Die
EU beginnt mit der Einrichtung von Abschiebe- und Flüchtlingslagern
in Nordafrika –
mit tatkräftiger Unterstützung Libyens
(2004)
“Wie können Sie
die Konzentrationslager
vergessen, die die italienischen Kolonialisten in Libyen gebaut und in
die sie
Ihre große Familie, die der Obeidat, verschleppt haben? Warum fehlt
Ihnen das
Selbstbewusstsein, warum verweigern Sie sich nicht?” fragte der
libysche Intellektuelle
Abi Elkafi kürzlich in einem offenen Brief an den libyschen Botschafter
in Rom.
Der hatte die aktuelle Ausrichtung des Landes gen Westen mit
eingeleitet. “Ich
schreibe Ihnen wegen der widerlichen neuen Konzentrationslager, die auf
Veranlassung
der Berlusconi-Regierung auf libyschem Boden errichtet werden.”
Im
Juni 1930 hatte der italienische Gouverneur Libyens, Marschall Petro
Badoglio,
einen Großteil der damals 700.000 BewohnerInnen des Landes internieren
lassen.
In den Wüsten-KZs starben in zwei Jahren mehr als 100.000 Menschen an
Hunger
und Krankheiten. Zur gleichen Zeit rüstete Badoglio die 300 Kilometer
lange
libysche Grenze zu Ägypten mit einem stacheldrahtbewehrten Zaun auf.
Mit diesen
Maßnahmen zerschlugen die italienischen Kolonialisten den libyschen
Widerstand.
Das war ihnen jahrelang nicht gelungen, nicht mit Bombardierungen der
Dörfer
und Oasen aus der Luft und auch nicht mit dem Einsatz von Giftgas. Die
derzeitige italienische Regierung lacht über jede
Entschädigungsforderung,
schreibt Abi Elkafi.
Erste
glaubhafte Berichte über heutige Internierungslager in Libyen
erreichten die
westliche Presse vor vier Jahren. Im September und Oktober 2000 war es
zu
Pogromen gegen ArbeitsmigrantInnen in Libyen gekommen. 130 bis 500
SchwarzafrikanerInnen
wurden in der Hauptstadt Tripolis und Umgebung erschlagen. Um den
Hetzjagden zu
entkommen, flohen tausende Bauarbeiter und Betriebsangestellte aus dem
Niger,
aus Mali, Nigeria und Ghana nach Süden. Viele von ihnen blieben in der
Sahara
an Straßenkontrollen hängen und landeten in libyschen Militärlagern.
“Le Monde
Diplomatique” berichtet in diesem Zusammenhang von mehreren Camps, in
denen
schon seit 1996 MigrantInnen und Flüchtlinge interniert seien. In einem
sollen
6.000 Ghanaer und 8.000 Nigerer untergebracht worden sein. Der
ghanaische
Präsident Jerry Rawlings habe das Lager aufgesucht, um einige hundert
Landsleute zurückzuholen. Der Somali Consultative Council appellierte
am
22.02.2004 an Ghaddafi, “die somalischen Flüchtlinge, die sich in Ihrem
Land in
Haft befinden und vor zwei Wochen in den Hungerstreik getreten sind,
bedingungslos freizulassen und nicht nach Somalia in den Bürgerkrieg
zurückzuschicken.” Anfang Oktober hat das italienische Staatsfernsehen
RAI
Aufnahmen aus einem libyschen Flüchtlingslager gezeigt. Hunderte
Menschen waren
in einem Hof zu sehen, schwer bewacht, und in den Baracken solle es
nicht
einmal Schlafstellen geben. Aktuelle Berichte von Somalis, die jetzt
aus
Italien nach Libyen abgeschoben wurden, bestätigen die Existenz dieser
Lager.
Hatte
die libysche
Regierung diese Camps ursprünglich eingerichtet, um Großprojekten im
Süden
(“die Wüste begrünen”) nach Bedarf Arbeitskräfte zuzuführen? Oder
handelte es
sich um Maßnahmen zur Flüchtlingsabwehr im Transit? Jedenfalls ließ die
libysche Regierung schon vor einiger Zeit verlauten, dass
unkontrolliert
Einreisende möglichst im libyschen Süden festgesetzt und abgeschoben
werden
sollten. Dieser Tage gab der libysche Innenminister Mabruk kommentarlos
bekannt, Tripolis habe in den vergangenen Wochen rund 40.000
MigrantInnen außer
Landes geschafft.
Diese
Internierungen und Abschiebungen sind nun zur Vorgeschichte der in den
letzten
Monaten vor allem von Otto Schily propagierten Off-Shore-Lager der
Europäischen
Union geworden. Libyen ist das erste nichteuropäische Land, das seine
Lager de
facto in die Abschiebepolitik der EU integrieren lässt. Mit der
Luftbrücke nach
Tripolis, mit der seit dem 2. Oktober afrikanische Flüchtlinge aus
Italien
kollektiv abgeschoben werden, wurden erste Fakten geschaffen. Anfang
Oktober
2004 verkündete der designierte, dann aber gescheiterte EU-Kommissar
Buttiglione bei seiner Anhörung vor dem Europäischen Parlament in
Strasbourg,
die EU wolle keine eigenen “Konzentrationslager” in Nordafrika
errichten, wohl
aber die bereits existierenden Lager nutzen, ,,in denen Flüchtlinge
unter
schwierigsten Bedingungen lebten". Die Justiz- und Innenminister der EU
haben sich auf ihrem informellen Treffen am 30.9./01.10.2004 in
Scheveningen
prinizipiell darauf geeinigt, dass die EU die Errichtung von
“Aufnahmezentren
für Asylbewerber” in Algerien, Tunesien, Marokko, Mauretanien und
Libyen
anstrebt, aber nicht unter Leitung der EU, sondern der jeweiligen
Länder.
Weitgehend
unbemerkt von der Öffentlichkeit schaffen die EU-Staaten, die an der
EU-Außengrenze liegen, derzeit Voraussetzungen für ein neues
Abschiebesystem.
War es bislang, dass Flüchtlinge und MigrantInnen, die von der
Grenzpolizei
abgefangen wurden, nach wenigen Tagen ins Landesinnere gebracht wurden,
so gibt
es jetzt enorme Aufnahmekapazitäten in den Lagern auf den Kanaren und
auf den
süditalienischen und ostgriechischen Inseln. Aus der “Erstversorgung”
soll kein
Weg mehr in die europäischen Großstädte und in die ohnehin dürftigen
europäischen Rechtsverhältnisse führen. Die Einrichtungen an der
europäischen
Peripherie zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich am Rande von
Flughäfen auf
ehemals militärischem Gelände befinden, von paramilitärischen Truppen
bewacht
werden und selbst für den UNHCR kaum noch zugänglich sind. Der Kontakt
nach
außen ist enorm erschwert, wenn nicht unmöglich. Die Anlagen werden mit
modernen Gefängnisdispositiven gesichert. Auf den Kanarischen Inseln
sind vier
Lager mit insgesamt 1.950 Plätzen entstanden, in Süditalien und
Ostgriechenland
dürfte es sich um ähnliche Größenordnungen handeln.
Diese
Lager kennzeichnen zugleich eine gesellschaftliche Wende, die die
Staaten der
EU eingeleitet haben: Die Boat People wurden in den 90er Jahren rundweg
freundlich von der mediterranen Bevölkerung aufgenommen. Die
Staatsmacht rief,
wenn große Flüchtlingsschiffe ankamen, den Notstand aus und sperrte die
Angekommenen in Sportstadien weg – aber das war ein öffentliches
Ereignis, zu
dem viele AnwohnerInnen eilten, bepackt mit Kleidungsspenden, Decken
und Nahrungsmitteln.
Mithilfe der neuen Gefängnisanlagen trennt die Verwaltung nun
systematisch die
Boat People von der Gesellschaft und schafft die organisatorischen
Voraussetzungen dafür, dass Massenabschiebungen über die EU-Außengrenze
hinweg
möglich werden – jenseits jeglicher rechtlichen und gesellschaftlichen
Kontrolle. Extraterritoriale, rechtsfreie Räume entstehen am Rande
Europas.
Seit
Beginn der 90er Jahre findet man in den flüchtlingspolitischen
Strategiepapieren Westeuropas Hinweise darauf, dass die Asylverfahren
nach und
nach aus Europas ausgelagert werden sollten. Weltweit müsse dafür
gesorgt
werden, dass Flüchtlinge und unerwünschte MigrantInnen aus Afrika,
Asien und
Südamerika nicht mehr nach Europa gelangen können. Zum Kern des
Konzepts
gehören Lager in einem Ring um Europa.
Durchsetzbar
war das bislang nicht. Als nach dem Irakkrieg zu Beginn der 90er Jahre
eine
Flugverbotszone über Irakisch-Kurdistan festgesetzt wurde, unternahmen
deutsche
Stellen mehrere Vorstöße, die allerdings keinen Erfolg hatten: Sie
wollten
dieses Gebiet zum “sicheren Hafen” für irakische Flüchtlinge erklären,
in den
massenhaft abgeschoben werden könnte. Erst der NATO-Krieg um das Kosovo
ließ
die Fanatiker zum Zuge kommen. Innerhalb weniger Wochen Krieg war der
Kriegsschauplatz mit Flüchtlingslagern umstellt, in dem Hunderttausende
an
ihrer Weiterflucht in die EU aufgehalten wurden.
Zu
Beginn des gegenwärtigen Irakkriegs schlug Tony Blair vor,
Flüchtlingslager
unter Regie der EU, aber außerhalb der EU-Grenzen zu errichten. Seine
“New
Vision for Refugees” vom März 2003 sah vor, auch diejenigen, die einen
Asylantrag in der EU stellen, hinter die Außengrenzen zurückzuschieben.
In
Transit Processing Centres (TPC) vor den Toren der Union sollten
EU-Beamte
gemeinsam mit dem UNHCR und der berüchtigten International Organisation
for
Migration (IOM) ein Lageruniversum aufbauen. Von dort aus könnten sie
die
Flüchtlinge in “sichere” Zonen nahe den Herkunftsgebieten ausfliegen
und einige
wenige für den Einlass nach Europa aussieben. Nachdem der Plan in die
Öffentlichkeit gelangt war, ging er in einem Proteststurm unter.
Otto
Schily und Giuseppe Pisanu, der deutsche und der italienische
Innenminister,
haben die Idee im Sommer 2004 aufgegriffen. Die Europäische Kommission
sollte
in Zusammenarbeit mit dem maßgeblichen Schengen-Gremium (dem
“Strategischen
Ausschuß für Grenz-, Einwanderungs- und Asylfragen”) Vorformen “einer
europäischen Asylbehörde mit einer Auffangzuständigkeit” in Nordafrika
erproben
lassen. (Schily in der “FAZ”, 23.7.04) Praktisch war das als Vorschlag
zu
verstehen, die Boat People des Mittelmeers in Lager der arabischen
Staaten
zurückzubringen – in Kollektivverfahren, ohne individuelle Prüfung der
Staatsangehörigkeit, des Fluchtwegs und der Fluchtgründe. “Refoulement”
nennt man
das, und genau dagegen richtet sich die Genfer Flüchtlingskonvention.
Die
Verfassungen der europäischen Staaten wie auch die Europäische
Menschenrechtskonvention bekräftigen dieses Verbot. Doch handelt es
sich nicht
nur um die Verletzung der Menschenwürde von Asylflüchtlingen.
MigrantInnen, ob
sie nun vor Armut und Hunger oder aus anderen “ökonomischen” Gründen
fliehen,
erleiden in Internierungslagern in der Sahara oder bei der Aussetzung
auf
Wüstenpisten ein Schicksal gleich jenem, vor dem sie geflohen sind. Sie
sind
von Haft, Misshandlungen und Tod bedroht.
Erst
die jüngsten internationalen Entwicklungen haben die politische,
militärische
und ökonomische Landschaft derart verändert, dass nun die Wüstenlager
für
Schily und Pisanu in greifbare Nähe gerückt sind. Als erstes ist da ist
die
Politik der EU-Außengrenzen zu nennen, an denen die unerwünschten
Flüchtlinge
und MigrantInnen stranden sollen. Diese Politik findet seit der
EU-Erweiterung
und dem Antiterrorfeldzug unter anderen Bedingungen statt. 2001
schrieben das
deutsche und italienische Innenministerium in EU-Dokumenten ihr Ziel
fest,
einen EU-Grenzschutz aufzubauen. Damit sollten die unsicheren
Kantonisten unter
eine zentralisierte Kontrolle gebracht werden. Im Visier hatten die
Deutschen
und Italiener zunächst die nach Osten vorverlegten Grenzen. Doch die
neuen
Beitrittsländer sind von dem Vorhaben, dass ausgerechnet Deutsche
zusammen mit
anderen EU-Polizisten ihre Ostgrenze bewachen sollten, nicht
begeistert. Sie
fürchten, dass eine strikte Abschottung die östlichen Nachbarn gegen
sie
aufbringen wird. Zudem hat sich der Bundesgrenzschutz mit seinen
Praktiken an
Oder und Neiße bei der Beitrittsbevölkerung nicht beliebt gemacht, und
auch die
NS-Massaker, die deutsche Truppen in der Region am Bug anrichteten,
sind
durchaus noch in Erinnerung.
Die
Politiker der südeuropäischen Frontstaaten – so heißen sie inzwischen
in den
offiziösen EU-Dokumenten – haben dagegen weniger Skrupel. Die
antiterroristische Aufstellung gegen die arabisch-muslimische
Bevölkerung hat
diese Entwicklung hin zur harten Außengrenze nur bestärkt. Der
operative Kern
eines künftigen EU-Grenzschutzes, der sich im letzten Jahr informell
herausgebildet hat, stützt sich denn auch auf die mediterrane
Großregion. Das
Mittelmeer stellt die Kontrollfanatiker vor neue Herausforderungen. Es
geht um
die “virtuelle” Vorverlagerung der EU-Grenze auf die Küsten
Nordafrikas.
Bereits das Ablegen der Holzboote soll verhindert werden. Außerdem
fiebern die
Grenzpolizeien danach, zusammen mit den Militärs und Geheimdiensten
Europas und
der USA die Sahara-Sahel-Zone kontrolltechnisch zu durchdringen, also
gewissermaßen einen zweiten “Abwehr”-Ring um Europa aufzubauen. Neben
der
Flüchtlingsabwehr geht es dabei um die Absicherung der Erdöl- und
Erdgasförderung
in der Wüste. Das Grenzüberwachungsabkommen Italiens mit Libyen sieht
demzufolge eine internationalisierte Überwachung sowohl der 2.000
Kilometer
langen Küste wie auch der 4.000 Kilometer langen Wüstengrenze Libyens
vor.
Mit
gemeinsamen Patrouillen zu Schiff und mit dem Jeep ist das wohl kaum zu
schaffen. Kontrolltechniken, die aus den allerneuesten Kriegen stammen,
kommen
zusätzlich zur Anwendung. Das Ausspähen aus der Luft wird derzeit in
der
Flüchtlingsfahndung rund ums Mittelmeer erprobt, eingesetzt werden
Optronik und
Radartechnik.
Die spanische
Guardia Civil
hat den Überwachungsturm wiedererfunden. Aus der Höhe kann die visuelle
und
elektromagnetische Erkennungstechnik die Meerenge von Gibraltar und die
marokkanische Küste unaufhörlich automatisch abscannen. An anderen
Küstenabschnitten reicht der Blick aus der Höhe wegen der Erdkrümmung
nur auf
das offene Meer. Dennoch werden die Kanaren und die gesamte spanische
Südküste
jetzt mit der Turmtechnik ausgestattet. Man experimentiert dabei mit
einer Vernetzung
sämtlicher verfügbaren Daten in Echtzeit, um alle Schiffsobjekte im
erfassten
Bereich einheitlich identifizieren und weiterverfolgen zu können.
Derzeit wird
diese Technik unter dem Namen SIVE (Sistema Integrado de Vigilancia
Exterior)
auf die griechischen Inseln exportiert.
Italien
übt derweil den Einsatz von Drohnen, die später auch an den libyschen
Wüstengrenzen eingesetzt werden könnten. Im Oktober gab der
Luftwaffenchef
General Leonardo Tricarico bekannt, dass Italien fünf Predator-Drohnen
zum Preis
von 48 Millionen Dollar bei der kalifornischen Waffenfirma General
Atomic
Aeronautical Systems in San Diego gekauft hat. Eines der fünf ging bei
Übungsflügen in den USA zu Bruch. Mit dem Predator jagen die USA Al
Kaida; das
unbemannte Flugobjekt kann auch Raketen abfeuern. Tricarico erklärte,
dass die
italienische Luftwaffe die Drohnen sowohl gegen den Terrorismus wie
auch gegen
die irreguläre Migration einsetzen wolle. Ende Oktober 2004 will die
italienische Luftwaffe das erste Flüchtlingsschiff aus der Luft
aufgespürt
haben.
Die
Erprobung der neuen Techniken an der südeuropäischen “Front” wird in
sogenannten Ad-Hoc-Stellen der EU koordiniert, die als Vorläufer der
künftigen
EU-Grenzschutzagentur gedacht sind. Zwei dieser Stellen für die
Meeresüberwachung
befinden sich in Spanien und Griechenland, eines für die Überwachung
aus der
Luft in Italien. Eine weitere Ad-Hoc-Stelle dient der “Risikoanalyse”.
Nach dem
Vorbild des Versicherungswesens soll unter Mithilfe von Europol
berechnet
werden, wo an der Außengrenze gerade der größte Schaden durch
irreguläre
Migration droht. Dort soll dann überwachungstechnisch vorgebaut werden.
Die
Ad-Hoc-Stellen werden in Schengen-Gremien zusammengeführt, die
eigentlich
längst in den Institutionen des Amsterdamer Vertrags hätten aufgehen
sollen.
Diese Zirkel haben neue Machtzentren aus der Taufe gehoben, um
innerhalb von
fünf Jahren einen EU-Grenzschutz durchzusetzen. Im Jahr 2002 entstand
so
SCIFA+, die die Schengen-Runde mit allen EU-Grenzpolizeien vereinigt,
und im
Jahr 2003 die PCU, die Koordinationseinheit der Praktiker. Letztere
versteht
sich als Notstandszentrum, das über Brennpunkte an den Außengrenzen
eine
Zentralisierung der Kommandostruktur durchzupowern versucht. Seine
Aufgabe
sieht es in der Entwicklung präventiver Vorgehensweisen und in der
harten
Kontrolle der nationalen Grenzpolizeien.
Es ist schwer zu sagen, ob diese
EU-koordinierten
Praktiken bislang eher Fehlschlägen gewesen sind oder doch schon fatale
Wirkungen entfalten. Einerseits wird berichtet, dass eine EU-Übung
diverser
nationaler Flottenverbände, die in der Meerenge von Gibraltar und vor
den
Kanarischen Inseln durchgeführt werden sollte, wegen sprachlicher
Verständigungsschwierigen abgebrochen werden musste. Andererseits gilt
der
Einsatz von High-Tech als Wundermittel für die Motivation von
Grenzfahndern und
Marinesoldaten, die ihre Arbeit aufgewertet sehen. Die technisch
intensivierte
Fahndung in der Meerenge hat offensichtlich bereits dazu geführt, dass
Boat
People in gefährlichere Gewässer ausweichen. Jedenfalls kann man annehmen, dass diese
EU-Stellen daran beteiligt
waren, die Ankunft von Boat-People auf der italienischen Insel
Lampedusa im
vergangenen Sommer zum Notstand zu machen, der dann angeblich den
Einsatz
außergewöhnlicher Maßnahmen erforderte.
Man
muss sich vor Augen halten, dass Jahr für Jahr nach offiziellen
Schätzungen
400.000 bis 500.000 Menschen heimlich die EU-Südgrenze überqueren. Wer
es sich
leisten kann, kommt mit dem Flieger und einem gut gefälschten Pass. Wer
Verwandte und Bekannte hat, lässt sich vielleicht auf einer der Fähren
mitnehmen, die den massenhaften Urlaubsverkehr bewältigen. Nur die
Mittellosen
steigen in die Holzboote. Mehr als 10.000 Menschen sind nach
glaubhaften
Berechnungen seit 1992, also seit die EU-Mitgliedsstaaten Visapflicht
für die
südlichen Nachbarn eingeführt haben, im Mittelmeer ertrunken. Doch
nicht der
massenhafte Tod auf See veranlasst die europäischen Regierungen, den
Notstand
auszurufen, sondern die Ankunft von vielleicht 30.000 Boat People pro
Jahr. Auf
der Insel Lampedusa sind während des Spätsommers 2004 ungefähr 1.800
Personen
angelandet – sicherlich eine beachtliche Menge für eine kleine Insel,
aber eine
Kleinigkeit im Mittelmeervergleich. An ihnen statuiert der italienische
Staat,
und mit ihm die EU, derzeit ein Exempel. Es geht um Abschreckung.
Der
zweite Umstand, der die Wüstenlager Libyens in Reichweite von Pisanu
und Schily
brachte, ist ökonomischer Natur. Seit Mitte der 1990er Jahre hat
Ghaddafi die
Wirtschaft des Landes und damit die Erdöl- und Erdgasförderung
schrittweise
ausländischen Investoren geöffnet. Libyen ist neben Russland der
wichtigste
außereuropäische Erdöllieferant der Bundesrepublik, während Deutschland
nach
Italien der bedeutendste Warenlieferant Libyens ist. 2002 kündigte der
deutsche
Wirtschaftsminister eine ,,Außenwirtschaftsoffensive" gegenüber dem
Nahen
Osten und Nordafrika an, gemeint war vor allem die Investition in den
Erdöl-
und Erdgassektor der Region. Da stehen die Potentiale Libyens an erster
Stelle.
Das Land wies in den 70er Jahren die meisten deutschen Investitionen in
Nordafrika und im Nahen Osten auf, bevor die Wirtschaftskooperation
dann
heruntergefahren wurde. Nun sieht der Deutsche Industrie- und
Handelskammertag
für deutsche Firmen nicht nur in der Energiebranche, sondern auch in
den
Bereichen Infrastruktur, Telekommunikation und im Gesundheitssektor des
Landes
gute Chancen. Auch bietet die Versorgung der Bevölkerung mit
Nahrungsmitteln
einen großer Markt, da die meisten Lebensmittel importiert werden
müssen.
24.
März 2004. Der britische Premierminister Tony Blair ist zu Besuch bei
Ghaddafi.
Der niederländisch-britische Ölkonzern Shell erhält einen Großauftrag
zur
Förderung von Erdgas und Öl in Libyen in einem Umfang von 165 Mio.
Euro, der
zur Grundlage “einer langfristigen strategischen Partnerschaft” werden
soll.
Die Rede ist von “Waffen gegen Öl”, denn der Rüstungskonzern BAE kann
gleichzeitig Verhandlungen über umfangreiche Geschäfte mit Libyen
einleiten.
Libyens Streitkräfte wollen eine neue Ausstattung. Auf der Wunschliste
stehen
Nachtsichtgeräte und Flugradar ganz oben.
Im
Juli 2004 macht Libyen den Weg für die Beteiligung von ausländischen
Investoren
an Staatsfirmen frei. Die Regierung beschliesst die Privatisierung von
160
Staatsunternehmen. An 54 von ihnen sollen Ausländer nicht nur Anteile,
sondern
sogar die Mehrheit halten dürfen. Bis 2008 sollen insgesamt 360
Unternehmen
privatisiert sein. Ende Juli spricht sich die Welthandelsorganisation
(WTO) für
die Beitrittskandidatur des Landes aus. Im August 2004 führt die
Bundesregierung die Hermes-Bürgschaften für Libyen wieder ein.
Am
5. September 2004 versammelt der libysche Staat zahlreiche
Firmeninteressenten
aus aller Welt zu einer Präsentation neuer Erdöl- und Erdgasfelder. Der
neoliberal agierende libysche Ministerpräsident Shukri Ghanim macht
bekannt,
dass in den kommenden Monaten eine Versteigerung der
Förderungskonzessionen
stattfinden soll. Nach neuesten Schätzungen verfügt Libyen über die
achtgrößten
Erdölreserven weltweit. Momentan produziert Libyen 1,6 Mio. Fass Rohöl
pro Tag.
Ziel ist es, mithilfe zahlreicher neuer Investitionen aus dem Ausland
die
Produktion bis 2010 auf 2 Mio. zu erhöhen – 1970 lag sie bei 3,5 Mio.
Fass pro
Tag. Als attraktiv gelten die niedrigen Produktionskosten und die hohe
Qualität
des libyschen Rohöls.
7.
Oktober 2004: Der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi besucht
zum
vierten Mal in diesem Jahr Libyen: diesmal, um die Pipeline
“Greenstream” des
“West Libyan Gas Project” einzuweihen. Gebaut und betrieben wird sie
von dem
italienischen Energieriesen ENI, der die Nummer Eins bei den
Auslandsunternehmen in Libyen ist. Investiert wurden 6,6 Mrd. Dollar in
die
über 520 Kilometer lange Pipeline, die nun Erdgas aus dem libyschen
Mellitah
nach Sizilien liefert. Es ist das bis dato größte Mittelmeerunternehmen
seiner
Art und macht eine zweite Pipeline-Planung für algerisches Gas
hinfällig. Zur
Einweihung hat man den “Tag der Rache” in Libyen ausgewählt, an dem man
seit
den 1970er Jahren der Sieg über die Kolonialisten feiert. Doch aus
Rücksicht
auf Berlusconi macht Ghaddafi daraus nun den “Tag der Freundschaft” und
erklärt
die einst aus dem Land geworfenen italienischen Siedler zu willkommenen
Gästen.
11.
Oktober 2004: Die in Luxemburg tagenden EU-Aussenminister räumen die
politischen Hindernisse für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit
Libyen
beiseite. Der Ministerrat hebt die 1992 und 1993 von der Uno verfügten
Sanktionen auf. Auch das Waffenembargo wird durch das allgemeine
EU-Regelwerk
für Waffenausfuhren in Drittstaaten abgelöst. Voraussetzung war die
libysche
Zusage für Entschädigungen an die Angehörigen der Opfer des Anschlags
auf die
Berliner Diskothek im Jahre 1986 wie schon zuvor für die Zerstörung der
Pan-Am-Maschine über Lockerbie. Außerdem übernimmt Libyen die
neoliberalen
Grundsätze der Wirtschaft, so wie sie die Euromed-Partnerschaft
zwischen der EU
und den Mittelmeer-Anrainer-Staaten festgeschrieben hat.
14./15.
Oktober 2004. Bundeskanzler Schröder ist mit einem deutschem
Wirtschaftstroß
auf Besuch bei Ghaddafi. Schröder unterzeichnet ein bilaterales
Investitionsschutzabkommen und wohnt am Wüsten-“Bohrloch A 11” der
Vergabe von
Erdöl- und Erdgaskonzessionen an die deutsche Wintershall bei, eine
Tochter des
BASF-Konzerns, die schon seit 1958 im Land präsent ist und mit 1,2 Mrd.
Dollar-Investitionen zu den führenden ausländischen Produzenten in
Libyen
gehört. Auch der deutsche RWE-Konzern steigt während der Kanzler-Reise
in die
Erdöl- und Erdgasförderung in Libyen ein, und der deutsche
Siemens-Konzern erhält
Aufträge im Wert von rund 180 Mio. Euro. Schließlich geht es der
Bundesregierung noch um Auftragsvergabe für "technisches Material wie
Nachtsichtgeräte oder Wärmekameras für die Sicherung der Grenzen".
Schon
heute soll Libyen der Standort mit den meisten deutschen Investitionen
in ganz
Nordafrika sein. Im Abendprogramm weist Ghaddafi den Bundeskanzler
darauf hin,
dass Rommels Landminen noch immer für zahlreiche Unfälle sorgen und es
überfällig
wäre, sie zu räumen. Doch die deutsche Seite geht kommentarlos über
diese
Hinterlassenschaft hinweg.
Der
dritte Grund, der Schily und Pisanu zum Griff nach der Wüste
veranlasst, ist
militärischer Natur, und er ist auf das Engste mit der Grenzaufrüstung,
der
Lagerpolitik und der Erdöl- und Erdgasförderung verbunden: Die deutsche
Wirtschaft will ihre Investitionsziele in Nordafrika und im Nahen Osten
ganz
offen mit militärpolitischen Planungen abstimmen. Denn die
entsprechenden
Märkte seien ,,teilweise mit spezifischen Sicherheitsrisiken belastet”.
Deswegen führen der BDI und der Bundesverband der deutschen Banken am
11.
Februar 2005 in München ihre ,,Finanzierungskonferenz zur Region
Nordafrika
Mittelost" in direkter Verbindung zur dann ebenfalls stattfindenden
,,Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik” durch. Die
Sicherheitskonferenz
wird jährlich abgehalten und dient den westlichen Industriestaaten
dazu,
Militärpolitik und Kriegsplanungen aufeinander abzustimmen.
Außenpolitisch
werden dort im kommenden Februar also flüchtlingspolitische,
militärische und
wirtschaftliche Strategien gegenüber der Mittelmeerregion und Mittelost
miteinander verflochten.
Libyen
könnte bald wie Pakistan und die Türkei ein bevorzugter Partner des
Westens
werden, als Bollwerk gegen Islamismus und zusammenbrechende Staaten
(“failing
states”) in Afrika. Ghaddafi verfügt wegen seiner maßgeblichen Rolle
bei der
Integration Afrikas in vielen abhängigen Ländern über einen besonderen
Einfluss. Dies stellte er im vergangenen Jahr mit seinem Einsatz zur
Befreiung
von Geiseln aus der Schweiz, Deutschland und Österreich in der Sahara
unter
Beweis. Auch als im Sommer 2000 einige westliche Touristen, darunter
Deutsche,
auf den Philippinen von einer Extremistengruppe festgehalten wurden,
halfen Unterhändler
und Geld aus Libyen. Nun sollen britische Offiziere als Berater der
libyschen Armee
zum Einsatz kommen. Eine Militärkooperation auch mit Griechenland ist
verabredet.
Libyen
erwirbt in diesen Wochen von Italien die in 2003 vertraglich
zugesicherten
Boote, Jeeps, Radargeräte und Hubschrauber zur Grenzüberwachung.
Italienische
Ausbilder und Berater sind bereits im Land. Schon in den ersten
Augusttagen
lieferte Rom nach Medienberichten Zelte und anderes Material für drei
Aufnahmezentren in Libyen. “Die Lager werden errichtet”, sagte Pisanu
in einem
Interview der Zeitung La Repubblica, “sie haben nie zur Diskussion
gestanden.”
Die italienische Marine überwacht inzwischen weite Teile der libyschen
Küste.
Unter Druck aus Rom kontrolliert Ägypten die Seefahrt im Roten Meer auf
Flüchtlingsschiffe.
Tunesien betreibt mit italienischen Geldern bislang 13
Abschiebegefängnisse,
von denen elf vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Viele der
aus
Italien Abgeschobenen würden in die tunesisch-algerischen Wüste
transportiert
und dort ausgesetzt.
Auch
die Bundesregierung sorgt für die Aufrüstung der nordafrikanischen
Küstenüberwachung.
Wie das Verteidigungsministerium mitteilt, erhält Tunesien sechs
Albatros-Schnellboote aus den Beständen der deutschen Marine. Bereits
vor zwei
Jahren ist die Lieferung von fünf Schnellbooten nach Ägypten
beschlossen
worden. Im Jahr 2002 erhielt Algerien Überwachungssysteme für 10,5 Mio.
Euro,
Tunesien Kommunikationsausrüstung und Radargeräte für rund eine Mio.,
Marokko
Militär-LKWs für 4,5 Mio. Euro.
In
zwei Gefahrenszenarien haben die westlichen Industriestaaten eine
umfassende
Bedrohung im und aus dem Mittelmeerraum beschrieben: Im Zentrum des
einen steht
der islamische Fundamentalismus, im Zentrum des anderen die
unkontrollierte
Migration. Erstaunlich ist, wie die beiden völlig unterschiedlichen
gesellschaftlichen Gemengelangen in der Bedrohungsvision amalgieren. In
den
Beschlüssen der beteiligten EU-Staaten kann man lesen, Al Kaida und die
Boat
People stützten sich auf die gleichen nordafrikanischen Netzwerke.
Mittlerweile
entstehen Fahndungsgruppen, die beide Feinde gleichzeitig bekämpfen
sollen.
Dietrich,
Helmut (2004): Die Front in der Wüste. Die EU beginnt mit der
Einrichtung von Abschiebe- und Flüchtlingslagern in Nordafrika – mit
tatkräftiger Unterstützung Libyens. In: Konkret 12 (2004)