Roma in Rumänien:

Nach der Abschiebung - vor der erneuten Rückreise in die BRD


(1995)


Warten in brütender Hitze. Links und rechts des Übergangs vom ungarischen Ort Nagylak zum rumänischen Nadlac entsteht eine Mondlandschaft. Bulldozer und LKW bewegen Landmassen. Auf der rumänischen Seite sind wir mit Roma verabredet, die aus Deutschland abgeschoben worden waren. Die schleppende Grenzabfertigung bringt uns eine Verspätung von fünf Stunden. Eine riesige Tafel klärt uns darüber auf, daß hier mit Mitteln des Phare-Programms der Europäischen Union ein neuer Grenzübergang gebaut wird - "Four You". Hier zwischen Ungarn und Rumänien verläuft die neue, vorgelagerte Grenze der Festung Europa. Die sogenannten Visegrad-Staaten, - zu ihnen gehört auch Ungarn - , haben die Flüchtlings- und Abschiebepraxis der EU weitgehend übernommen. Nach 1989 waren die Grenzen zunächst gefallen, in den folgenden Jahren konnten Menschen aus aller Welt unkompliziert hier passiern. Inzwischen endet hier die Busfahrt aus ungarischen Abschiebegefängnissen, die ungarische Grenzpolizei übergibt hier Flüchtlinge und MigrantInnen an die Rumänen.

Die Freude ist riesengroß, als wir Carmen und Bogdan auf der anderen Seite treffen. Eine Gemeinde im Brandenburgischen, die den beiden bis zum Sommer letzten Jahres Kirchenasyl gewährt hatte, hat Kleidung und alles Denkbare in den letzten Wochen gesammelt. Zusammen fahren wir in das nahegelegene Timisoara, in eine improvisierten Siedlung am Stadtrand. Feste Häuser gibt es dort nicht. Die Hütten bestehen aus Geäst, Laub und Plastikplanen. Neben Lehmgruben stehen meterhohe viereckige Türme, errichtet aus getrockneten Lehmziegeln und Holzkohle. Einige glühen noch. Drei Tage beläßt man die Meiler in ihrer Glut. Dann werden die rotgebrannten Backsteine abgebaut.

Armut und Exotik: Das Folklorebild einer in sich geschlossenen, sehr eigenen gesellschaftlichen Gruppe drängt sich auf. Doch jedes Gespräch durchbricht die Klischees. Fast alle sprechen deutsch, sie gehören zu den 80.000 rumänischen Roma, die in den letzten drei Jahren aus der BRD mit dem Flugzeug nach Bukarest abgeschoben wurden. Carmen und Bogdan fragen nach Leuten in Cottbus, in Potsdam, in Berlin. Ein junger Mann, der im letzten Monat vergeblich in Paris und Lyon um Asyl nachgesucht hat, dann für wenige Wochen nach Deutschland ging, in Abschiebehaft kam und abgeschoben wurde, ist erst drei Tagen hier. Vom Bukarester Flughafen in die Lehmgruben zum Ziegelbrennen. Es gibt keine Alternativen. Die Plackerei in den drei Sommermonaten ist die einzige Einkommensquelle des Jahres. Schon immer haben sie diese Arbeit gemacht und sich dementsprechend überregional organisiert, aber es scheint, daß die Flucht aus diesen Zwängen noch nie so nötig war wie heute.

Ein, zwei Jahre waren sie dieser Tradition der saisonalen Maloche entkommen: Damals waren sie den Aussiedlern nach Deutschland gefolgt. Den Roma saß der absolute wirtschaftliche Zusammenbruch und der aufflammende Rassismus im Nacken. Sie verließen Rumänien auf der Flucht vor bedrohlichen Hungersnöten und beginnenden Pogromen. Die übergroße Mehrheit der verarmten rumänischen Bevölkerung hatte dagegen nach der Privatisierung der Landwirtschaft Möglichkeiten zum Überleben gefunden. Schlließlich hat so gut wie jede Familie verwandtschaftliche Beziehungen zur kleinbäuerlichen Wirtschaft. Als die Löhne zwischen 1989 und 1993 ins Bodenlose fielen - heute liegt der Durchschnittslohn umgerechnet bei 120 DM, das seltene Arbeitslosengeld und die Rente bei 25 DM - , kam es zu lokal begrenzten sozialen Explosionen. Die wachsende Selbstversorgung hatte die gößte Not aufgefangen.

Nur die Roma gingen leer aus. Sie waren die ersten, die aus den Fabriken entlassen wurden. Bei der Privatisierung des Landes wurden sie systematisch übergangen - mit fadenscheinige Begründungen: Vor der Kollektivierung seien sie keine Landeigentümer gewesen, Roma hätten keine Rechte etc. Schätzungen gehen von über zwei Millionen Roma in Rumänien aus , das sind an die zehn Prozent der Bevölkerung. Die Renationalisierung Rumäniens führte sie in die Recht- und Schutzlosigkeit.

Seit 1990 forderten wiederholte Pogrome gegen Roma zahlreiche Tote. Amnesty international verweist darauf, daß die Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen wurden, und daß die Polizei keinen Schutz geboten habe.

Die Massenabschiebungen aus Deutschland stellten die Roma vor kaum lösbare Probleme. Es waren vor allem die Frauen, die das wirtschaftliche Überleben organisierten. Von ihrem Herkunftsort im Süden von Rumänien, von Craiova aus, haben die Roma, mit denen wir sprachen, die alten Netze der Ziegelarbeit in verschiedenen Teilen Rumäniens wiedererschlossen. Nicht alle ziehen für die drei, vier Sommermonate nach Timisoara, Sibiu oder Arad. Es sind meist die jungen Familien. Frauenarbeit überwiegt. Außerdem kochen sie für die Familie und versorgen die Kleinkinder und organisieren die sozialen Netze zwischen den Familien und verteilen das Wenige im Mangel.

Anschließend fahren wir in den Süden Rumäniens, nach Cladova , den Herkunftsort von Carmen und Bogdan. Hier leben 730 Roma-Familien in einem geschlossenen Stadtteil. Als Ziegelbrenner haben sie sich in den letzten Jahrzehnten ihre Häuser selbst gebaut. Ein Teil der Häuser hat zugemauerte Fenster und Türen: Ihre Bewohner sind zur Zeit in den Lehmgruben in anderen Regionen oder aber emigriert.

Die Frauen übernehmen die Verteilung der Dinge, die wir aus Deutschland mitgebracht haben. Es wir so lange aufgeteilt, auch im Streit, bis alles einigermaßen gleichmäßg zwischen den Familien verteilt war. Für uns, die aus einer individualistisch zugericheteten Gesellschaft kommen, ist dieser Umgang neu. Hieran wird deutlich warum die sogenannten Reintegrationsprojekte für Abgeschobene nicht greifen. Alle Vorhaben werden durch die Regeln des Aufteilen torpediert, so verhindert die Solidarität unter den Roma, daß eine Familie das Startkapital für ein Unternehmen anhäufen kann.

In Gesprächen mit den Roma wird klar, wohin die Reise ab kommenden Herbst gehen wird. Inzwischen kennen sie sich aus, sie wissen die Wege und fragen nach dem Risiko des Überlebens in Deutschland. Das Schengener Abkommen ist ihnen wohlbekannt. Für sie stellt es eine Bedrohung dar, doch für sie gibt es keine Alternative zur Rückreise, auch wenn sie wissen, daß sie bereits auf der Reise als Illegale gelten. Die jüngsten Kinder wurden bereits in Deutschland geboren, manche erst nach der Abschiebung. Die künftigen RückkehrerInnen empfinden es als ihr gutes Recht, dorthin zu gehen, wo sie überleben können. Zwar bietet sich ihnen in Deutschland nur Schwarzarbeit, Baracken oder die Enge bei Freunden an. Die Festung Europa werden sie jedoch nicht akzeptieren, denn die bedeutet für sie: Arbeit, Ausbeutung und Abgeschiebung - in die Ziegelgruben von Timisoara.

Text von Helmut Dietrich
[Gekürzt abgedruck in "Terres des Hommes" 5, 18.8.1995]