wolldecken, aber auch 1.000 Leichensäcke - erstmals werden jetzt
Details
der engen Kooperation zwischen Italien und Libyen bei der Bekämpfung
der
illegalen Einwanderung von Libyen nach Europa bekannt. Rom lieferte
danach
nicht nur Gerät, sondern finanzierte auch etwa 60 Abschiebeflüge von
Libyen in
andere Staaten Afrikas und Asiens; außerdem bezahlte die italienische
Regierung
schon im Jahr 2003 ein Lager im Norden Libyens und gab Zusagen für die
Finanzierung zweier weiterer Abschiebelager im Süden des Landes.
Gestern machte die
italienische Wochenzeitung L'Espresso einen internen Bericht der
EU-Kommission
öffentlich, der die Eindrücke der Libyenreise einer ´Technischen
Mission´ mit
Vertretern aus 14 EU-Staaten zusammenfasst - Eindrücke, die zeigen, wie
Italien
schon heute massiv die Verlagerung der Flüchtlingsabwehr inklusive
Camps auf nordafrikanischen
Boden betreibt. Eindrücke aber auch, die zeigen, wie dabei
Menschenrechte unter
die Räder kommen.
Im Sommer 2003
hatten Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi ihren
Antiimmigrantenpakt
geschlossen; seitdem ist die Zahl der an Italiens Küsten angelandeten
Bootsflüchtlinge drastisch zurückgegangen; seitdem auch hat Italien
mehrfach
Hunderte von Immigranten direkt nach der Ankunft auf Lampedusa wieder
per
Flugzeug nach Tripolis zurückgeschafft. Immer aber weigerte sich die
Regierung
in Rom, den genauen Inhalt der Absprachen mit Libyen publik zu machen.
Stattdessen gab es bloß die allgemeine Auskunft, alles gehe
´menschenrechtskonform´ zu.
Den EU-Vertretern
bot sich auf ihrer Reise im Dezember 2004 ein entgegengesetztes Bild.
Sie
berichten von Lagern, in denen Abschiebekandidaten in
Gemeinschaftsräumen für
200 Personen untergebracht sind, wobei Männer, Frauen, Familien,
Minderjährige
ohne Begleitung zusammengepfercht werden. Sie berichten von libyschen
Beamten,
die direkt vor dem Besuch die Camps haben reinigen lassen; trotzdem
aber seien
nicht einmal niedrigste hygienische Standards erfüllt. Sie berichten
von
Lagerküchen, die offenbar schnell mit Obst und Gemüse aufgefüllt wurden
-
während die Gefangenen erzählten, dass sie mit Wasser und Brot ernährt
werden.
In manchen Lagern sei die Zahl der Insassen vor dem Besuch schnell von
700 auf
250 gesenkt worden.
Vor allem aber
stellte die EU-Mission fest, dass Ausländer- und Flüchtlingspolitik in
Libyen
völlig willkürlich erfolgt. ´Die libyschen Behörden lieferten keinerlei
Information über Prozeduren und Kriterien der Festhaltung. Anscheinend
wurden
viele der in den Lagern angetroffenen Immigranten auf rein zufälliger
Basis
festgenommen. Die Entscheidung über die Repatriierung der Immigranten
in ihre
Herkunftsländer erfolgt anscheinend auf der Basis von
Nationalitätsgruppen,
statt auf Basis einer detaillierten Einzelfallprüfung.´
Italiens Regierung wird jetzt zu erklären haben, woher sie die
Sicherheit
nimmt, dass die 1.500 in den letzten zehn Monaten von Lampedusa nach
Tripolis
Abgeschobenen in Übereinstimmung mit der - von Libyen nie
unterzeichneten -
Genfer Flüchtlingskonvention behandelt werden; und wozu Rom 1.000
Leichensäcke
nach Tripolis schickte. Steckt dahinter die Gewissheit, dass bei der
Vorwärtsverteidigung
Europas auf libyschem Boden reichlich Opfer anfallen?” (taz 30.04.2005)
Wie
aus dem Bericht der Technischen Delegation der EU-Kommission konkreter
hervorgeht, ist eines der Lager bereits mit italienischen Geldern im
Norden des
Landes errichtet, zwei weitere würden im Süden in Kufra und Sebha
gebaut. Der 2005-Jahresbericht des
italienischen Rechnungshofs (Corte
dei Conti) nennt diesbezüglich die Lager in Gharyan (bei Tripoli) und
in Sebha.
Dem Bericht ist zu entnehmen, dass die EU-Vertreter bei ihren
feldforschenden Besuchen einiger Lager mit dem Habitus von
Menschenrechtsvertretern viele nichtlibysche Lagerinsassen individuell
befragten. Sie stellten übereinstimmend fest, dass die Gefangenen
rundum nicht
wussten, warum sie festgenommen worden waren und wie lange die Haft
dauern
würde. Generell hatten diese keine Möglichkeit, Kontakt nach außen,
etwa zu
Familienangehörigen oder Anwälten, aufzunehmen. Der Bericht vermerkt
weiter,
dass sie nicht nach MigrantInnen oder Flüchtlingen unterschieden
wurden. In der
Bewertung heißt es dann aber nicht etwa, dass diese Fakten einer
EU-Kooperation
entgegenstünden. Im Gegenteil zeigten sich die EU-Reisenden geradezu
begeistert
über die Möglichkeiten einer künftigen Zusammenarbeit. Die EU-Vertreter in der Technischen Delegation
der
EU-Kommission– allesamt hochrangige Beamte aus den Innenministerien,
aus
Polizei, Grenzpolizei und Asylbehörden – zogen folgende Konsequenz aus
den
eklatanten Zuständen: Der Bericht empfiehlt mit allem Nachdruck, sofort
und umstandslos
die ”Kooperationsangebote” Libyens anzunehmen.
Aus
Libyen sollen in drei Jahren die Verhaftungen von Staatsangehörigen aus
den
Nachbarstaaten Niger, Sudan und
Mali von 895 auf 4.308 angestiegen sein. (IOM
2005: 79) Ende
2004 gab der libysche Innenminister Mabruk kommentarlos bekannt,
Tripolis habe
in den vergangenen Wochen rund 40.000 ”Migranten” außer Landes
geschafft. Der
Bericht der Technischen Delegation der EU-Kommission gibt an, dass die
libysche
Regierung mit italienischen Geldern auf dem Luftweg 5.688 Personen
abgeschoben
hat, und zwar vor allem nach Ägypten, Ghana und Nigeria.
Wenn man
die
Abschiebestatistik untersucht, so wird man die Abschiebungen in die
südlichen
Nachbarländer Libyens genauer betrachten müssen. Denn viele
BewohnerInnen der
libysch-nigrisch-malischen Grenzregionen haben keine eindeutige
Staatsbürgerschaft und keine entsprechenden Papiere. Familienbande und
mobile
Lebensweisen richten sich dort nicht nach den Grenzen, die der
Kolonialismus
gezogen hat. Außerdem gibt es dort bislang keine Grenzmarkierungen und
–überwachungen. Im Gegenteil: die dortigen Bevölkerungen stellen den
libyschen
und anderen nordafrikanischen Polizeien und Militärs die nötigen
Wüstenführer.
Die rigide
Klassifizierung der Bevölkerung in Libyen nach ihrem Aufenthaltsstatus
wird in
den Grenzregionen soziale Verwerfungen hervorrufen, denn bislang
konnten die
Staaten dort nicht ihre Personenstandskriterien durchsetzen. Die mobile
Lebensweise und die grenzüberschreitenden familiären Lebensverhältnisse
sind für
die dortigen Bevölkerungen überlebensnotwendig. Ein neues Grenzregime,
wie auch
in dem Bericht der Technischen Delegation der EU-Kommission anvisiert,
richtet
sich somit nicht nur gegen die Flüchtlinge und MigrantInnen in den
libyschen
Großstädten und auf den Erdöl- und Erdgasfeldern, und nicht nur gegen
die
lokalen Bevölkerungen rund um die Petroindustrie, sondern auch gegen
die
Wüstenbevölkerung. Lokale Aufstände im Süden machen seit vielen Jahren
den
nordafrikanischen Staaten zu schaffen.
Im August
2004
vermelden die Medien: ein Strategiepapier der Römischen Regierung sieht
vor,
dass italienisches Militär und diverse Polizeieinheiten mit Jeeps,
Flugzeugen
und Schiffen die Landesgrenzen Libyens mitüberwachen, also 2.000 km
Küste und
4.000 km Wüstengrenzen. Ghaddafi fordert, dass Italien eine 3.000 km
lange
Autobahn längs der Küste für 3 Mrd. Euro baut, auch als Entschädigung
für den
Kolonialismus. (Berliner Zeitung 26.08.2004) Ab Mitte September 2004
sollen
italienische Militärs und Polizeieinheiten mit den libyschen Behörden
gemeinsame Grenz-Patrouillen aufnehmen. (FAZ 26.08.2004)
Die aktuelle
systematische
Einbindung Libyens und der südlichen Mittelmeerländer zielt auch
darauf, die
grenzübschreitenden Fluchtwege zu zerschlagen. Die langen Routen über
Mali,
Niger und andere Länder in die Maghrebstaaten werden seit ungefähr 2003
ausgeforscht. Aus den Erkenntnissen entstehen, offensichtlich in
Übereinstimmung mit den ausgreifenden US- und EU-Militärplänen zur
Sahelzone,
Schwerpunkte künftiger militärisch-polizeilicher Intervention. Von
besonderem
Interesse scheinen die Punkte zu sein, wo sich die Transsahara-Wege
kreuzen und
gabeln – es sind dieselben Orte, die für die Karawanen Jahrhunderte
lang
wichtig waren und auf die es die kolonialistische Wüstendurchdringung
besonders
abgesehen hatte.
Der Bericht der Technischen
Delegation der EU-Kommission sieht die
EU-Libyen-Initiative in diesem Sahel-Kontext. Konkret gehe es darum,
dass die
Kommission in einer Pilot-Initiative die Zusammenarbeit mit dem Niger
auf dem
Gebiet der Migration prüft und zu diesem Zweck eine Mission auf den Weg
schickt. (EU-Kommission 2005b)
Ein Kapitel in dem
Kommissionsbericht ist als ”Case Study”
aufgemacht, zum Thema ”The Niger-Libyan Connection” (EU-Kommission
2005b). Mit
Material des ICMPD wird da die bilaterale Migrationslage in einem
Umfeld von
Schmuggel und Bevölkerungsexplosion (in der Wüste!) dargestellt. Der
länderübergreifende Kampf gegen den im Nordniger angeblich agierenden
Terrorismus könnte Libyen und Niger auch in der Migrationsbekämpfung
und im
Aufbau eines entsprechenden Grenzregimes zusammenbringen.[22]
Zu den Verhältnissen in den
anderen
nordafrikanischen Ländern lassen sich folgende disparate Notizen
zusammentragen, die bislang nicht nur ein uneinheitliches Bild ergeben,
sondern
selbst auch disparat und unsystematisch Auskunft geben:
Mauretanien: Im Mai 2005 hat die Gendarmerie in
Zouérate, einer
Bergarbeiterstadt 900 Kilometer nördlich von Nouakchott, eine Gruppe
von 46
Sans Papiers aus Mali, dem Senegal, der Elfenbeinküste, Gambia und aus
Indien
festgenommen, die nach Marokko weiterreisen wollten. Fluchthelfer
konnten nicht
verhaftet werden. Schon 2004 wurden zahlreiche Sans Papiers aus dem
Land in
ihre Herkunftsländer mithilfe der IOM abgeschoben.
(PANA 07.05.2005;
<http://www.angolapress-angop.ao/noticia-f.asp?ID=339215>) Diese
Meldung
zeigt an, dass die IOM in weiter abgelegenen Ländern zu illegalen
Mitteln
greift: In den europäischen Staaten ist es weiterhin enorm schwierig,
Sofortabschiebungen nach West-, Zentral- oder Ostafrika oder auf den
südindischen Kontinent durchzuführen. Abschiebungen völlig ohne
Papiere, nur
mithilfe sofortigen Schmiergelds, sind in der EU derzeit noch nicht
durchsetzungsfähig, die Ausnahmen, die es ohne Zweifel gibt, verletzen
nationales
und internationales Recht.
Marokko hat im Juni 2003 gesetzliche und
institutionelle
Neuerungen eingeführt: Ein neues Ausländergesetz nach Schengener
Vorgaben, die
Zusammenführung aller migrationspolizeilichen Angelegenheiten in einem
”Migration-
und Grenzkontrolle-Direktorat” und der Aufbau eines marokkanischen
Migrations-Observatorium erfolgten zu diesem Zeitpunkt. (EU-Kommission,
2004b) Ein Bericht der UNO (UNHCR
2003) konstatiert, dass ”es
nicht genügend klare Informationen über den Flüchtlingsstatus bei den
Behörden
gibt, die die öffentliche Ordnung, die Grenzen zu Luft, zu Wasser und
zu Lande
zu kontrollieren haben, wie auch bei den Justizbehörden.” (UNHCR 2003)
Die statistischen Angaben zu
Abschiebungen
aus Marokko schwanken je nach Herkunft enorm. Einerseits heißt es, dass
jährlich höchstens 23. bis 25.000 Transitflüchtlinge und MigrantInnen
aus
anderen afrikanischen Ländern Marokko durchqueren. Auf der anderen
Seite soll
es in 2004 116 Razzien und Abschiebungen von 56.000 Personen gegeben
haben. Die
kanarische Regierung hat kürzlich ”angeboten, in Marokko
Auffanglager für Jugendliche, denen dort
eine Berufsausbildung ermöglicht werden soll, mit jährlich 1,2
Millionen Euro
zu finanzieren. Marokko hat dem Vorschlag - er ähnelt einer früheren,
unter
anderem in Spanien kritisierten Anregung von Bundesinnenminister Schily
- im
Prinzip zugestimmt. Über Einzelheiten muss noch verhandelt werden.”(FAZ
04.08.2005)
Ceuta und
Melilla: In
den Wäldern vor den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla leben
afrikanische
Flüchtlinge und MigrantInnen seit Jahren in selbstgeführten Lagern. Von
dort
aus bereiten sie ihre Flucht über den EU-Zaun der Enklaven vor. (vgl.
Kapitel
VII) In immer häufigeren Abständen werden diese Lager nun von
Polizei-Razzien heimgesucht.
Die Folge sind nicht nur Verhaftungen und Abschiebungen, sondern auch
eine
drohende dauerhafte Trennung der Flüchtlinge von der lokalen
Bevölkerung, die
sich inzwischen kaum mehr traut, Wasser und Lebensmittel an die
Vorbeikommenden
gratis auszugeben oder zu verkaufen. Die französische
Flüchtlingshilfsorganisation Cimade hat 2004 einen Bericht über die
Flüchtlinge
in Gourougourou veröffentlicht. (Cimade 2004) Amnesty International hat
in
einem Bericht 2005 auf die zunehmenden Razzien und Ausweisungen in
Marokko
kritisch hingewiesen. Im Detail heißt es dort auch, dass die
strafverfolgenden
Behörden dabei nicht nur Gewalt anwenden, sondern dass sie auch Folter
in der
Haft praktizieren. Auch in bestimmten Stadtteilen von Rabat und Oujda
unternimmt die Polizei immer häufiger Razzien gegen Flüchtlinge und
MigrantInnen.
Im Februar 2005 haben die
Behörden der Stadt Nador das Lager
Gourougourou bei Melilla geräumt, wo ungefähr 500 Flüchtlinge aus West-
und
Zentralafrika gelebt hatten, unter ihnen auch Frauen und Kinder. Im
April 2005
haben strafverfolgende Behörden zwei Nigerianer nahe an der Grenze zu
Melilla
erschossen. (ai 2005) Seit Mai 2005 führt die Polizei ständig Razzien
gegen das
Lager Belyounech bei Ceuta durch. Am 5. Juli 2005 hat die Polizei dabei
ungefähr 20 Flüchtlinge aus West- und Zentralafrika festgenommen.
Weitere
selbstgeführte Lager liegen im Norden in Tanger (Mesnana), im Süden in
der
Westsahara, gegenüber den Kanarischen Inseln, bei El
Aioun und Dejla, und im Osten in Oujda. (apdha 2004)
Der meistgenutzte Weg von
Transitflüchtlingen und –migrantInnen
nach Marokko führt durch die Sahara nach Algerien, und von dort nahe
der
Mittelmeerküste über die Grenze in die marokkanische Stadt Oujda. Dort
gibt es
auf dem Universitätsgelände ein improvisiertes, von Flüchtlingen
selbstgeführtes Lager zur kurzzeitigen Unterkunft. Von dort aus teilen
sich die
Wege entweder in Richtung marokkanische Großstädte, oder direkt an die
Mittelmeerküste, oder eben in Richtung der beiden spanischen Enklaven.
Über diese
Stadt Oujda schieben die marokkanischen Behörden viele festgenommene
Sans
Papiers auch wieder ab, entweder auf dem Landweg nach Algerien, oder
auf dem
Luftweg nach Nigeria oder andere Städte. Die Grenze zwischen Algerien
und
Marokko ist derzeit noch geschlossen, aber die Bevölkerung und die
Durchreisenden wissen sich zu helfen. Am 18.06.2005 veröffentlichte Le
Journal
eine Reportage über die Stadt und die Grenzverhältnisse, die hier im
Folgenden
gekürzt wiedergegeben wird. Man muss sich vor Augen halten, dass
staatliche
Willkür, Abschiebungen, Razzien gleichzeitig stattfinden mit Schmuggel,
Nischenökonomie und informellem Reiseverkehr über unkontrollierte
Pisten
jenseits der geschlossenen Grenzkontrollpunkte.
Oujda, die Hauptstadt des
marokkanischen Ostens, liegt 15
Kilometer von der algerischen Stadt Maghnia entfernt. Man hofft auf
eine
baldige Grenzöffnung, auf den Wiederaufschwung des Handels und darauf,
dass
sich Familien wiedersehen können. Es gibt viele Familienbande über die
Grenze
hinweg zwischen Oujda und Oran, Tlemcen oder Maghnia. Bislang sind die
Leute
aus Oujda gezwungen, das Flugzeug über Casablanca zu nehmen, um auf die
andere
Seite zu kommen. Das kostet [umgerechnet] 300 Euro. Aber auch wenn die
Grenzen
jetzt noch geschlossen sind, sind die Straßen Oujdas voll mit
algerischen
Touristen. Dasselbe gilt auch für die Leute aus Oujda, die für
[umgerechnet]
100 Euro hin und zurück nach Oran fahren, und zwar mit den berühmten
Renault 18
der Schmuggler und Schleuser.
Das
grenzüberschreitende Business ist in den 10 Jahren der Grenzschließung
nie
verschwunden. Ganz im Gegenteil. Das Brot, das man in Oujda isst, kommt
aus den
Bäckereien Maghnias. Das algerische Benzin nutzt die lokale
Bevölkerung. Es
kostet nur halb so viel wie an der marokkanischen Tankstelle. Die
Zigaretten
”made in Algeria” machen den Schmuggel-Zigaretten der US- und der
spanischen
Firmen Konkurrenz. Die Lebensmittel und Medikamente, die Elektrogeräte
und
Autos aus Algerien sind viel begehrter als die in Marokko legal
verkauften Artikel.
Auf die algerische Seite der Grenze gelangen Früchte, Oliven,
Textilien, Schuhe
und Haschisch aus Marokko. Die Grenze ist also porös in beide
Richtungen.
Tausende Jugendliche leben von diesen Geschäften.
Algerien: El
Watan meldet am 13.07.2005: 3.234 ”klandestine Migranten” wurden von
der
nationalen Gendarmerie im ersten Halbjahr 2005 an der algerischen
Südgrenze
festgenommen. Von diesen blieben 815 länger in Haft, 175 wurden auf
freien Fuß
gesetzt und 2.244 abgeschoben. Unter den Festgenommenen waren 316
Asiaten,
darunter 136 Syrer, 88 Inder, 51 Bengalen und 41 Pakistanis. Aus den
beiden
südlichen Nachbarstaaten Niger und Mali kamen 1.521 beziehungsweise 674
Personen. Aus diesen statistischen Angaben wird nicht deutlich, ob es
sich bei
den Festgenommenen aus Niger und Mali tatsächlich um
Süd-Nord-Flüchtlinge
handelt oder aber um lokale, mobile Sans-Papiers-Bevölkerungen, die
sich nicht
an die Grenzvorschriften halten. Die nationale Gendarmerie setzt bei
Tamanrasset in Südalgerien biometrische Kontrollgeräte ein, erhält aber
im
Unterschied zu den marokkanischen Behörden bislang keine Unterstützung
aus der
EU bei ihrem Kampf gegen die illegale Einreise.
Unruhen in Tamanrasset, dem
wichtigsten Ort in Südalgerien: El
Watan berichtet am 12.07.2005, dass wütende Jugendliche die Stadt
Tamanrasset
plündern. Die Stadt liegt 2.000 Kilometer südlich von Algier. Die
Region erlebt
seit drei Tagen eine Protestwelle aufgrund von ”schlechtem Milieu,
Arbeitslosigkeit und der Verteilung von Wohnungen, die als ungerecht
beurteilt
wird”. Andere sagen, dass die Unruhen auf fehlendes Engagement und
wenig
Präsenz lokaler Behörden zurückzuführen ist. Ein großer Teil des
Gebäudes des
Provinzparlaments (Volksversammlung des Wilaya) ist vorgestern in Brand
gesetzt
worden, wie auch die Sitze der Moudjahidin-Partei, der Jugend-, Sport-,
Handels- und Transportverwaltung. Ebenso erging es dem Sitz der Sonarem
(Leitung der Bergwerke) und dem Arbeitsamt. Ein Fahrzeug der Enor
(Gesellschaft
der Goldminen des Hoggar-Gebirges) ist abgebrannt und ein weiteres
entwendet
worden. ”Am Montag schien Tam (Tamanrasset) wie im Ausnahmezustand zu
sein.
Fast kein Verkehr auf den Straßen der Stadt, mehr und große Spannung”,
heißt
es. Von außerhalb der Stadt sind noch immer Rauchfahnen zu sehen.
Bewohner der
Innenstadt raten in Telefongesprächen davon ab, dass man derzeit in die
Stadt
kommt. Schließlich wurde der große Markt gebrandschatzt, aber
gleichzeitig
heißt es, dass Händler die Wütenden beruhigen konnten. Es sollen
Kinder, und
nicht Jugendliche sein, die am Montag das Handelszentrum in Brand
gesteckt
haben. Verhandlungen der Behörden mit den Aufgebrachten hätten noch
nichts
ergeben. Unruhen hatte es Anfang Juli 2005 auch in Béchar im Südwesten
Algeriens gegeben, nachdem der Strom ausgefallen war.
AP Algier meldet am 11.05.2005,
dass Frankreich und Algerien ein
Abkommen zur polizeilichen Zusammenarbeit abgeschlossen haben. Die
Kooperation
erstreckt sich auf den Kampf gegen den Terrorismus, das organisierte
Verbrechen, den Handel mit Drogen und Fahrzeugen sowie gegen die
”klandestine
Migration”. Im Wesentlichen handele es sich um einen ständigen
Datenaustausch
über den Personenverkehr. Außerdem unterstützt die französische
Regierung den
Aufbau einer Polizeischule in Tamanrasset in Südalgerien.
Die Wegeverhältnisse, denen die
Transitflüchtlinge in der Sahara
ausgesetzt sind, seien an einem aktuellen Beispiel erläutert: El Watan
schreibt
am 05.07.2005, dass eine Gruppe, die Waffen aus dem Norden Malis nach
Algerien
schmuggeln wollte, am letzten Donnerstag von Einheiten der algerischen
Nationalen Volksarmee (ANP) zerschlagen wurde. Mindestens dreizehn
Terroristen
und ein Offizier der ANP kamen bei dieser Operation um, ein Helikopter
wurde
beschädigt. Es hat sich um einen Konvoi von drei Fahrzeugen gehandelt,
die aus
Kidal im Norden Malis in die Region Bordj Badji Mokhtar fuhren.
Kampfhelikopter
haben den Konvoi aufgespürt, noch bevor er die algerische Grenze
erreicht hat.
Eine intensive Bombardierung folgte dann, die Fahrzeuge wurden
zerstört.
Raketengeschosse haben aber einen Helikopter getroffen, und ein
ANP-Offizier
erlag auf dem Weiterflug nach Algier seinen Verletzungen. Die
ANP-Militärs
haben Verstärkung angefordert, die dann die Leichen identifiziert
haben. Es hat
sich um eine Bande aus Taoudenni gehandelt, die nach den Salzminen
Taoudenni
genannt werden, die in der Provinz Timbuktu liegen, und setzten sich
aus
Mitgliedern der algerischen GSPC und aus Hinzugestoßenen aus Mali, dem
Niger
und aus Mauretanien zusammen. Diese Gruppe war von Abderrazak El Para,
sein
wirklicher Name: Amar Saïfi, gegründet worden, der sich in algerischer
Haft
befindet, nach der Entführung von 32 westlichen Touristen Ende 2003 im
Süden
des Landes. 14 von ihnen waren in den Norden Malis verbracht worden,
bevor die
deutsche Regierung 5 Millionen Euro für ihre Befreiung bezahlte. El
Para war
von den tschadischen Rebellen gefasst und den algerischen Behörden
ausgeliefert
worden Danach hat Mokhtar Belmokhtar die Führung übernommen und die
Kontakte zu
Schmugglern und mit Honoratioren der Targuis in der Region ausgebaut.
Die
Targuis sind völlig verarmte Stämme in der Region. Vor wenigen Monaten
hat
Mokhtar Belmokhtar eine Versammlung mit 200 Personen in der Nähe der
Salzminen
von Taoudenni abgehalten, wo die Geiseln längere Zeit festgehalten
worden
waren. An dieser Versammlung haben sehr bekannte Schmuggler der Region
teilgenommen, und man muss hierbei an das Bündnis zwischen den
Schmugglern und
der GSPC erinnern. Die Schmuggler versorgen die GSPC mit Benzin und
dienen
ihnen als Führer, dafür sichert ihnen die GSPC freie Fahrt auf den
Straßen. Die
Operation der algerischen Nationalen Volksarmee (ANP) ist die zweite
dieser Art
in dieser Region. Die erste fand im Sommer 2003 bei In Salah statt,
auch damals
wurde ein Waffenkonvoi vollständig zerstört. Die jetzige Operation
findet
zeitgleich zu dem Manöver statt, an dem Spezialeinheiten der AMP seit
Anfang
Juni mit US-amerikanischen Truppen und Militärs aus sieben anderen
Ländern des
Sahel teilnehmen. Mit dem Manöver sollen Militärtaktiken geübt werden,
um
gemeinsam die Sicherheitszonen der Sahara besser unter Kontrolle zu
bekommen.
Tunesien hat seit Februar 2004 ein neues
Ausländergesetz und
setzt zur Grenzkontrolle 13.000 Polizisten ein, die von einer 12.000
Mann
starken paramilitärischen Truppe unterstützt werden. (EU-Kommission 2004c; IOM 2005: 79)
Das Land betreibt mit Geldern Italiens und der EU bislang 13
Abschiebegefängnisse, von denen elf vor der Öffentlichkeit geheim
gehalten
werden. Viele der aus Italien Abgeschobenen würden in die
tunesisch-algerischen
Wüste transportiert und dort ausgesetzt.
(Cuttitta
2004)
Mali: Die
Taz schreibt am 05.07.2005 zur ”Operation Wüstensand. G 8 und Afrika:
Militärhilfe als Entwicklungshilfe.
Die USA haben sich längst Afrika als nächsten Schauplatz im
Antiterrorkampf
ausgeguckt. Strategische Verbündete sind Südafrika - und im Norden
Mali. Die
bitterarme Sahel-Sahara-Region gilt als neue Brutstätte für al-Qaida.
Dass dort
Menschen hungern, interessiert dabei wenig. Es war eine Nachricht, die
zunächst
völlig unterging. Die US-Armee habe "historische" Antiterrormanöver
mit einer Reihe nord-und westafrikanischer Staaten begonnen, erklärte
der
US-Militärverantwortliche Holly Silkman Mitte Juni. "Noch nie haben so
viele afrikanische Länder an einer gemeinsamen Übung teilgenommen",
sagte
er und sprach von einer "gemeinsamen Maßnahme gegen Terrorismus an den
Grenzen der Sahara, um zu zeigen dass überall dort, wo es Terroristen
gibt, wir
auch da sind und sie jagen". Silkman äußerte sich in Malis Hauptstadt
Bamako, die genau im Zentrum des Einsatzgebietes lag. Das auf zwei
Wochen
angesetzte Antiterrormanöver vereinte neben Mali die Staatsgebiete von
Mauretanien, Algerien, Niger und Tschad - also die gesamte instabile
Sahara-Sahel-Region. Beteiligt waren neben diesen Ländern aber auch
Soldaten
aus Marokko und Tunesien sowie aus den wichtigsten westafrikanischen
US-Verbündeten Senegal und Nigeria. Eintausend US-Soldaten landeten für
die
Übung in der Region. Es ging um Kommunikation in schwierigem Terrain,
Ausbildung für Scharfschützen, Landen per Fallschirm. "Dies ist
hoffentlich der Beginn einer langen Beziehung", erklärte danach
Generalmajor Thomas Csmko im zuständigen US-Europahauptquartier Eucom
in
Stuttgart.
Kurz zuvor, am 3. Juni, hatte
die Region quasi den Ernstfall
erlebt. Ein Kommando der algerischen Islamistenguerilla GSPC
(Salafistische
Gruppe für Predigt und Kampf) war aus Mali kommend in Mauretanien
eingefallen
und lieferte sich dort Kämpfe mit der Armee, 15 Soldaten und fünf
Islamisten
starben dabei. Die GSPC bezeichnet sich selbst als Teil al-Qaidas und
war vor
zwei Jahren für die Entführung von 32 europäischen Touristen, darunter
auch
Deutsche, in Algerien verantwortlich. Die Touristen kamen im August
2003 nach
langwierigen Verhandlungen und einer Militäraktion in Mali nahe der
algerischen
Grenze frei. Das Grenzgebiet zwischen Mali, Mauretanien, Algerien und
Niger
gilt als Rückzugsgebiet von Waffen- und Menschenschmugglern sowie
Tuareg-
Rebellen und islamistischen Kämpfern. Sie alle nutzen den Umstand, dass
diese
riesige unwirtliche Gegend kaum staatlich zu kontrollieren ist. Die
Geiselnehmer wurden im März 2004 bei einer gemeinsamen Militäroperation
von
Mali, Niger, Tschad und Algerien auf tschadischem Gebiet geschnappt, in
einer
vom Pentagon unterstützten Aktion.
Die Achse Washington-Bamako:
Mali gilt als demokratisches
Musterland in Westafrika. 1991 schüttelte es per Volksaufstand seine
damalige
Militärdiktatur ab und ist seitdem eine stabile Demokratie. Der
Verantwortliche
für den friedlichen Übergang damals, der Militär Amadou Toumani Touré,
ist
inzwischen Präsident des Landes und verlässlicher Partner des Westens.
Sein
Vorgänger Alpha Oumar Konaré ist Präsident der Kommission der
Afrikanischen
Union (AU) und damit der wichtigste afrikanische Politiker, was
panafrikanische
Militärinterventionen angeht - die AU hat die Aufstellung von
Eingreiftruppen
wie bereits im sudanesischen Darfur zu ihrer Priorität erklärt und wird
dabei
von der Nato unterstützt. Mali entwickelt sich inzwischen zum
militärischen
Hauptverbündeten der USA in Afrikas Nordhälfte außerhalb der
bestehenden
Nato-Zusammenarbeit mit den Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und
Tunesien.
Schon im Sommer 2003 streute das Pentagon Pläne für "mobile
Militärbasen" in der Region. Im November 2003 verkündete die
US-Regierung
eine "Pan-Sahel-Initiative", um Mauretanien, Mali, Niger und Tschad
zu helfen, "Schmuggel, internationale Kriminalität und terroristische
Bewegungen" zu bekämpfen. Das 125 Millionen Dollar schwere Programm
beinhaltet
außerdem die Nutzung des Flughafens von Gao in Mali für US-Operationen.
Der
US-Kongress hat überdies 100 Millionen Dollar bewilligt, um ab 2007
fünf Jahre
lang Militärübungen in der Region in einer "Trans-Sahara-Initiative"
durchzuführen. Mali bekommt von der US-Armee vor allem Fahrzeuge und
ein
Satelliten-Navigationssystem.
Die Bush-Regierung nominierte
zudem im Mai als künftigen
Botschafter in Mali einen Terrorspezialisten: Terence Patrick McCulley,
bisher
Vizekoordinator für die Irakhilfe im State Department. Wie sehr Mali
inzwischen
durch die Terrorbrille gesehen wird, zeigt sich auch dadurch, dass Mali
und
Algerien von der französischen Regierung als Pilotländer für die
Einführung von
Visa mit biometrischen Daten ab 2006 ausgesucht worden sind. In der
Militärachse Washington-Bamako gibt es allerdings noch einen dritten
Partner:
Südafrika. Mit keinem anderen Land in Afrika arbeiten die USA so
intensiv
militärisch zusammen. Dreißig gemeinsame Militärübungen sind in diesem
Jahr
vorgesehen. Als Pate von Friedensprozessen in der südlichen Hälfte
Afrikas, wie
Kongo und Burundi, spielt das Land am Kap mehr und mehr eine wichtige
Rolle und
gilt als afrikanischer Anwärter Nummer eins auf einen ständigen
UN-Sicherheitsratssitz. Nicht von ungefähr baut nun Südafrika auch mit
Mali
seine militärische Zusammenarbeit aus. Am 5. Mai unterschrieben die
Verteidigungsminister beider Länder ein Abkommen über militärische
Zusammenarbeit. Malis Armee soll logistisch gestärkt werden, um ihre
Interventionsfähigkeit zu verbessern. Es bahnt sich ein Dreierbündnis
Washington-Bamako-Pretoria an.
Die Rolle des Öls: Für all dies
gibt es nicht nur strategische
Interessen. Mali ist Afrikas drittwichtigster Goldproduzent, und drei
südafrikanische Firmen fördern 90 Prozent von Malis Gold Iamgold,
Randgold und
AngloGold-Ashanti. Südafrikas Stromgesellschaft Eskom betreibt das
wichtigste
Kraftwerk der Sahel-Region, Manantali, auf malischem Gebiet.
Südafrikanische
und US-Firmen interessieren sich überdies für Öl in Mali - die gesamte
Sahel-Region,
von Mauretanien bis Tschad, ist derzeit Objekt intensiver
Ölprospektion. Fünf
internationale Ölfirmen schürfen im Norden Malis nach dem schwarzen
Gold. Die
geologischen Bedingungen seien identisch mit denen in Südalgeriens
Ölgebieten,
sagt Mamadou Simpara, Direktor der staatlichen Ölbehörde Aurep. Er
meint genau
die Gegend an den Grenzen zu Algerien und Mauretanien, in der
"Terroristen" vermutet werden. Unter all diesen Umständen sorgt jede
Unruhemeldung aus Mali für internationale Nervosität. Als am 27. März
Malis
Fußballnationalmannschaft zu Hause gegen die von Togo verlor, brachen
in Bamako
gewaltsame Unruhen aus, wie sie das Land lange nicht mehr erlebt hatte.
Nicht
nur Sporteinrichtungen fielen wütenden Hooligans zum Opfer, sondern
auch Nachtklubs
und Bars im Besitz westafrikanischer Ausländer, Libanesen und Chinesen.
Zeitungen vermuteten rasch Islamisten hinter dieser offenbar gezielten
Gewalt.
Schon in den Vorjahren hatte
Mali tatsächlich mehrere Gewaltakte
radikaler Muslime erlebt, 2002 vereitelten die malischen und
algerischen
Geheimdienste ein GSPC-Attentat auf die US-Botschaft in Bamako. Doch
für
Premierminister Ousmane Issoufi Maiga, im Volksmund "Pinochet"
genannt, ist all das eher Ausdruck sozialer Unzufriedenheit. Ein
offensichtlicher
Grund ist sicherlich die zunehmende Armut und die schlechte
Ernährungslage: Die
Heuschreckenplage von 2004 gekoppelt mit einer Dürre haben dieses Jahr
zu einem
Lebensmitteldefizit von 500.000 Tonnen und einer Hungersnot geführt.
Ausgerechnet die USA sorgen dafür, dass sich die ökonomischen
Zukunftsaussichten Malis eher verschlechtern. Die Subventionen für
US-Baumwollbauern, die zu einer Überproduktion auf dem Weltmarkt
führen,
treiben Westafrikas Baumwollindustrie systematisch in den Ruin und
damit auch einen
Großteil der Landbevölkerung von Mali, Burkina Faso, Togo und Benin.
Kein Land
ist davon härter betroffen als Mali, dessen Exportwirtschaft zu
Kolonialzeiten
um den Baumwollanbau herum strukturiert wurde. Ob Gold, Öl und
US-Militärs
dafür einen Ersatz bieten können, ist fraglich.”
In diesen Tagen der
Artikelfertigstellung
wird weltweit bekannt, dass in Niger eine akute Hungersnot gewaltigen
Ausmaßes
herrscht. Sie hatte sich seit langem angebahnt, aber es heißt, die
Öffentlichkeit habe sie vorher nicht wahrnehmen wollen. Deswegen laufen
erst
jetzt die ersten internationalen Hilfsmaßnahmen an, wo es für viele
Tausende,
vor allem Kleinkinder, bereits zu spät ist. Seit spätestens 2003
bereisen den
Niger und andere angrenzenden Staaten Fact-Finding-Missions, Experten
und
Vertreter Internationaler Organisationen. Ihr explizites Ziel ist es,
die
Ursachen von Flucht und Migration zu erkunden und Mittel zur Eindämmung
der
”irregulären” Wegwanderung zu empfehlen. Der zunehmende Hunger im Niger
kann ihnen
nicht entgangen sein. Doch in den flüchtlingspolitischen
Strategiepapieren der
letzten drei Jahre findet man dazu kein Wort. Auch dass Niger das Land
ist,
dessen Uran-Vorkommen weltweit an dritter Stelle stehen, wird bislang
nicht in
diesem Kontext diskutiert.
Das
Containment der Fluchtbewegungen soll auch in Nordafrika, auch in der
Sahel-Zone, mit einem neuen Grenzregime bewerkstelligt werden. Auch
wenn hier
nicht der Platz ist, um der Frage nachzugehen, welche Umstände diese
Hungersnot
im Niger produziert hat, so dürfte doch klar sein, dass die
gegenwärtigen
Militärmanöver, Razzien, Grenzüberwachungen und -schließungen die
Hungersnot
verschärfen. Handelt es sich um eine Hungersnot, die den Geopolitikern
und
Strategen eines neuen Nord-Süd-Verhältnisses gelegen kommt?
Wenn man am Schluss
dieses Aufsatzes zurückblickt, so wird man feststellen, dass das
Material und
die Notizen zu Südeuropa am dichtesten sind. Das liegt daran, dass die
nahen
Verhältnisse einfacher zu dokumentieren sind. Aber es mag auch der
Tatsache
geschuldet sein, dass die Ausweitung Europas in Europa selbst beginnt.
Wenn die
Lagerpolitik für die neue Expansion zentral ist, dann sind die in
Kerneuropa
entwickelten Sammellager, Ausreisezentren und Abschiebegefängnisse die
ausgereiftesten Produkte einer neuen staatlich-gesellschaftlichen
Formierung.
Die großen Aufnahme- und Abschiebelager im Süden Südeuropas sind
dagegen erst
zwei, drei Jahre alt. Die Nutzung alter Lagerstrukturen oder der Aufbau
neuer
Lager in Nordafrika spielt sich in der Gegenwart ab, ebenso der Ausbau
der
Meeresüberwachung. All das ist eine Entwicklung in Widersprüchlichkeit
und
Unklarheit, vielfach verschleiert noch von der Zukunft.
Erst recht gilt dies
für die Herausbildung eines neuen Grenzregimes in Nordafrika. Da es
sich nicht
nur gegen die afrikanischen Kriegsflüchtlinge richtet, sondern auch
gegen die
dortige ansässig-mobile Bevölkerung, wird es sich nicht um einen
einfachen
Transfer des Know-Hows von der Oder/Neisse (oder vom Rio Grande) in die
Sahara
handeln. Vielmehr stellt es ein Laboratorium gewaltigen geographischen
Ausmaßes
dar, in dem Petro- und Uraninteressen, Kriegsindustrien und die
internationalen
Dispositive des Antiterrorismus zusammenwirken. Es ist noch nicht so
recht zu
erkennen, ob die Bekämpfung der Mobilität lokaler Bevölkerungen und der
Transit-Fluchtbewegungen das eigentliche Motiv dieses neuen
Grenzregimes ist,
oder ob es nur als Ticket eines polizeilich-militärischen Aufmarsches
in der
Region dient. Denn die Frage, wie der afrikanische Kontinent südlich
der Sahara
vom Überleben der Menschheit abgekoppelt wird, überragt den
Fluchtaspekt.
Erinnert sei daran,
dass Europa schon einmal an der Durchdringung Nordafrikas und der
Sahara
gescheitert ist. Den Vorstoß französischer, spanischer, italienischer –
und
auch deutscher Truppen säumten damals Lager, Eisenbahntrassen (die
durch die
gesamte Sahara führten sollten), Militärstützpunkte, Giftgasbomben und
Minen.
Der dortige Kolonialkrieg gehört zu den blutigen Kapiteln der
europäischen
Geschichte, und er endete mit einem Rückzug historischen Ausmaßes.
Sicher besteht kein
offensichtlicher Zusammenhang zwischen der neuerlichen Ausweitung
Europas und
der Erinnerungsarbeit an die Koloniallager, die in diesen Jahren in
nordafrikanischen Geschichtswerkstätten einsetzt. Doch ist es eine
Frage der
Zeit, bis man die historischen Fäden der Gegenwart erkennen wird. Es
ist nicht
ausgemacht: ob, in welchem Umfang und in welcher Art die Lagerpläne des
Nordens
und die Planung eines neuen Grenzregimes Gestalt annehmen werden.
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[1] An der euro-mediterranen Partnerschaft (EMP) beteiligen sich neben der EU derzeit Ägypten, Algerien, Israel, Jordanien, Libanon, Marokko, die Palästinensische Autonomiebehörde, Syrien, Tunesien und die Türkei. Libyen verfügt seit 1999 über einen Beobachterstatus. Einen Überblick über die Entwicklung der EMP vermittelt die EU-Kommission (EU Kommission 2002 b). Weiteres offizielles Material zur EMP findet sich unter den Internetadressen: http://europa.eu.int/comm/europeaid/projects/med/index_en.htm; http://europa.eu.int/comm/external_relations/euromed; http://europa.eu.int/comm/world. Ein regierungsnahes Strategiepapier eines deutschen Ministeriums weist bereits im Jahr 2001 darauf hin, dass das Programm der euromediterranen Partnerschaft zu kurz greife. Es sei nötig, Alternativen auszuarbeiten. Möglicherweise müsse die südliche Mittelmeerbevölkerung in größerem Ausmaß ”subventioniert” werden, und grundsätzlich solle sich die EU auf ”worst case”-Szenarien einstellen (BMZ-Spezial 2001).
[2] Die Quoten, die Spanien und Italien jährlich für maghrebinische Werkvertragsarbeiter anbieten, haben vor diesem Hintergrund nur kosmetischen Charakter. Diese marginale legale Rotationsmigration ist nicht Gegenstand dieses Aufsatzes.
[3] Vgl. die dokumentarische Rückschau in dem Film von Leïla Kilani ”Tanger, le rêve des brûleurs” (Kilani 2002).
[4] EU-Fahnder schätzen den Anteil der ”illegalen” Fahrten auf Fähren auf 15 Prozent der heimlichen Mittelmeerpassagen. In den Sommermonaten werden nur 20 bis 30 Prozent der Passagiere nach Schengen-Regeln gecheckt. (Civipol 2003: 13 f.)
[5] Asociación Pro Derechos Humanos de Andalucía, APDHA (www.apdha.org); Asociación de Trabajadores e Inmigrantes Marroquíes en España, ATIME (www.atime.es); Andalucía acoge (www.acoge.org); Red Dos Orillas (http://redasociativa.org/dosorillas/). Inzwischen berichtet auch Indymedia auf einer eigenen Seite zu Migration in der Meerenge (http://madiaq.indymedia.org/news/2004/08/8578.php)
[6] Die Kanarischen Inseln liegen gegenüber von El Aiun, der Hauptstadt der Westsahara. Das Land war von 1940 bis 1976 spanische Kolonie. Marokko annektierte es nach dem Rückzug Spaniens. Viele Saharaouis leben bislang als Flüchtlinge in Wüstenlagern auf der algerischen Seite. Derzeit diskutiert die Unabhängigkeitsbewegung Polisario, ob sie den bewaffneten Kampf wieder aufnimmt. Sollten die Flüchtlinge aus den algerischen Lagern in die Küstenregionen zurückkommen, wird die heimliche Überfahrt auf die Kanarischen Inseln noch ganz andere Dimensionen annehmen.
[7] Association des amis et familles des victimes de l'immigration clandestine, AFVIC (www.afvic.fr.st).
[8] Die Investition in leistungsstarke Außenbordmotoren der ansonsten billigen Boote war möglich geworden, nachdem sich die italienische Wirtschaft – und auch die Schattenwirtschaft – nach 1990/91 nach Albanien hin ausgeweitetet hatte. Der Schmuggel und die Mafia hatten beispielsweise in Vlorë bedeutende Einkommenszweige geschaffen, auf denen dann die kommerzielle Fluchthilfe aufbauen konnte.
[9] Teile des Nachbarlands hatte Italien 1912 zum seinem Protektorat erklärt, 1939 hat Italien das Land okkupiert.
[10] Die militärische Rückführung der Flüchtlingsschiffe, mit der jedes Asylbegehren verunmöglicht wurde, veranlasste 1998 Amnesty International, eine schwere Rüge gegen Griechenland auszusprechen.
[11] BKA und BGS-Direktion arbeiten inzwischen direkt zur Flüchtlingsabwehr im Mittelmeerraum; auf der Website des BMI heißt es 2004: ”Im internationalen Projekt MARE werden z.Zt. unter Federführung Deutschlands (Bundeskriminalamt und Bundesgrenzschutzdirektion) Handlungsleitlinien für die Bekämpfung der international organisierten Schleusungskriminalität im Mittelmeerraum entwickelt.” http://www.bmi.bund.de/services/externalViews/ExternalViews.jsp?template=singleFrameset&category=artikel&ixepf=3825_artikel&categoryVariant=bmi_DF&Thema=64&language=de&hits=49&phits=95127%2c95083%2
[12] Der Bericht kann aus dem Internet heruntergeladen werden: http://www.statewatch.org/news/2005/may/eu-report-lybia-ill-imm.pdf
[13] Zum italienisch-albanisches Kooperationsabkommen der Stationierung italienischer Streitkräfte und Carabinieri in Albanien vom 28.08.1997 siehe EU: Albanien, Juni 1999, S. 9
[14] Die Civipol-Studie empfiehlt, dass diese ”Rettungs”-Interventionen vor der nordafrikanischen Küste auf keinen Fall von der spanischen oder italienischen Marine durchgeführt werden, sondern von den entfernteren EU-Staaten. Nur so könne die Kritik der nordafrikanischen Staaten abgefangen werden.
[15] Zentrum für die Überwachung der Landgrenzen in Berlin/Kehl; Zentrum für die Ausbildung/ Fortbildung der Grenzpolizeien (Österreich/Schweden), Zentrum für Kontrolltechnologie zum Aufspüren von Personen in Fahrzeugen (Großbritannien; anscheinend noch nicht in Funktion)
[16] Die PCU ist wohl identisch mit der Gruppe, die auf Bürokratendeutsch auch ”Gemeinsame Fachinstanz Außengrenzen” genannt wird.
[17] SCIFA (Strategic Committee for Immigration, Frontiers and Asylum) war als eine High-Level-Gruppe entsprechend des Amsterdamer Vertrags geschaffen worden, es berichtet dem COREPER (the Committee of Permanent Representatives) und ist beauftragt, strategisch zu Immigration und Asyl zu arbeiten. - SCIFA+ ist dieselbe Runde plus die Chefs der nationalen Grenzpolizeien. Laut griechischen Progress Report genehmigte SCIFA+ zwischen Juli 2002 und März 2003 den Beginn von 17 Projekten und entwickelte ein Netzwerk nationaler Kontaktpunkte für das Management der Außengrenzen. (Griechenland 2003) Die SCIFA+ wurde am 22.07.2002 eingerichtet. Hauptaufgabe: Implementierung des Aktionsplans nach den Vorgaben der Ratsitzung der EU in Sevilla. Jeden Monat ist SCIFA+ deswegen zu einer Sitzung zusammengetreten. (EU-Rat 2003 a) SCIFA und SCIFA+ wird von der Kommission wegen fehlender Effektivität kritisiert. Es habe zu große Teilnehmerkreise und eine allzu breite Agenda. Eine ”Emergency”-Einheit sei nötig. Das stärkte die Herausbildung der PCU.
[18] Der französische Plan sieht die Schaffung eines zentralen Migrationsdienstes und einer eigenen Migrationspolizei vor. Eheschließungen sollen stärker kontrolliert und mehr Personen abgeschoben werden. Der Migrationsdienst hat alle betroffenen Verwaltungsbereiche in Innen-, Justiz-, Sozial- und Außenministerium zu koordinieren. Die neue Migrationspolizei soll sich vor allem aus Beamten der Luft- und Grenzpolizei (PAF) zusammensetzen, die um 600 Mann aufgestockt wird. ”Sie wird sich ausschließlich mit der Aufdeckung von Schlepperbanden und mit der Abschiebung illegaler Einwanderer befassen”, sagte Villepin. Außerdem soll ein Zentralamt zur Bekämpfung der Schwarzarbeit eingeführt werden. Bestimmte französischen Konsulate sollen demnächst nur noch Visa mit biometrischen Informationen ausstellen. <http://www.lefigaro.fr/france/20050511.FIG0128.html>
[19] Um diese und die folgenden Zahlen in europäischen Vergleich zu setzen, seien die Abschiebestatistiken aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien zitiert. Deutsche Behörden schoben 2003 allein auf dem Luftweg 23.944 Flüchtlinge und MigrantInnen ab (BT-Drucksache 15/2564); die französische Regierung will das Ziel von 20.000 Abschiebungen in 2005 erreichen (Frankreich 2005); die britischen Behörden haben in 2002 65.460 Personen abgeschoben. (Großbritannien, Innenministerium, 28.08.2003, laut NCADC (National Coalition of Anti-Deportation Campaigns), August 2003)
[20] Laut dem Jahresbericht 2004 des italienischen Rechnungshofs (Corte dei Conti) haben italienische Behörden im Migrationsbereich für ”Kontrastaktivitäten” – d.h. Abschiebehaft, Abschiebungen etc. - , 2002 65,5 Millionen Euro, in 2003 164,8 Millionen Euro (ohne Notstandsmittel 115,5 Millionen Euro, davon 34 Millionen Euro für den Betrieb von Abschiebegefängnissen) für die Abschiebegefängnisse ausgegeben. In 2004 wurden 49,7 Millionen Euro für die CPTs ausgegeben: 40,8 Millionen Euro für ihre Verwaltung, der Rest für Instandhaltungsarbeiten. Hinzu kamen 26,3 Millionen Euro für 800 Polizisten, Carabinieri und Beamte der Guardia di Finanza, die mit der Bewachung der CPTs beauftragt waren. Die tatsächlichen Zahlen sind noch höher, da auch ein Teil der Integratiosmittel de facto in das private Geschäft der Abschiebeknäste und Abschiebungen fließt. Diese Mittel sind, wie übrigens auch die Integrationsmittel, insofern gedeckt, als die staatlichen Lohnnebenkosten- und Zwangsgeld-Einnahmen von Flüchtlingen und MigrantInnen diese Beträge übersteigen. (Corte dei Conti 2005; Martin 2003:78) Im Jahresbericht 2004 des italienischen Rechnungshofs heißt es weiterhin, dass in den italienischen Abschiebegefängnissen 2004 15.647 Personen inhaftiert waren, von denen 7.895 abgeschoben wurden.
[21] Amnesty International, french section, France ; ANAFE (Association nationale d'assistance aux frontières pour les étrangers), France ; APDHA (Association Pro Derechos Humanos de Andalucia), Spain; ARCI (Associazione Ricreativa e Cultura Italiana), Italy ; ASGI (Associazione per gli Studi Giuridici sull'Immigrazione), Italy ; Cimade, France ; FASTI (Fédération des associations de solidarité avec les travailleurs immigrés), France ; FIDH (Fédération Internationale des Ligues des Droits de l'Homme) ; FIDH-AE (FIDH-Association Européenne) ; GISTI (Groupe d’information et de soutien des immigrés), France; ICS (Consorzio italiano solidarietà), Italy ; LDH (Ligue française des Droits de l'Homme), France ; SOS-Racismo, Spain.
[22] ”Since there is Government concern about rebels in the North of Niger and international concern about possible terrorist links, this could offer a ground for a common understanding of the desirability of control and of addressing the issue of illegal immigration.”